Bildung braucht tiefe Veränderungen
Die Leistungen der Schulkinder erschrecken seit Jahren die Republik. Jetzt muss endlich gehandelt werden.
Von Eidos Import
Seit Jahren verschlechtern sich die Leistungen der Kinder in deutschen Schulen. Immer weniger erreichen die Mindeststandards, die Schulabbrecherquote stagniert nicht nur, sondern wächst. Dazu kommt, dass kaum ein Schulsystem im OECD-Raum so undurchlässig ist wie das deutsche. Noch immer entscheidet maßgeblich das Elternhaus über die Bildungskarriere. Lehrkräfte fehlen oder sind überfordert.
Diese Entwicklung ist fatal – für die Kinder, ihre Eltern, Lehrkräfte und die Gesellschaft inklusive der Wirtschaft. Nur: Einfach mehr Geld in das System zu stecken, wird die grundlegenden Probleme nicht ändern. Nötig sind tiefgreifende Reformen – und Mut.
Wie ein Neustart gelingen kann, sieht man in Portugal. Dort gibt es eine längere Schulpflicht bis 18 Jahre – Abitur oder Berufsabschluss sind möglich – und eine Stärkung der öffentlichen Schulen mit mehr Handlungsspielraum für die Einrichtungen. Die Vorschule ist dort jetzt kostenlos, die Zuschüsse für die Privatschulen hingegen wurden gestrichen. Die Reformen zeigten ihre Wirkung im Pisa-Ranking, wo das Land nach oben kletterte. In Portugal wird gemeinsam gelernt, so wie auch im Rest der Welt außer in Deutschland. Eine Aufteilung in unterschiedliche Oberschulen nach der Grundschule gibt es nicht. Man schafft es, den unterschiedlichen Bedürfnissen der Schüler unter einem Dach gerecht zu werden.
Andere Länder sammeln seit langem anonymisierte Daten, um Bildungsverläufe zu verstehen und auf Schwachstellen reagieren zu können. Deutschland streitet aus Datenschutz-Ängsten seit Jahrzehnten über eine Schüler-ID. Doch nur mit aussagefähigen Daten können Lehrkräfte auf individuellen Förderbedarf reagieren, gerade bei Übergängen zwischen Bildungseinrichtungen. Immerhin äußerte die letzte Kultusministerkonferenz zumindest die Absicht, künftig eine datenbasierte Bildungspolitik anzugehen.
Wichtig wäre das auch schon bei den ganz Kleinen. Ohnehin wird die frühkindliche Bildung immer noch stiefmütterlich behandelt. Dabei weiß man, wie entscheidend diese Jahre für die gesamte Bildungskarriere sind. Eine verpflichtende Vorschule oder zumindest ein verpflichtendes und kostenloses letztes Kita-Jahr, wie es jetzt der Südwesten plant, sollten nicht länger kategorisch ausgeschlossen werden.
Bei der Finanzierung kann man kreativ werden und später im Bildungsweg ansetzen. Moderate Studiengebühren könnten gleiche und faire Startbedingungen für alle schaffen.
Und dann sind da noch die Lehrkräfte. Vernünftig wäre es, das Studium praxisnäher auszurichten. Schließlich klagen viele junge Lehrerinnen und Lehrer darüber, überfordert zu sein. Sie scheiden dann verzweifelt aus dem Schuldienst aus oder erklären frustriert die innere Kapitulation.
Sicherlich kann man auch darüber streiten, ob es klug war, Lehrkräfte zu verbeamten. Nur: Die Verbeamtung jetzt abzuschaffen, wäre falsch. Lehrkräfte könnten sich dann aussuchen, wo sie unterrichten, und sie würden größtenteils wohl an die guten Schulen gehen, wo das Arbeiten einfacher und nicht so herausfordernd ist. Viele Kinder könnten dann nicht vernünftig beschult werden, weil Schulen ohne Lehrkräfte schließen müssten. Auch Neutralität und Verfassungskonformität könnten aus manchen Klassenzimmern verschwinden.
Das heißt nicht, dass sich nichts ändern muss. Man könnte die Verbeamtung unter Konditionen einführen – und alle paar Jahre prüfen, wie engagiert und leistungsstark die Lehrer sind, was Anreize für gute Klassenergebnisse geben könnte. Das klingt neu und unvertraut, aber Veränderungen zu wagen, kann große Chancen eröffnen.
