Nach der Landtagswahl
An Cem Özdemir scheiden sich in der Türkei die Geister
Der Wahlsieg von Cem Özdemir löst in der Türkei unterschiedliche Reaktionen aus. Kritik kommt vor allem von Anhängern von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan.
© dpa/Marijan Murat
Cem Özdemir hat das erreicht, was Präsident Erdogan von Auslandstürken stets fordert: hart arbeiten, erfolgreich sein, Karriere machen.
Von Gerd Höhler
In Baden-Württemberg leben Schätzungen zufolge bis zu 350 000 wahlberechtigte Menschen türkischer Herkunft. Sie könnten bei der Wahl am 4. März eine entscheidende Rolle gespielt haben, denn bei den maßgeblichen Zweitstimmen lagen die Grünen nur 27 312 Stimmen vor der CDU. Dass Wählerinnen und Wähler mit türkischem Migrationshintergrund geschlossen für Özdemir gestimmt haben, gilt jedoch als unwahrscheinlich. Der designierte Ministerpräsident hat viele Unterstützer — aber auch erbitterte Gegner, insbesondere unter Anhängern von Präsident Recep Tayyip Erdogan, dessen Politik er seit Jahren scharf kritisiert.
Dies spiegeln auch die Reaktionen in türkischen Medien wider. Özdemir sei „nur noch dem Namen nach einer von uns“, schrieb die regierungsnahe Zeitung „Hürriyet“. „Yeni Şafak“ erinnerte daran, dass Özdemir „die Armenien-Genozid-These unterstützt“. Gemeint ist die Bundestagsresolution von 2016, mit der die Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord eingestuft wurden — ein Beschluss, den Özdemir maßgeblich unterstützte. In der Folge starteten regierungsnahe Medien und soziale Netzwerke in der Türkei eine Hetzkampagne gegen ihn. Özdemir erhielt Morddrohungen und stand zeitweise unter Personenschutz. Präsident Erdogan sagte über Özdemir, der „angebliche Türke“ solle einen Bluttest machen, um seine Abstammung zu beweisen; sein Blut sei „verdorben“. Özdemir konterte trocken: „Meine Blutwerte sind in Ordnung — ich war gerade erst beim Arzt.“
Schärfster Kritiker Erdogans
Die Armenier-Resolution habe sein Leben „in ein Davor und ein Danach verändert“, sagte Özdemir. Seit dieser Kontroverse ist Özdemir nicht mehr in die Türkei gereist. Als Grund nennt er massive Bedrohungen durch türkische Nationalisten sowie das unkalkulierbare Risiko einer Einreise unter der aktuellen Regierung. In Deutschland zählt Özdemir zu den schärfsten Kritikern Erdogans. Die Türkei werde „ohne Not durch ihren Herrscher ins Chaos gestürzt“. Deutschland dürfe nicht wegsehen, wenn sich das Land „in ein autoritär geführtes Mini-Pakistan an der europäischen Grenze“ verwandle. Ein Treffen der EU-Spitze mit Erdogan bezeichnete Özdemir als „Selbstverzwergung“ der Union und als „Hohn gegenüber allen demokratischen Kräften in der Türkei“.
Nach der Verhaftung des Oppositionspolitikers Ekrem Imamoglu im März 2025 sprach er offen von der Erdogan-Regierung als einem „Regime“. Auch in sozialen Medien fallen die Reaktionen gemischt aus. Manche äußern Stolz über den Aufstieg des Gastarbeiterkindes, andere kommentieren abfällig: „Der ist doch längst komplett Deutscher geworden.“ Regierungskritische Stimmen wiederum weisen darauf hin, dass Özdemir genau das erreicht habe, was Erdogan von Auslandstürken stets fordere: hart zu arbeiten, erfolgreich zu sein, Karriere zu machen. Das hat Özdemir geschafft – allerdings nicht im Sinne Erdogans.
