Bewährungsstrafe nach tödlichem Unfall
Das schwere Unglück vom Olgaeck vor einem Jahr mit einem Todesopfer und acht Verletzten ist am Mittwoch im Amtsgericht Stuttgart juristisch aufgearbeitet. Der angeklagte Fahrer hat Kokain-Konsum eingeräumt – und seine Haftstrafe wird zur Bewährung ausgesetzt.
© SDMG, dpa
Die Polizei untersuchte den Unfallort an der Kreuzung Charlotten- und Olgastraße am Abend des 2. Mai 2025.
Von Jürgen Bock, Hilke Lorenz
Stuttgart - Der Polizist sprach leise, man verstand ihn kaum. Er könne sich nicht an alles erinnern, was an jenem 2. Mai 2025 am Olgaeck gesagt worden sei. „Ich stand selbst unter Schock“, sagte er als Zeuge am Stuttgarter Amtsgericht aus. Damals war ein schwerer Mercedes-Geländewagen von der Fahrbahn abgekommen und gegen das Geländer der Stadtbahnhaltestelle gerollt. Eine 46 Jahre alte Frau verlor ihr Leben, acht weitere Menschen wurden teils schwer verletzt, darunter fünf Kinder.
Angeklagt war der Fahrer des Wagens, ein heute 43 Jahre alte Unternehmer, wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung in acht Fällen sowie Gefährdung des Straßenverkehrs. Der Staatsanwalt warf ihm vor, auf der Charlottenstraße stadtauswärts im Bereich der Fußgängerampel an der Stadtbahn-Haltestelle Olgaeck nach links abgekommen und in den Fußgängerbereich der Haltestelle gefahren zu sein. Beim Zurücksetzen habe er die Frau nochmals überrollt, sie starb später im Krankenhaus.
Nach der Hauptverhandlung, die den ganzen Tag über dauerte, stand am Mittwochabend das Urteil fest. Das Amtsgericht verurteilte den Fahrer zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und setzte diese zur Bewährung aus. Zudem wurde ihm die Fahrerlaubnis für die Dauer von neun weiteren Monaten entzogen. Das Gericht ordnete außerdem eine Entschädigungszahlung in Höhe von 400 000 Euro an, wovon 250 000 Euro an die Familie des Todesopfers zu zahlen sind.
Damit folgte das Gericht der Forderung der Staatsanwaltschaft. Der Verteidiger hielt ein Jahr und acht Monate für ausreichend. Auch der Führerscheinentzug sei nicht mehr notwendig, da sein Mandant seit einem Jahr drogenabstinent sei.
„Ich habe die Gefahr unterschätzt und verdrängt. Ich habe letztlich auch mein eigenes Kind einer Gefahr ausgesetzt.“ Angeklagter über seinen Drogenkonsum
„Ich empfinde tiefe Schuld und Scham“, sagte der Stuttgarter Unternehmer, der zu Beginn der Verhandlung mehr als eine Dreiviertelstunde lang eine Erklärung verlas – ein Geständnis, eine Lebensgeschichte, eine Lebensbeichte. Dabei räumte er einen zentralen Vorwurf ein: Er habe an den Vortagen Kokain konsumiert, am Vorabend auch ein Schlafmittel, ehe er am Unfalltag von Mallorca zurück nach Stuttgart geflogen sei. Er hätte niemals fahren dürfen, sagte er, „ich habe die Gefahr unterschätzt und verdrängt“. Zumal auch noch sein fünfjähriger Sohn auf dem Rücksitz saß. „Ich habe letztlich auch mein eigenes Kind einer Gefahr ausgesetzt.“
Der Unternehmer legte eine ausführliche Lebensgeschichte vor. Von den einfachen Verhältnissen, in denen er aufgewachsen sei, von einem Vater, der Mutter und Sohn finanziell kurz hielt. Das habe ihn geprägt. Extreme Arbeit, Sechstagewoche, 18-Stunden-Tag, „an der Grenze des Machbaren“. Seine Unternehmungen im Internet wuchsen. Unter anderem eine private Trennung habe seinen Drogenkonsum verstärkt – zur „Betäubung von Schmerz und innerer Leere“.
Er wolle „nichts relativieren oder beschönigen“, sagte der 43-Jährige, er wolle sich seiner Verantwortung auch gegenüber den Verletzten und Angehörigen stellen und die Schuld tragen. Er bereue zutiefst, was er ausgelöst habe.
Gleichwohl hätte eine Inhaftierung nicht nur für ihn erhebliche Folgen, sondern auch für andere Menschen, für die er Verantwortung trage. Einer mittleren dreistelligen Zahl von Mitarbeitern drohe der Arbeitsplatzverlust, mehrere Banken müssten Kredite in dreistelliger Millionenhöhe abschreiben, Mieter könnten ihre Wohnungen verlieren.
„Alle haben nach Hilfe gerufen, die Kinder haben geweint und vor Schmerzen geschrien.“ Polizist über die Situation vor Ort
Am Amtsgericht wurde anschließend ein Zeuge nach dem anderen gehört, die meisten waren Polizisten, die vor Ort gewesen sind. Der anfängliche Verdacht einer Amokfahrt habe sich sehr schnell zerschlagen, sagten sie aus. Und beschrieben furchtbare Bilder. „Die Verletzten lagen teils auf dem Boden, teils auf der Treppe zur Stadtbahnhaltestelle“, erinnerte sich ein Beamter. Da seien sehr viele Menschen gewesen, alles sei sehr laut gewesen, während er sich um die später verstorbene Frau gekümmert habe. „Alle haben nach Hilfe gerufen, die Kinder haben geweint und vor Schmerzen geschrien“, sagte der Oberkommissar.
Der Unfallverursacher, so schilderten es Zeugen, habe verzweifelt und verwirrt gewirkt. Er habe sich um die Verletzten kümmern wollen, während ein Passant sein eigenes Kind aus dem Auto holte und auf die andere Straßenseite brachte.
