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Alte Kulturschätze zu neuem Leben erweckt

Gelungenes Experiment: „Theatelier fabula et cetera“ präsentiert Auswahl an Balladen im Zimmertheater der Volkshochschule

Sie ist uralt und war in ihrer Ursprungsheimat Okzitanien, heute Südfrankreich, sehr beliebt. Gemeint ist die Ballade. Ab dem 18. Jahrhundert haben sie auch deutsche Dichter gerne als Form der Poesie aufgegriffen. Mitglieder des Ensembles „Theatelier fabula et cetera“ haben in zwei Sessions im Zimmertheater der Volkshochschule Murrhardt spannende Schlaglichter auf die Kunstform geworfen, indem sie ihrem Publikum eine eigene Auswahl vortrugen.

Die Auswahl der vorgestellten Werke umspannt einen enormen Zeitraum und hält für das Publikum ganz unterschiedliche Stimmungen bereit. Detlef Neumann (vorne) macht aber auch deutlich, wie aktuell manche Themen wirken, sich sozusagen durch die Geschichte ziehen. Fotos: T. Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Die Auswahl der vorgestellten Werke umspannt einen enormen Zeitraum und hält für das Publikum ganz unterschiedliche Stimmungen bereit. Detlef Neumann (vorne) macht aber auch deutlich, wie aktuell manche Themen wirken, sich sozusagen durch die Geschichte ziehen. Fotos: T. Sellmaier

Von Petra Neumann



MURRHARDT. Nein, nein, gemeint ist nicht die berühmte „Ballade pour Adeline“, aber die Stimmung im Zimmertheater glich schon ein bisschen einem Salonabend im 18. Jahrhundert. Es ist gerade die Zeit, in der die Vernunft dem Schaurigen weichen muss, im historischen wie im tatsächlichen Sinne.

Detlef Neumann und seine Mitstreiter Elke Döderlein, Jana Bernet, Sven Kollak und Axel Harsch von „Theatelier fabula et cetera“ trugen und sangen mitunter zu Gitarrenbegleitung Werke von Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller oder Annette von Droste-Hülshoff vor. „Der heutige Abend ist ein Experiment, das wir zum ersten Mal machen“, sagte Detlef Neumann, Leiter der Volkshochschultheatergruppe. „Wir alle haben wohl das letzte Mal in der Schule mit Balladen zu tun gehabt, aber sie sind etwas sehr Schönes. Wir wollen sie nicht interpretieren, sondern lediglich vortragen.“ Und es war eine sehr gelungene Präsentation der Rezitierenden. Sie vermittelte die Intensität und Besonderheit dieser Art von Dichtkunst sehr gelungen und hielt die Zuhörer gleichzeitig in Spannung.

Zur Einstimmung sang das Ensemble „Es waren zwei Königskinder“, die einander nicht näher kommen können, weil ein tiefer See unüberbrückbar ist. Der Versuch des Königssohns, ihn zu überqueren, scheitert, er ertrinkt kläglich und seine Liebste folgt ihm freiwillig ins nasse Grab.

Nicht immer waren die Balladen reine Gedankenprodukte ihrer Verfasser. Agnes Bernauer (1410 bis 1435) beispielsweise hat wirklich gelebt und wurde nach ihrer Heirat mit Herzog Albrecht III. auf Betreiben dessen Vaters Herzog Ernst hingerichtet, wie sehr viel später eine Volksballade erzählt. Als die Kunstform dann vom französischen Hof nach Deutschland überschwappte, wurde sie vom Volk aufgegriffen und es konnte durchaus vorkommen, dass sie etwas rustikal klang, die Reimform nicht mehr eingehalten war oder sie gar im Dialekt geschrieben wurde. Aus der Schweiz stammt jene Ballade, die von der unglücklichen Liebe eines jungen Bauernpaars berichtet. Die Liebste ist nach dem Willen der Eltern zu jung für eine Verbindung und so geht der Jungspund als Landsknecht nach Flandern.

Johann Wolfgang von Goethe (1749 bis 1832) und Friedrich Schiller (1759 bis 1805) trugen sogar einen Wettstreit aus und verfassten eine stattliche Anzahl an Balladen. Gespenstisch und schaurig sind Goethes „Der Erlkönig“ und „Der Zauberlehrling“. „Ich glaube, uns geht es auch so, wir haben die Geister gerufen in der Technik und Wissenschaft und werden sie nun nicht mehr los“, unterstrich Detlef Neumann die Aktualität mancher dieser Werke. So stellte Heinrich Heine (1797 bis 1756) in „Das Sklavenschiff“ den ruchlosen Handel mit kostbaren Gütern aus Afrika sowie Sklaven bloß. Ein bisschen erinnert das Œuvre an die Flüchtlingswelle und gleichzeitig an die skrupellose Ausbeutung aller natürlichen Ressourcen im Namen des Wirtschaftswachstums. Gruselig wurde es wieder bei „Der Knabe im Moor“ von Annette Droste-Hülshoff (1797 bis 1848). Der Junge vermeint bei seinem Gang durch das schaurige Gebiet die Geister der Untoten zu sehen.

Aufgrund der Vielzahl an Balladen, die es wert sind, wieder einmal öffentlich gehört zu werden, wurde die Vorstellung zweigeteilt. Nach dem Samstagabend folgte ein weiterer Part zur nachmittäglichen sonntäglichen Stunde, bei dem das Publikum auch das humorvoll-ironische Verwenden der Form genießen konnte, wie beispielsweise in Franz Josef Degenhardts (1931 bis 2011) „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“.

Fazit: Nicht alles, was alt ist, ist altmodisch und durch die großartige Entstaubungskur wurde manch wertvoller Kulturschatz zum Leben erweckt. Ein sehr gelungenes Experiment, das von allen Beteiligten wunderschön „inszeniert“ worden war.

...Sven Kollak und Elke Döderlein.

© Tobias Sellmaier

...Sven Kollak und Elke Döderlein.

Das Rezitationsteam mit (von links) Axel Harsch und Jana Bernet...

© Tobias Sellmaier

Das Rezitationsteam mit (von links) Axel Harsch und Jana Bernet...

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Erstellt:
21. Januar 2020, 06:00 Uhr

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