Mercedes-Historie in Stuttgart

Als Daimler und Maybach heimlich am Motor tüftelten – und für Misstrauen sorgten

Vor 140 Jahren, am 8. März 1886, bestellt Gottlieb Daimler im Bohnenviertel eine Kutsche, die zur Basis des ersten vierrädrigen Automobils wird. Ein Anlass für einen Blick zurück.

Ein bekanntes Foto: Gottlieb Daimler wird von seinem Sohn gefahren. Im Kurpark in Bad Cannstatt erinnert unter anderem diese Tafel an den Pionier.

© imago/United Archives, Rouven Spindler

Ein bekanntes Foto: Gottlieb Daimler wird von seinem Sohn gefahren. Im Kurpark in Bad Cannstatt erinnert unter anderem diese Tafel an den Pionier.

Von Rouven Spindler

Wer im Kurpark in Stuttgart-Bad Cannstatt unterwegs ist, kann in Automobilgeschichte eintauchen. Schließlich liegt dort die Gottlieb-Daimler-Gedächtnisstätte. Ein Ort, an dem Daimler zusammen mit seinem Weggefährten Wilhelm Maybach einst den ersten schnellaufenden Motor überhaupt entwickelte.

Und nicht nur das: Am 8. März 1886 bestellte Daimler dann im Stuttgarter Bohnenviertel eine Kutsche, auf deren Basis später das erste vierrädrige Automobil unterwegs sein sollte – ein zentrales Ereignis, auf das der Stuttgarter Autohersteller Mercedes-Benz blickt, der 2026 nun 140 Jahre Innovation feiert. Zeit für eine kleinen Rückschau auf das, was Gottlieb Daimler und recht kurz vor ihm Carl Benz mit ihrem Pioniergeist erreichten.

Mercedes-Benz feiert 140 Jahre Innovation

Gottlieb Daimler zieht es 1882 aus der Nähe von Köln nach Stuttgart. Er war zuvor technischer Direktor bei Deutz und verließ die Gasmotorenfabrik später im Streit. Sein Ziel: sich selbstständig machen. Maybach, der ebenfalls bei Deutz tätig war, folgt ihm wenig später.

Daimler kauft in der Cannstatter Taubenheimstraße eine Villa, lässt das Gewächshaus durch einen Anbau vergrößern und macht es prompt zur Werkstatt. Dort, wo heute ein kleines Museum zu finden ist, experimentieren Daimler und Maybach von 1882 bis 1887. In der Gedächtnisstätte ist diese Zeit dokumentiert. Die Ingenieure tüfteln am kleinen, leichten und schnelllaufenden Verbrennungsmotor – unter strenger Geheimhaltung, „denn Gottlieb Daimler hatte Angst, dass seine Idee der Konkurrenz bekannt werden könnte“, blickt Mercedes auf seiner Homepage in die Geschichte zurück.

Daimler und Maybach setzten auf Geheimhaltung

Auch die Hausangestellten und der Gärtner erfahren demnach nicht davon, an was das Erfinder-Duo im früheren Gartenhaus eigentlich so werkelt. Was beim Gärtner gar dazu führt, dass er zur Polizei geht – mit der Vermutung, dass die beiden in der Werkstatt Falschgeld herstellen, „denn er würde es oft klopfen und nach Metall klingen hören“, schreibt der Autobauer heute. „Als die Polizei den beiden Ingenieuren nachts einen Besuch abstattete, fand sie zu ihrer Überraschung statt einer Münzpresse nur Werkzeuge und Motorteile vor.“

Fehlalarm also. Und Bahn frei für den ersten schnellaufenden Viertaktmotor – wegen seiner Optik „Standuhr“ genannt –, den das Duo 1883 entwickelt. Zwei Jahre darauf rollt damit der sogenannte Reitwagen, das erste Motorrad der Welt, das Daimler auch patentieren ließ, durch Cannstatt. Das Ziel des Pioniers sei es nie gewesen, sich nur auf das Automobil zu konzentrieren, wie in der Gedächtnisstätte nachzulesen ist. Die neuen Verbrennungsmotoren sollten „zu Wasser, zu Lande und in der Luft“ – also möglichst universell – anwendbar sein.

Bevor in Stuttgart das erste vierrädrige Automobil auf den Straßen auftaucht, tut sich in Berlin etwas. Dort geht am 29. Januar 1886 ein Schreiben ein – genauer: Die Patentanmeldung für ein „Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb“ von Carl Benz. Der Ingenieur entwickelte in Mannheim über Jahre ein völlig neues, dreirädriges Gefährt. Und erreicht so letztlich das, was heute als Geburtsstunde des Automobils gilt. Er und Daimler sind die Pioniere des Automobils – und zwar unabhängig voneinander. Sie arbeiten zeitgleich an ihren Innovationen, treffen sich aber nie.

Daimler zieht zeitnah nach. Sein Automobil hat vier Räder – und basiert auf einer angekauften Kutsche der Bauart „Americain“. Die bestellt er am 8. März 1886 beim Wagenbauer Wimpff in der Rosenstraße im Stuttgarter Bohnenviertel. Dort, wo das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Geschäftsgebäude stand, erinnert heute eine Infotafel an Wimpff.

Die Fabrik liefert die von Daimler erworbene Kutsche im August 1886 aus. In der Maschinenfabrik Esslingen lässt Daimler seinen Benzinmotor einbauen, heißt es im Mercedes-Benz-Archiv. Er erschafft so die „Motorkutsche“, den ersten vierrädrigen Kraftwagen. Der Hubraum ist deutlich größer als der des Reitwagens im Vorjahr.

Fusion zur Daimler AG liegt bald 100 Jahre zurück

1887 verlassen Daimler und Maybach ihren Arbeitsplatz in der Taubenheimstraße – der sei viel zu klein geworden, klären die Museumstafeln auf. Zusammen mit Arbeitern ziehen sie in ungenutzte Werkstätten am Seelberg in Cannstatt. 1890 entsteht die Daimler-Motoren-Gesellschaft. Wenige Jahre nach dem Tod Gottlieb Daimlers 1900 zieht das Unternehmen nach Untertürkheim.

In der dortigen Zentrale in Stuttgart und an all seinen Standorten kann Mercedes-Benz im Sommer dann auf ein 100-Jahr-Jubiläum blicken – denn Ende Juni 1926 fusionierten Benz & Cie. und die Daimler-Motoren-Gesellschaft zur Daimler-Benz AG.

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Erstellt:
7. März 2026, 15:58 Uhr
Aktualisiert:
7. März 2026, 20:39 Uhr

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