Aufregung um Spritpreis-Aussagen

„Autofahrer-feindlich“ – so reagiert der ADAC auf die Austrittswelle

Nach Aussagen zu höheren Spritpreisen kündigen ADAC-Mitglieder öffentlich ihre Mitgliedschaft. Jetzt bezieht Deutschlands größter Automobilklub Stellung.

Im vergangenen Jahr ist der ADAC um rund 490.000 Menschen gewachsen – einige Mitglieder kehren dem Club jetzt den Rücken.

© imago/Gottfried Czepluch

Im vergangenen Jahr ist der ADAC um rund 490.000 Menschen gewachsen – einige Mitglieder kehren dem Club jetzt den Rücken.

Von Jonas Schöll

Autofahrer sind empört, Mitglieder kündigen öffentlich – und Deutschlands größter Automobilclub sieht sich missverstanden. Nach umstrittenen Aussagen von ADAC-Verkehrspräsident Gerhard Hillebrand zu höheren Spritpreisen ist eine hitzige Debatte entbrannt, die den Verein (22 Millionen Mitglieder) bis ins neue Jahr verfolgt. Nun reagiert der ADAC auf die Empörungswelle – und nennt konkrete Zahlen zu Austritten.

Auslöser der Aufregung: Ein Interview, dass Hillebrand kurz vor Weihnachten in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ gibt. Darin bezeichnet der ADAC-Chef die CO₂-Bepreisung von Benzin und Diesel als „richtiges Instrument“, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Und weiter sagt er wörtlich: „Die Leute brauchen den Anreiz, um auf klimaschonende Alternativen zum Diesel und Benziner umzusteigen.“

Autofahrer machen ihrem Ärger Luft

In vielen Schlagzeilen bleibt davon vor allem eines hängen: Der ADAC fordere höhere Spritpreise. Für zahlreiche Mitglieder klingt das wie ein Affront – gerade in einer Zeit, in der Tanken ohnehin wieder teurer wird. In sozialen Netzwerken wie Facebook oder X (vormals Twitter) machen Autofahrer ihrem Ärger Luft. Viele sprechen von einem „Schlag ins Gesicht der Autofahrer“ und werfen dem ADAC vor, sich von seinen eigenen Mitgliedern zu entfernen. Sie posten Kündigungsschreiben, zerreißen demonstrativ ihre Mitgliedskarten.

„Wenn man es als Automobilclub gut findet, dass Autofahren teurer wird, habe ich nach so vielen Jahren Mitgliedschaft nichts mehr verloren“, schreibt ein Nutzer. Ein anderer User kommentiert: „Der ADAC vertritt meine Interessen als Fahrer eines 29 Jahre alten Benziners überhaupt nicht mehr.“ Wieder andere Autofahrer sprechen von einem „kommunikativen Desaster“ und fordern personelle Konsequenzen.

Wenn die Interessenvertretung der Autofahrer den Autofahrern das Messer in den Rücken rammt. #ADAC#ADACkündigen — Paul Schmidt 2 (@PaulSchmid45162) January 2, 2026

Eine Austrittswelle beim #ADAC, aufgrund der Äußerungen des Vorstandes. Bisher haben ca. 15.000 gekündigt. Nach über 30 Jahren Mitgliedschaft zähle ich dazu. So geht es einfach nicht, ADAC. pic.twitter.com/TrLLzc7fBr — Thomas-Esser (DonKrawallo) (@ThomasEsser11) January 2, 2026

Meine Mitgliedschaft und die meiner Frau im @ADAC werden morgen nach Jahrzehnten gekündigt. Ich lasse mich als Mitglied doch nicht von #ADAC-Verkehrspräsident Gerhard Hillebrand verarschen.https://t.co/oIFpsVJcKO — Graf Loetzen (@GrafLoetzen) January 1, 2026

Jetzt bezieht der ADAC Stellung

Besonders brisant: Rund 90 Prozent der ADAC-Mitglieder fahren Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Entsprechend emotional fallen die Reaktionen aus. Nutzerin Lissy Marler schreibt: „Es ist nicht das erste Mal, dass dieser Verein mit Autofahrer-Feindlichkeit auffällt.“ Doch es gibt auch Zustimmung. Eine Nutzerin hält dagegen: „Klimaschutz braucht die Mobilitätswende – sehr mutig, Herr Hillebrand!“ Ein anderer spottete über die Empörten: Wer sinnerfassend lesen könne, müsse nicht austreten.

