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Arbeit gab es im Überfluss

Vor 75 Jahren: Erinnerungen an die Nachkriegszeit in Murrhardt (7) Nach Kriegsende machte sich die Bevölkerung an den Wiederaufbau der zerstörten Häuser und Infrastruktur. Im Sommer benötigte zudem die Landwirtschaft Hilfe bei der Ernte.

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. Vor einem riesigen Berg an Aufgaben standen die Einwohner der Walterichstadt nach Ende des Kriegs. Zuerst galt es, die zerstörten Häuser, öffentliche Gebäude und Betriebe, Verkehrsverbindungen und Versorgungseinrichtungen wiederaufzubauen. Es gab also Arbeit im Überfluss, darum war auch jeder verpflichtet, mit anzupacken.

Anschaulich schildert dies Eugen Gürr in seiner „Murrhardter Chronik 1945/46“: „Ganz bald kam der Aufruf zur Arbeit. Die Betriebe machen Aufräumarbeiten (...). Die Handwerker werden überlaufen“, weil sie wegen des Wiederaufbaus so viel zu tun hatten wie wohl noch nie zuvor. Die Sägewerke „schaffen unter Anordnung der Militärregierung fest. (...) Vom Schüler bis zum alten Mann schafft alles. Trümmer werden aufgeräumt, Material gerettet, Panzersperren waren sehr bald beseitigt.“ Jungen reinigten am Sonntag die Straßen, der Müll wurde abgeführt.

Glaser, Maurer, Zimmerleute und andere Handwerksbetriebe hatten „furchtbar viel Geschäft“, berichtet Gürr. Maurer beseitigten Schäden und ließen die Ziegelmauern des „Ochsen“ und der Buchdruckerei Lang bis Ende Mai wieder emporwachsen. Die Schaufenster der Läden wurden provisorisch aus Holz mit einem Glasauge ersetzt. Nach einiger Zeit öffneten sie wieder, zuerst die Lebensmittelgeschäfte wie Metzger und Bäcker, später auch die Gemischtwarenhändler. Eine Werkstätte für Landmaschinen machte allerlei Reparaturen. Zuerst baute man die gesprengte GrauBrücke wieder auf, anschließend kam die Ochsenbrücke dran.

Wegen des heißen und trockenen Wetters im Sommer 1945 reiften Heu und Getreide, Kartoffeln und Gemüse sowie das Obst früher als sonst. Folglich hatten die Bauern unglaublich viel zu tun, und deshalb rief der Landrat die Bevölkerung am 1. Juli dazu auf, bei der Ernte mitzuhelfen. Nach und nach konnten auch die Betriebe wieder mit der Produktion beginnen. Eine große Schuhmacherwerkstatt suchte dringend Arbeitskräfte, auch konnten Personen, die Arbeit suchten, als Holzarbeiter im Stadtwald mit anpacken. Wer keine Arbeit nachweisen konnte, musste sich auf dem Bürgermeisteramt melden.

Im Sommer kamen trotz der Not und noch schwieriger Zustände Kurgäste nach Murrhardt.

Im Juli eröffnete auch die Pension am Riesberg wieder, denn trotz der Not und noch chaotischer Zustände gab es tatsächlich Kurgäste im damaligen Luftkurort Murrhardt. Die ersten Häuser wurden mit viel Eigeninitiative und Einsatz wieder auf- oder neu gebaut, sodass laut Gürrs Chronik bereits am 31. Oktober „zwei Haus-Richtfest-Bäumle“ aufgestellt wurden.

Die Versorgungsprobleme blieben jedoch weiter bestehen: „Vor Weihnachten fehlt bei mangelndem Verkehr Kohle und Material. Handwerker und Fabriken müssen durch Handarbeit und Findigkeit das Fehlende ersetzen. Das Handwerk steht unter doppeltem Druck und Nachfrage der Kundschaft.“ Wie viel es zu tun gab und wie schwierig die Situation war, illustrieren Erlebnisberichte zum Wiederaufbau von bereits verstorbenen Zeitzeugen im Buch „Lang, lang ist’s her! Murrhardter Erinnerungen“, gesammelt von Marianne Widmaier, herausgegeben von der evangelischen Kirchengemeinde Murrhardt 2001. Darin erzählte Geschäftsfrau Lydia Nüssle: „Schwierig gestaltete sich der Wiederaufbau. Für die ausgebrannte Wohnung erhielten wir Lastenausgleich.“ Zur Erklärung: Alle Personen, die infolge des Zweiten Weltkriegs und seiner Nachwirkungen Vermögensschäden oder besondere andere Nachteile erlitten hatten, erhielten eine finanzielle Entschädigung. Diese kompensierte jedoch meist nur einen Bruchteil des entstandenen Schadens.

Die Stadtverwaltung genehmigte unbürokratisch die ersten Neu- und Wiederaufbauten von Häusern, aber die Häuslebauer mussten das Baumaterial selbst besorgen. „Ich selbst bin in den Steinbruch nach Köchersberg gegangen“, erklärte Lydia Nüssle, dessen Inhaber sie unterstützte. „Das Material wurde in eine Rollkarre verladen, die ich hinunterfahren musste. Dabei zog die volle eine leere Karre wieder nach oben. Mit dem Fahrrad fuhr ich nach Lauffen am Neckar, um Zement zu organisieren.“ Ein Murrhardter Geschäftsmann, der gute Kontakte dorthin hatte, transportierte auch Zement nach Murrhardt. Dank dieser großen Anstrengungen und gegenseitigen Unterstützungsleistungen konnten bereits 1946 einige Familien in ihre neu oder wiederaufgebauten Häuser einziehen.

Am Kriegsende brannte das Haus der Familie von Martha Helbig ab. „Solange wir obdachlos waren, haben wir so unglaublich viel Hilfe von vielen Murrhardtern erfahren, das hat uns mit Zuversicht erfüllt“, berichtete die Zeitzeugin. Während des Kriegs hatte sie hin und wieder einem Mitarbeiter der Volksbank Milch und Butter gebracht, und als Gegenleistung unterstützte dieser die Familie in der Nachkriegszeit dabei, Baumaterial zu bekommen. „Zuerst habe ich Säcke gebraucht, die habe ich mit dem Rad in Cannstatt geholt. Als ich die Säcke hatte, bekam ich Zement von Leuten, die haben bei meiner Schwester im Gänshof immer wieder gehamstert.“ Diese Leute hatten als Gegenleistung angeboten, wenn sie mal Zement brauche, könne sie sich an sie wenden. „Bauholz haben wir von der Stadt vom Stadtbaumeister bekommen“, berichtete Martha Helbig.

Zeitzeugin Annemarie Meindl verdeutlicht, dass man vor allem in der Landwirtschaft viele Arbeitskräfte brauchte, ebenso bei den zahlreichen kleinen Handwerksbetrieben. Die größeren Industriebetriebe wie die stark zerstörte Lederfabrik Schweizer und die Waagenfabrik Soehnle konnten indes erst nach einiger Zeit wieder mit der Produktion beginnen. Laut Zeitzeugin Marianne Schurr fanden dadurch die Einheimischen und die heimkehrenden Soldaten rasch Arbeit. Ebenso die Flüchtlinge, die seit dem Herbst 1945 eintrafen, sowie die 1946 nach und nach ankommenden Vertriebenen. Zudem „kam nach Kriegsende ein Knecht als Hilfskraft aus der Danziger Gegend zu uns auf den Hof und blieb einige Jahre“, erinnert sich Schurr.

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Erstellt:
9. September 2020, 06:00 Uhr

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