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Begegnungscafé und Fundgrube funken SOS

Die zwei Murrhardter Einrichtungen, die vor allem Menschen in schwierigen Lebenssituationen Raum und Unterstützung bieten wollen, sind mit der Coronakrise ins Minus gerutscht. Nun stellt sich die Frage, ob der Betrieb durch neue Ehrenamtliche gestützt und aufrechterhalten werden kann.

Eines der beliebten Angebote im Begegnungscafé ist der offene Singkreis, bei dem gemeinsam Lieder angestimmt werden. Die Aufnahme ist vor Corona im Jahr 2019 entstanden. Archivfotos: Jörg Fiedler

© Jörg Fiedler

Eines der beliebten Angebote im Begegnungscafé ist der offene Singkreis, bei dem gemeinsam Lieder angestimmt werden. Die Aufnahme ist vor Corona im Jahr 2019 entstanden. Archivfotos: Jörg Fiedler

Von Christine Schick

Murrhardt. „Seit drei Jahren schreiben wir rote Zahlen. Die Umsätze sind mit Beginn von Corona eingebrochen und die Kosten gestiegen“, sagt Helmut Laun vom Förderverein Kirche vor Ort, der sich für das Begegnungscafé und den Secondhandladen, die Fundgrube, einsetzt. Seit Längerem treibt den Vereinsvorstand die Situation der beiden Einrichtungen um, die so etwas wie feste Institutionen für die Walterichstadt geworden sind. Im Begegnungscafé haben Menschen auch mit überschaubarem Budget die Möglichkeit, eine Kleinigkeit zu trinken und zu essen sowie sich Ansprache und bei Bedarf auch fachlichen Rat von Sozialarbeitern zu bestimmten Sprechzeiten abzuholen. Die Fundgrube hält eine Auswahl an Secondhandwaren wie Kleidung, Hausrat sowie an Büchern bereit. Das Café ist die ältere Einrichtung – es besteht seit 2000.

Die Fundgrube, die zehn Jahre später ihre Räume in der Hauptstraße öffnete, hatte bisher die Möglichkeit, den Cafébetrieb finanziell ein Stück weit zu stützen. Doch mit der Pandemie gab es bekanntlich längere Schließungszeiten, während Miete und die Kosten für Heizung und Strom größtenteils weiterliefen. „2019 war unser letztes Jahr mit einer schwarzen Null“, stellt Helmut Laun fest. 2020 und 2021 waren es jeweils rund 15000 Euro Verlust, die Café und Secondhandladen mit sich brachten. Ursache sind stark eingebrochene Verkaufserlöse in der Fundgrube und besagte steigende Kosten. „Das Problem ist, dass es keine Aussicht auf eine schnelle Besserung gibt.“

Zur schwierigen finanziellen Lage

kommt die drohende Umsatzsteuer

Matthias Schulte, Vertreter für die katholische Kirchengemeinde Murrhardt im Gremium, nickt und ergänzt, dass das Café zurzeit gut besucht sei und es auch in der Fundgrube nicht schlecht laufe, der Vereinsvorstand aber trotzdem auch dieses Jahr mit einem ähnlichen Verlust wie im Vorjahr rechnen müsse. Da sind die gestiegenen Energiekosten, zudem gibt es ein strukturelles Problem, das auf die Fundgrube zukommt – die Umsatzsteuer, die ab dem kommenden Jahr eingeführt wird. Ab einem bestimmten Jahresumsatz sind anteilig Beiträge zu zahlen.

Mit diesen neuen Rahmenbedingungen stellt sich auch die Frage der Trägerschaft neu. Die ortsansässigen Kirchengemeinden, welche die Fundgrube in diesem Sinne unterstützt haben – direkt oder über den Verein Kirche vor Ort – sind mit dem Problem konfrontiert, dass sie ebenfalls umsatzsteuerpflichtig sind.

Das bedeutet, auch sie müssen überlegen, wo Einnahmen getätigt werden und ab wann eine Zahlungspflicht greifen würde. Das kann beispielsweise bei Solaranlagen, Gemeindefesten und Veranstaltungen der Kirchenmusik der Fall sein. Gerade bei Letzteren ist die evangelische Kirchengemeinde Murrhardt sehr engagiert, was heißt, dass sie nicht in diesem Sinne helfen kann, erläutert Pfarrer Achim Bellmann. Allerdings spielt ein weiterer Grund eine Rolle, nämlich die Regel, dass Secondhandläden generell nicht unter dem Dach der evangelischen Kirche organisiert werden (die Diakonie ist zuständig). Im Falle der Evangelisch-methodistischen Kirchengemeinde Murrhardt gibt es ebenfalls eine strukturelle Problematik – die Gemeinden sind alle als eine juristische Person aufgestellt und können nicht lokal agieren, erläutert Gerhard Erchinger, Vorsitzender von Kirche vor Ort.

Zwar ist der Verein weiter auf der Suche nach Ansprechpartnern und für das Begegnungscafé hat die katholische Kirchengemeinde St. Maria Murrhardt bereits beschlossen, dass sie in die Verantwortung geht und es als Träger weiterführt. Trotzdem muss aus Sicht des Vereinsvorstands auf die Situation reagiert werden. „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand“, sagt Helmut Laun, Kassier bei Kirche vor Ort.

Drei 450-Euro-Kräfte können nur noch bis Ende des Jahres beschäftigt werden

Wenn die bisherige Projektstruktur mit drei geringfügig Beschäftigten der Institutionen – vor dem Hintergrund einer möglichen künftigen Umsatzsteuer, aber auch wirtschaftlicher Probleme – beibehalten wird, geraten Café und Fundgrube in finanzielle Schieflage, so die Befürchtung. Insofern sehen sich die Verantwortlichen gezwungen, die drei 450-Euro-Kräfte nur noch bis zum Jahresende zu beschäftigen. „Wir hätten das wirklich gerne weitergeführt“, sagt Laun. „Das sind Einschnitte, die weh tun.“ Allerdings ist auch klar, dass das Engagement der drei guten Seelen sich eben nicht auf die bezahlten Stunden beschränkt, sondern weit darüber hinausging und -geht. Damit kommt der Vereinsvorstand zum letzten, ebenfalls gewichtigen Problem: Der Kreis der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Café und in der Fundgrube hat über die Jahre abgenommen. Der Pool mit rund 50 Engagierten in Hochzeiten hat sich mittlerweile auf 22 Personen reduziert.

Um den Betrieb in beiden Institutionen zu stemmen, braucht es einen guten Schwung neuer Ehrenamtlicher. „Es ist klar, dass in Zukunft noch mehr im Team zusammengearbeitet werden muss“, sagt Laun vor dem Hintergrund, dass nach den jetzigen Plänen eben auch nicht mehr auf die drei geringfügig Beschäftigten gesetzt werden kann, bei denen organisatorisch Zentrales zusammenlief. Ob Café oder Secondhandladen, solch ein Einsatz verlangt Zuverlässigkeit. Nun setzt Kirche vor Ort auf besagte potenzielle Ehrenamtliche. Generell will der Förderverein – vorausgesetzt es ist von den Bedingungen her machbar – als Träger für die Fundgrube zur Verfügung stehen. „Der rechtliche Rahmen für die Fortführung des Projekts ist also gegeben“, so Laun.

Auch können Café und Fundgrube in ihren Räumen bleiben, wenn auch Vorhersagen aufgrund von Unsicherheitsfaktoren beispielsweise wegen der Energiekosten unmöglich sind. Insofern ist für den Vorstand der Knackpunkt, ob sich in Murrhardt und Umgebung genügend Menschen für eine ehrenamtliche Mitarbeit begeistern lassen. So lädt der Förderverein Kirche vor Ort kommende Woche zu einem Treffen ein, bei dem über die Projekte und ein mögliches Engagement informiert wird (siehe Infokasten).

In der Fundgrube gibt es ein großes Sortiment an Gebrauchtwaren, unter anderem Kleidung, Hausrat, Bücher, Spiele, CDs und Schallplatten. Mit dem Erlös wird das Café unterstützt.

© Jörg Fiedler

In der Fundgrube gibt es ein großes Sortiment an Gebrauchtwaren, unter anderem Kleidung, Hausrat, Bücher, Spiele, CDs und Schallplatten. Mit dem Erlös wird das Café unterstützt.

Einladung zum Informationstreffen

Infotreffen Wer sich eine ehrenamtliche Mitarbeit im Begegnungscafé oder in der Fundgrube vorstellen kann und sich darüber informieren möchte, ist eingeladen, am Dienstag, 29. November, um 19 Uhr in die Evangelisch-methodistische Friedenskirche, Friedensstraße 7, in Murrhardt zu kommen. Beim Treffen ist ein Austausch möglich und es können Fragen beantwortet werden. Ebenso eingeladen sind die bereits ehrenamtlich Engagierten der Teams.

Kontakt Wer am Dienstag nicht dazustoßen kann, hat auch die Möglichkeit, mit den Ansprechpartnern direkt Kontakt aufzunehmen – beim Begegnungscafé, Fornsbacher Straße 3, Murrhardt, cafe@kircheoberesmurrtal.de, Telefon 07192/936575, und bei der Fundgrube, Hauptstraße 53, Murrhardt, Telefon 07192/9354534. Zu Fragen rund um mögliche Unterstützung über das Ehrenamt hinaus kann Gerhard Erchinger unter der E-Mail-Adresse derchinger@t-online.de kontaktiert werden.

Geschichte Ingrid und Bernhard Lüdecke haben das Begegnungscafé und die Fundgrube ins Leben gerufen. Mit einem kleinen Kreis begann das Murrhardter Ehepaar mit aufsuchender Sozialarbeit im Stadtgarten und bot Hilfen für Arbeitssuchende und Alkoholkranke an. 2000 konnten die Räume fürs Café angemietet und konnte die Arbeit dort fortgesetzt werden. Aus Trödelmärkten zur Unterstützung entwickelte sich später das Secondhandgeschäft in der Fußgängerzone. Das Begegnungscafé wird von der katholischen Kirchengemeinde Murrhardt getragen, den Betrieb der Fundgrube verantworten die katholischen Kirchengemeinden Murrhardt und Sulzbach an der Murr sowie der Förderverein Kirche vor Ort. Im Café besteht Raum für Begegnung, es gibt dort aber auch eine Reihe von konkreten Unterstützungsmöglichkeiten wie Sozialberatung der Erlacher Höhe, Gruppenangebote und seelsorgerische Gespräche auf Nachfrage.

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Erstellt:
24. November 2022, 06:00 Uhr

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