Ursprünge von Krieg und Gewalt
Als der Mensch sesshaft wurde, kam der Krieg in die Welt
Seit wann tragen Gruppen des Homo sapiens Streitigkeiten gegeneinander mit organisierter Gewalt und speziellen Werkzeugen zum Töten aus? Eine historische Spurensuche.
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Wann war das erste blutige Gemetzel in der Geschichte des Homo sapiens, in dem sich Menschen gegenseitig erstachen, erschlugen, erwürgten?
Von Markus Brauer
„Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot“ (Die Bibel, Altes Testament, 1. Buch Moses, Kapitel 4, Vers 8).
Der erste Mord in der Weltgeschichte wird in der Bibel als Brudermord geschildert. Der Ackermann Kain erschlägt aus Eifersucht, Hass und Neid im Zorn seinen Bruder Abel, der Hirte ist und vor Gott Wohlgefallen gefunden hat.
Fehden, Massaker, Kannibalismus
Mord und Totschlag gibt es schon seit den Anfängen der Menschheit: Schon unter Neandertalern gab es tödliche Fehden, Massaker und sogar Kannibalismus, aber auch der Homo sapiens metzelte Gegner nieder, wie 10.000 Jahre alte Skelettfunde belegen.
Wann war das erste blutige Gemetzel in der Geschichte des Homo sapiens, in dem sich Menschen gegenseitig erstachen, erschlugen, erwürgten?
Die Menschen hätten sich schon immer die Köpfe eingeschlagen. „Aber nur individuell und gelegentlich, nicht massenweise und beständig“, sagt der Prähistoriker Harald Meller. „Den ersten belegbaren Mord gab es in der Altsteinzeit, vor etwa 430.000 Jahren, nahe Atapuerca in Spanien.“
Als der Krieg in die Welt kam
Gemeint ist hier Krieg im Sinne eines organisierten, unter Einsatz erheblicher personeller Mittel mit Waffen und Gewalt ausgetragenen Konflikts. Ein brachiales Hauen und Stechen, an dem planmäßig vorgehende, rivalisierende Gruppen beteiligt sind, die mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln ihre Interessen durchzusetzen versuchen und dabei eine Vielzahl an Todesopfern und verheerenden Verwüstungen in Kauf nehmen.
Vor dem Jungpaläolithikum (circa 43.000 bis 10.000 v. Chr.) wäre Krieg aufgrund der „damaligen Lebensweise des hochmobilen Jagens und Sammelns“ nicht rational gewesen, erläutert Meller. Zusammen mit dem Historiker Kai Michel und dem Evolutionsbiologen und Anthropologen Carel van Schaik hat er das Buch „Die Evolution der Gewalt. Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen. Eine Menschheitsgeschichte“ (dtv, 2024, 368 Seiten, 28 Euro) verfasst.
Beginn von Sesshaftigkeit
Zur Frage nach den Ursprüngen von Krieg stehen sich zwei Theorien gegenüber: Thomas Hobbes sah Gewalt als natürlichen Zustand des Menschen, während Jean-Jacques Rousseau frühe Gesellschaften als überwiegend friedlich betrachtete.
Die Anthropologin Virginia Estabrook untersuchte Skelettfunde aus verschiedenen prähistorischen Epochen und zeigte, dass tödliche Verletzungen im Mesolithikum häufiger waren als in früheren Zeiten. Eine statistische Re-Analyse durch Markus Neuhäuser von der Hochschule Koblenz bestätigt nun den Anstieg sowie wachsenden Anteil von Projektil- und Klingenverletzungen. Kriege häuften sich erst mit Beginn von Sesshaftigkeit und frühen Ackerbaugesellschaften.
Hobbes und Rousseau
Seit wann führen Menschen Kriege? Zu dieser Frage gibt zwei gegensätzliche Theorien: Der englische Philosoph Thomas Hobbes sprach von einem „Krieg aller gegen alle“. Für ihn waren Gewalt und Krieg in der Vergangenheit der Menschheit die Norm.
