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Baumfällung am Bachlauf

Tonia Danese lebt in Siegelsberg. Kurz vor Weihnachten musste sie feststellen, dass an dem Flüsschen in unmittelbarer Nähe zu ihrem Haus an der Seebachstraße eine Silberweide und eine Esche entfernt wurden. Die Stadt begründet die Maßnahme mit einer Kernfäule der Bäume.

Bei der Besichtigung vor Ort (von links): Falk Gfrörer, Uwe Lenz, Peter Häbich und Tonia Danese auf dem Grundstück beim Seebach. Rechter Hand sieht man den Stumpf der Silberweide, in der Mitte die Stämme der Esche. Foto: Christine Schick

Bei der Besichtigung vor Ort (von links): Falk Gfrörer, Uwe Lenz, Peter Häbich und Tonia Danese auf dem Grundstück beim Seebach. Rechter Hand sieht man den Stumpf der Silberweide, in der Mitte die Stämme der Esche. Foto: Christine Schick

Von Christine Schick

Murrhardt. Tonia Danese hat Siegelsberg im Mai 2019 mit ihrem Mann Uwe Lenz zu ihrer Wahlheimat gemacht hat. Als die beiden zwei Tage vor Weihnachten mitbekommen, dass sich das Ufer am Seebach, der entlang ihres Grundstücks fließt, völlig verändert hat, sind die Verantwortlichen beziehungsweise Beauftragten des Zweckverbands Bauhof Murrhardt/Sulzbach an der Murr nicht mehr vor Ort. „Wir sind Musiker, haben an diesem Tag länger geschlafen“, erzählt sie später. Ein Foto aus Sommertagen in ihrer E-Mail zeigt, dass dort der Abschnitt von viel Grün geprägt war, das auch Schatten gespendet hat. Von diesem Charakter ist nicht mehr viel übrig – nicht nur wegen der Jahreszeit. Eine große Silberweide und eine Esche sind gefällt sowie Teile eines Feldahorns abgenommen worden.

Am Lauf des Seebachswird auch der Eisvogel gesichtet

In ihrer E-Mail an verschiedene Vertreterinnen und Vertreter erläutert sie zunächst einmal, warum sie das nicht nur wundert, sondern auch fassungslos macht: „An dieser Stelle des Baches leben Eisvögel, es haben sich in den letzten Jahren Bachforellen angesiedelt, es gibt eine Vielzahl an Fröschen und Kröten und anderen Amphibienarten, ganz zu schweigen von allen möglichen Insektenarten, deren Namen den Rahmen dieser E-Mail sprengen würden. Es leben sehr viele, wie auch seltene Singvogelarten in den Bäumen und Hecken (Goldhähnchen, Zaunkönig) nutzen sie als Brutstätten und zwei Eichhörnchen leben ebenfalls dort. Vor allem die Silberweide, ein zirka fünf bis sechs Meter hoher Baum, war eine Bienenweide und ein Zuhause für alle möglichen Tierarten. An ihrem Fuß befand sich ein Ameisenhaufen, der nun auch zerstört ist. Wie Sie sehen, war es ein funktionierendes, wild wachsendes Ökosystem, um dessen Fortbestehen ich mir nun ernsthaft Sorgen mache.“

Tonia Danese versteht beziehungsweise bedenkt auch selbst, dass die Verkehrssicherung zu berücksichtigen ist – die Straße grenzt an die gegenüberliegende Seite von Böschung und Flusslauf –, aber sie hätte sich eine Rücksprache vor der Maßnahme gewünscht. Und sie stößt im Internet darauf, dass der baden-württembergische Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) auf die Gesetzeslage hinweist, die den Gewässerrandstreifen innerorts fünf Meter insofern unter Schutz stellt, dass dort keine Bäume und Sträucher entfernt werden dürfen. Wobei der BUND in einem Merkblatt unter anderem auf die Verkehrssicherheit als Ausnahme hinweist.

Ihre Recherchen umfassen weitere Aspekte, befassen sich beispielsweise mit den Folgen für den Flussabschnitt, der sich aufgrund der zwei gefällten Bäume im Sommer aller Wahrscheinlichkeit nach stärker erwärmen wird. Tonia Danese geht auch auf ihre persönliche Betroffenheit ein. „Gerade in dem Umbruch, in dem sich unsere Welt befindet, einen solchen unbegründeten Kahlschlag erleben zu müssen, direkt vor meiner Haustür, hat mich sprachlos zurückgelassen.“ Und sie teilt ihre Sorge mit: „Es schmerzt, nun nicht zu wissen, ob die Vielfalt der Tiere und Pflanzen im nächsten Jahr diesen Lebensraum wieder besiedeln wird oder ob sie sich einen anderen Platz suchen muss. Dieser Bereich der Böschung am Seebach hätte nicht abgeholzt, sondern unter Schutz gestellt werden sollen.“