Jetzt bezieht der ADAC gegenüber unserer Redaktion Stellung – und widerspricht dem zentralen Vorwurf entschieden. Wörtlich sagt Katrin van Randenborgh, Leiterin der Unternehmenskommunikation beim Club: „Der ADAC ist selbstverständlich gegen eine höhere Belastung von Autofahrern. Der ADAC übt mit seinen Veröffentlichungen zu Spritpreiskosten regelmäßig und erfolgreich erheblichen Druck auf Mineralölkonzerne und Politik aus, damit Spritpreise nicht überteuert sind. Das ist das, was Mitglieder auch von uns erwarten.“

Automobilclub fühlt sich missverstanden

Der ADAC räumt ein, dass die Aussagen viele Mitglieder verunsichert haben. „Die Irritationen von Mitgliedern über die in Schlagzeilen verkürzte Interviewäußerung sind vor diesem Hintergrund nachvollziehbar. Die Position des ADAC ist damit auch nicht korrekt beschrieben.“

Inhaltlich stellt der ADAC klar, dass er vor steigenden Belastungen warnt – und sie nicht fordert. „Der ADAC und namentlich Verkehrspräsident Gerhard Hillebrand warnen vor einer finanziellen Überforderung der Menschen und fordert in allen Positionierungen gegenüber der Politik, den CO₂-Preis mit Entlastungen und Kompensationen zu kombinieren“, heißt es. Die Politik werde regelmäßig aufgefordert, vor dem Start des neuen europäischen Emissionshandels ETS II weitere Entlastungen zu beschließen.

Club übt Kritik an Berlin und Brüssel

Deutlich fällt auch die Kritik an Berlin und Brüssel aus: „Stattdessen führt die Politik in Berlin und Brüssel mit der CO₂-Bepreisung perspektivisch zu höheren Kraftstoffpreisen und damit zu höheren Gesamtbelastungen.“ Aufgabe des ADAC sei es, „den Menschen in dieser Frage keinen Sand in die Augen zu streuen“.

Ein höherer CO₂-Preis sei aus Sicht des Clubs nur unter klaren Bedingungen akzeptabel. „Ein höherer CO₂-Preis findet damit nur dann die Akzeptanz des ADAC sowie von Verbrauchern, wenn die Politik zuerst ausreichende Entlastungen und mehr Alternativen zu fossiler Energie schafft.“ Dazu gehörten auch erneuerbare Kraftstoffe für Menschen, die sich kein elektrisches Neufahrzeug leisten könnten.

So viele Mitglieder kehren dem ADAC den Rücken

Erstmals äußert sich der ADAC nun auch zur Frage, ob es tatsächlich eine Austrittswelle gibt. „Im vergangenen Jahr ist der ADAC um rund 490.000 Menschen gewachsen“, teilt der Verein mit. Zugleich räumt er ein: „Die Zahl der Austritte umfasst aktuell eine mittlere vierstellige Zahl.“ Viele Mitglieder hätten sich zudem direkt an den Club gewandt, jede Anfrage werde einzeln beantwortet.

Der ADAC gibt sich zuversichtlich, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. „Wir hoffen, dass wir auch die Mitglieder, die aufgrund der Irritationen ausgetreten sind, wieder von dem ADAC überzeugen können.“ Und betont abschließend: „Mitglieder können sich darauf verlassen, dass der ADAC für individuelle Mobilität zu bezahlbaren Preisen eintritt.“

Ob diese Klarstellung ausreicht, um die aufgeheizte Stimmung zu beruhigen, bleibt offen. Sicher ist: Die Debatte über Spritpreise, Klimaschutz und bezahlbare Mobilität trifft einen Nerv – und sie wird den ADAC noch länger beschäftigen.

Zum Artikel

Erstellt:
2. Januar 2026, 16:42 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen