Nur Königinnen
Amazonen-Insekten: Diese Ameisenart hat keine Männchen
Eine japanische Ameisenart ist weltweit einzigartig, denn sie kennt weder Männchen noch Arbeiterinnen. Stattdessen besteht die Spezies Temnothorax kinomurai nur aus Königinnen, wie Biologen entdeckt haben.
© © Keiko Kinomura
Die japanische Ameisenart Temnothorax kinomurai kennt weder Männchen noch Arbeiterinnen. Stattdessen nutzen die Königinnen dieser Art fremde Nester und deren Arbeiterinnen (dunkel) als Aufzuchthilfe.
Von Markus Brauer
Ameisen gehören zu den anpassungsfähigsten Spezies auf unserem Planeten – und zu den zahlreichsten: Auf jeden Menschen weltweit kommen rund 2,5 Millionen Ameisen. Die vielseitigen Insekten haben sich an fast alle Lebensräume angepasst und spielen eine wichtige Rolle in ihren Ökosystemen.
Hierarchische Sozialstruktur
Typisch für die meisten Ameisenarten ist ihre hierarchische Sozialstruktur: Eine Ameisenkolonie besteht meist aus unfruchtbaren Arbeiterinnen, kurzlebigen Männchen und mindestens einer Königin, die für den Nachwuchs sorgt.
So weit das gängige Schema. Doch jetzt haben Biologen eine Ameisenart entdeckt, die all diese Regeln durchbricht. Die seltene Art Temnothorax kinomurai kommt in Japan vor und war schon vorher als Parasit bekannt.
Parasitäre Ameisenart Temnothorax kinomurai
„Junge Königinnen erobern die kleinen Nester der verwandten Art Temnothorax makora und töten deren Königin und einige Arbeiterinnen dann durch Stiche. Dann ziehen sie ihren eigenen Nachwuchs mithilfe der überlebenden Arbeiterinnen auf“, berichten Keiko Hamaguchi vom Kansai Forschungszentrum in Japan und ihre Kollegen im Fachjournal „Current Biology“.
Wie bei den meisten Tierarten gibt es auch bei Ameisen zwei Geschlechter, Weibchen und Männchen. Bei den weiblichen Tieren gibt es außerdem zwei verschiedene „Kasten“: Königinnen, die für die Paarung und Fortpflanzung zuständig sind, und Arbeiterinnen, die alle anderen Tätigkeiten im Staat übernehmen.
Männchen sterben nach der Paarung
Die Männchen sterben nach der Paarung und spielen für den Staat keine weitere Rolle. Ihr Sperma wird jedoch von der Königin zeitlebens genutzt, um Eier zu befruchten. „Von diesem Grundschema gibt es eine Reihe von Abwandlungen“, erklärt Jürgen Heinze, Zoologe und Evolutionsbiologe an der Universität Regensburg, der an der Studie beteiligt war.
„Einige parasitische Ameisenarten haben die Arbeiterinnen-Kaste verloren. Bei ihnen dringt die Königin in Nester anderer Arten ein und lässt die dortigen Arbeiterinnen für sich arbeiten. Außerdem gibt es einige wenige Arten, bei denen weibliche Tiere ohne Paarung durch Jungfernzeugung – der sogenannten Parthenogenese - aus unbefruchteten Eiern neue Weibchen heranziehen können“, erläutert Heinze.
Weder Männchen noch Arbeiterinnen
In der japanisch-deutschen Zusammenarbeit konnte nun erstmals klar nachgewiesen werden, dass die Ameisenart Temnothorax kinomurai noch einen Schritt weiter geht: Sie ist die einzige bekannte Ameisenart, die sowohl auf Arbeiterinnen als auch auf Männchen verzichtet.
Für die Aufzucht ihrer Nachkommen überfallen die Königinnen andere Ameisenstaaten von Temnothorax makora – einer verwandten Art. Sie übernehmen deren kleinen Staat und legen dann unbefruchtete Eier, die von den Wirts-Ameisen ausschließlich zu neuen Königinnen aufgezogen werden. Damit ist Temnothorax kinomurai die erste Ameisenart, bei der es weder Arbeiterinnen noch Männchen gibt.
Gezielte Aufzuchtversuche
Der japanische Ameisenforscher Kyoichi Kinomura hatte diese Besonderheit aufgrund seiner Beobachtungen zwar schon lange vermutet, doch die extreme Seltenheit dieser in Eicheln lebenden Art machte es schwierig, exakte Daten zur Brutproduktion zu erheben.
Ameisenart nur aus Königinnen
Durch gezielte Aufzuchtversuche mit neuen, in Japan gefundenen Kolonien, konnte seine Vermutung jetzt bestätigt werden: Temnothorax kinomurai ist bislang die einzige Ameisenart, die nur aus Königinnen besteht.
Dies belegt nicht nur die Plastizität der Kolonie-Struktur von Ameisen, sondern stellt auch einen weiteren Schritt in der Evolution parasitischer Ameisen dar: Die meisten arbeiterinnenlosen sozialparasitischen Ameisen vermehrten sich dadurch, dass sich im Nest Geschwister verpaaren, berichtet Heinze.
Es würde also kaum zu einem genetischen Austausch kommen. Ganz auf die Investition in Männchen zu verzichten und stattdessen alle verfügbaren Ressourcen in die Aufzucht von parthenogenetischen Jungköniginnen zu stecken, sei gerade bei Arten, bei denen mit der Koloniegründung die Wirtskönigin und damit die Quelle neuer Wirtsarbeiterinnen getötet wird, ein zwar unerwarteter, evolutionär gesehen, aber sinnvoller Schritt, resümiert der Regensburger Biologe.