Ansprechpartner und Verantwortliche der Stadt vereinbaren Termin vor Ort

Zu Beginn der Woche kommen Bauamtsleiter Falk Gfrörer und Bauhofleiter Peter Häbich in der Seebachstraße vorbei, um mit Tonia Danese und Uwe Lenz zu sprechen. Die Begründung, die sie geben, ist, dass sowohl die Silberweide als auch die Esche eine Kernfäule aufgewiesen hätten und deshalb gefällt worden seien. Falk Gfrörer betont, dass die Maßnahme nicht willkürlich erfolgt, sondern nötig gewesen sei. Peter Häbich bestätigt, dass er sich den Bereich im Vorfeld auch angesehen hat. Da Tonia Danese in der E-Mail auch erwähnt, dass sie eine Patenschaft für den Bereich in Erwägung zieht, hat Falk Gfrörer die Unterlagen dabei. Das Ehepaar hat die Möglichkeit, es sich zu überlegen. Und es ist von einem Setzling die Rede, den die Stadt beisteuern will, um auf den Wunsch Daneses einer standortgemäßen Wiederaufforstung einzugehen. Die Linde weiter hinten und der gestutzte Feldahorn stehen noch.

Bei Tonia Danese und Uwe Lenz bleibt ein seltsames Gefühl zurück, was den Eingriff angelangt. War er wirklich rechtens? Dazu hat Andreas Brunold vom BUND Backnanger Bucht, der vom Fall erfahren hat, eine ziemlich eindeutige Antwort. „Nicht, wenn sich die Bäume innerhalb der fünf Meter im Gewässerrandstreifen befinden“, sagt er. Dies regle Paragraf 38 des baden-württembergischen Wasserhaushaltsgesetzes. Insofern sei das Vorgehen rechtswidrig. Erschwerend kommt für ihn hinzu, dass der Eisvogel dort vorkomme. Sollten Mitarbeiter der Stadt beziehungsweise des Bauhofs dennoch konkrete Bedenken beispielsweise aufgrund der Verkehrssicherheit beziehungsweise Verkehrssicherungspflicht haben, so seien sie verpflichtet, eine entsprechende Erlaubnis von der Unteren Wasserbehörde beim Landratsamt zu besorgen. „Die Menschen sind sensibler geworden“, sagt Brunold und dass Tonia Danese alles richtig gemacht habe. Falsch sei aber die Praxis eines solch massiven Eingriffs. „Das ist kein Kavaliersdelikt“, sagt er. Es sei wichtig, dass sich ein entsprechendes Denken durchsetze und sich die Verantwortlichen Mühe geben. Mit Blick auf den CO2-Haushalt und das Ziel von Klimaneutralität gelte es, möglichst jeden Baum zu erhalten – ob nun im Regenwald oder in Bezug auf die heimischen Bestände.

Verkehrssicherheit als zentrales Argument für die Maßnahme

Auf nochmalige Nachfrage bei Falk Gfrörer bestätigt der Stadtbauamtsleiter, dass der Gewässerrandstreifen ein sensibles Terrain sei. Nichtsdestotrotz geht er davon aus, dass die Stadtverwaltung im Zuge der Verkehrssicherung Eingriffe tätigen darf, und genau dies sei in der Seebachstraße auch der Fall gewesen. Denn die Bäume dort seien von Fäulnis betroffen und hätten aufgrund ihrer relativen Höhe – sechs bis acht Meter – auch eine Gefahr dargestellt. Nach Rückmeldung des Umweltamts habe man ihm dies auch bestätigt.

Die Pressestelle des Landratsamts führt zum Fall aus, dass sie in Bezug auf die Unterhaltungsmaßnahme der Stadt Murrhardt eine Umweltmeldung erhalten hat. Insofern hat das Umweltschutzamt die Stadt Murrhardt auch dazu angehört. Die Lage stellt sich aus Sicht der Behörde folgendermaßen dar: In Bezug auf den Naturschutz sei der beschriebene Abschnitt entlang des Siegelsbachs nicht als geschütztes Biotop kartiert und es seien auch keine weiteren naturschutzrechtlichen Schutzgüter betroffen. Ein Verbotstatbestand sei nicht gegeben, wobei sich die Behörde auf das Bundesnaturschutzgesetz bezieht. „Im genannten Bereich haben wir keine Kenntnis von faunistischen Artvorkommen. Im nahen Umfeld sind ausreichend Vegetationsstrukturen vorhanden, sodass Tiere, die möglicherweise die Böschungen als Nist-, Nahrungs- oder Versteckmöglichkeit genutzt haben, entsprechend ausweichen können. Eine Beeinträchtigung der Gewässerökologie, zum Beispiel Erwärmung des Gewässers durch erhöhte Sonneneinstrahlung, ist aus unserer Sicht nicht gegeben. Dazu ist der Gewässerabschnitt zu klein. Die Gehölze werden an der Schnittstelle neu ausschlagen und das Gewässer wieder beschatten. Eine Anpflanzung von Gehölzen ist nicht notwendig. Auch aus gewässerökologischer Sicht bestehen keine Bedenken gegen diese Maßnahme.“

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Erstellt:
5. Januar 2023, 06:00 Uhr

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