Der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau dagegen sah die Wurzeln von Gewalt und Krieg in den Zivilisationen. Er ging davon aus, dass einfachere, frühere Gesellschaften von Frieden geprägt waren. Der Mensch sei von Natur aus gut.
Gewalt und Verletzungen
Virginia Estabrook versuchte im Jahr 2014, die Frage empirisch zu klären (Estabrook V.H.: Violence and warfare in the European Mesolithic and Paleolothic. In: Allen MW & Jones TL (eds.): Violence and warfare among hunter-gatherers. 2014, S. 49-69). Sie verglich das Ausmaß von Gewalt und tödlichen Verletzungen zwischen dem Mesolithikum (Mittelsteinzeit) und den früheren Epochen Mittel- und Jungpaläolithikum.
Das Mesolithikum ist durch eine sesshaftere Lebensweise gekennzeichnet. Später, in der Jungsteinzeit, dem Neolithikum, waren Konflikte und Gewalt in den sesshaften Ackerbaugesellschaften Europas weit verbreitet.
Estabrook konnte nicht einfach Häufigkeiten von Traumata in Skelettfunden vergleichen, in älteren Epochen sind möglicherweise weniger Funde erhalten und verfügbar. Daher ordnete Estabrook die Verletzungen nach Schweregrad und verglich die Verteilung der Schweregrade zwischen den drei Zeitabschnitten.
So konnte sie untersuchen, ob Verletzungen in einer der Epochen schwerwiegender waren. Estabrook konnte zeigen, dass tödliche Verletzungen im Mesolithikum signifikant häufiger waren als in den früheren Epochen. Darüber hinaus verglich sie die Anteile von Verletzungen durch Projektile und Klingen mit denen durch stumpfe Gewalteinwirkung zwischen den drei Zeitabschnitten.
Projektil- und Klingenverletzungen nahmen mit der Zeit signifikant zu
Markus Neuhäuser führte eine neue statistische Analyse der von Estabrook gesammelten Daten durch. Dabei wurden moderne statistische Verfahren sowie Trend-Tests genutzt. Die Re-Analyse konnte den signifikanten Anstieg schwererer Verletzungen und tödlicher Traumata im Mesolithikum bestätigen.
Dieser Effekt bleibt auch dann signifikant, wenn das Geschlecht mit im statistischen Modell berücksichtigt wird. Dies ist wichtig, da Männer im Allgemeinen die Hauptakteure in der Kriegsführung sind, auch wenn es archäologische Belege für Kriegerinnen gibt. Zudem konnte Neuhäuser zeigen, dass der Anteil von Projektil- und Klingenverletzungen mit der Zeit signifikant zunahm.
Kriege im Zeitalter der Sesshaftigkeit
Die Re-Analyse bestätigt also nicht nur Estabrooks Ergebnisse, sondern liefert darüber hinaus deutlichere Resultate. Es gab signifikant mehr tödliche Gewalt und zudem höhere Anteile von Projektil- und Klingenverletzungen in späteren Zeiträumen.
Diese Ergebnisse sind zu erwarten, wenn kriegerische Auseinandersetzungen mit der Sesshaftigkeit im Mesolithikum aufgekommen sind. Davor hat es sicherlich auch individuelle Gewalttaten gegeben, aber Jäger und Sammler haben im Allgemeinen keine Kriege geführt.
Es gab kaum Eigentum, keinen Landbesitz, und einem Konflikt konnte man durch Weiterziehen in andere Gebiete ausweichen, ohne den Tod auf dem Schlachtfeld zu riskieren. Zudem waren die Gesellschaften der Jäger und Sammler sehr egalitär, so dass es keine Anführer gab, die Untertanen in einen Krieg zwingen konnten.
All das änderte sich mit der Sesshaftigkeit, der Einführung der Landwirtschaft und dem, was wir Zivilisation nennen.
