Energiesicherheit
Belgiens Traum vom Wasserstoff
Wasserstoff spielt eine zentrale Rolle bei der Energiewende. Nun wurde ein natürliches Vorkommen in der Grenzregion von Belgien und Frankreich entdeckt.
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Grüner Wasserstoff muss aufwändig durch Elektrolyse hergestellt werden. Nun wurde ein großes, natürliches Vorkommen in Belgien bestätigt.
Von Knut Krohn
Belgien sitzt auf einer gigantischen Blase aus Wasserstoff. Die Aufregung in dem rohstoffarmen Land ist groß, denn der Energieträger ist eine umweltfreundliche Lösung für viele Probleme unserer Zeit. Die Freude wird allerdings getrübt, denn entdeckt haben das Vorkommen in rund 4000 Metern Tiefe französische Wissenschaftler. Das war allerdings eher Zufall, denn sie waren vor drei Jahren im nahen Lothringen eigentlich auf der Suche nach der Möglichkeit, Methangas aus stillgelegten Kohlegruben zu gewinnen.
Das größte Vorkommen weltweit
In diesen Tagen hat sich dieser Fund bestätigt und erste Messungen ergaben, dass in der Region etwa 34 Millionen Tonnen Wasserstoff lagern. Es wäre damit eines der größten Vorkommen weltweit und erstreckt sich offensichtlich bis Luxemburg, Deutschland und weit nach Belgien. Sogenannter „weißer“ Wasserstoff entsteht auf natürliche Weise durch chemische Reaktionen, etwa zwischen Wasser und Mineralien, und lagert sich dann unterirdisch ab. In diesem Fall liegt der Wasserstoff nicht gasförmig vor, sondern ist nach Angaben der Experten im Grundwasser gebunden.
Die belgische Regierung hat nun 1,5 Millionen Euro für ein Erkundungsprojekt freigegeben, denn die Hoffnungen, diesen natürlich vorkommenden Wasserstoff gewinnen zu können, sind riesig. Der Grund: die Verwendungsmöglichkeiten sind vielfältig. Nicht nur die chemische Industrie und die Stahlhersteller hoffen auf eine klimaneutrale Möglichkeit, ihren großen Energiehunger zu stillen. Wasserstoff gilt zudem als Möglichkeit, schwere Lastwagen oder Schiffe mit Brennstoffzellen über lange Strecken anzutreiben, für die Batterien nur eingeschränkt in Frage kommen.
Den Energiehunger Europas stillen
Ziel war es bisher, sogenannten grünen Wasserstoff aufwändig durch Elektrolyse herzustellen, wenn der Wind bläst und die Sonne scheint. Auf diese Weise kann die klimaneutral erzeugte Energie gespeichert werden. Um den großen Energiehunger Europas zu stillen, wurden bereits Verträge mit arabischen Staaten abgeschlossen, die in Zukunft mithilfe von Sonnenenergie produzierten Wasserstoff liefern sollen. Die Kriege in der Region um die Arabische Halbinsel zeigen allerdings, wie unsicher solche Pläne sind.
Mit der Entdeckung der Wasserstoffblase mitten in Europa tut sich eine weitere, wesentlich preiswertere Chance auf, an den begehrten Rohstoff zu kommen. Belgiens Klimaminister Jean-Luc Crucke betont, vor kurzem galt weißer Wasserstoff noch als Utopie. Heute sei es eine strategische Chance, die man mit Ehrgeiz, aber auch mit Vorsicht untersuchen müsse. In einem ersten Schritt werde das Belgische Geologische Institut (SGB) anhand von geologischen Modellen nach Vorkommen suchen, ohne jedoch Bohrungen anzustellen.
Die Technik steckt noch in den Kinderschuhen
Das Problem ist, dass die Suche nach weißem Wasserstoff noch in den Kinderschuhen steckt. „Das wissenschaftliche Ziel ist klar: objektiv festzustellen, ob die Bedingungen für die Bildung, Migration und Anreicherung von natürlichem Wasserstoff im belgischen Untergrund gegeben sind“, betont Estelle Petitclerc, Forscherin beim Belgischen Geologischen Institut gegenüber der Tageszeitung „Le soir“. „Ich weiß nicht, ob wir fündig werden, aber angesichts der aktuellen geopolitischen Lage können wir es uns nicht leisten, diese Frage unbeantwortet zu lassen“, so die Expertin.
Vermutet wird, dass das Wasserstoffvorkommen in der Region direkt mit dem Vorhandensein von Kohle zusammenhängt. Angesichts der geologischen Ähnlichkeiten zur Region in Lothringen richteten die Forscher ihr Augenmerk schnell auf die großen, ehemaligen Reviere in Belgien. Yann Fouant, Sprecher des beteiligten französischen Unternehmens „La Française de l‚énergie“, betont in „Le soir“, dass man in Frankreich zeitnah mit der Förderung beginnen und den weißen Wasserstoff spätestens Anfang 2029 auf den Markt bringen wollen.
Problemlose Föderung des Wasserstoff
Er hebt das umweltschonende Verfahren hervor. „Wir fördern kein Gestein aus dem Untergrund und befördern kein Wasser an die Oberfläche. Wir gewinnen das Gas direkt unterirdisch. Es ist wie eine Flasche Champagner. Wir lassen die Flasche und die Flüssigkeit im Boden.“ Nur das Gas steige auf, dank einer Sonde mit einer Membran, die das Durchdringen von Wasser verhindert. Und an der Oberfläche sei keine aufwendige Infrastruktur nötig. Der Wasserstoff könne praktisch direkt in Lkw oder eine Pipeline gepumpt werden.
Die Vorkommen in Frankreich und Belgien wecken natürlich auch in anderen Kohlerevieren Begehrlichkeiten. Geologen vermuten, dass auch in Deutschland natürlicher Wasserstoff zu finden sei, etwa im sächsischen Erzgebirge. International sind bedeutende Vorkommen in Mali, Australien oder Sibirien bekannt.
