Wirbel um Biontech und Curevac
Biofirmen in Tübingen geht die Puste nicht aus
Kleinere Unternehmen steigern Umsatz und überlegen Erweiterungen. Auch etliche Mitarbeiter von Curevac könnten eingestellt werden.
© Intavis
Das Biotech-Unternehmen Intavis stellt Peptide her.
Von Ulrich Schreyer
Auch wenn es Curevac in Tübingen vielleicht bald nicht mehr gibt – ein Abschied von der Biotechnologie in Tübingen wäre das nicht. „Für 2026 rechnen wir mit steigenden Erlösen“ sagt Dirk Biskup, der Chef des Tübinger Biotechnikunternehmens Cegat. Im vergangenen Jahr war mit 220 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein Umsatz von 50 Millionen Euro erzielt worden. Der seit Jahren positive Trend hält also an. Cegat schreibt schwarze Zahlen und zahlt auch Gewerbesteuer – nicht selbstverständlich für ein Biotech-Unternehmen. Cegat untersucht die DNA von Personen auf Fehler, die unter Umständen schlimme Krankheiten verursachen. Und zudem Biotech- und Biopharma-Unternehmen bei medizinischen Studien unterstützt. Erst vor zwei Jahren wurden 25 Millionen Euro in ein Gebäude für 500 Beschäftigte gesteckt. Neben den 220 Beschäftigten von Cegat arbeiten dort auch 230 Mitarbeiter des Zentrums für Humangenetik von Saskia Biskup. „Es gibt derzeit erste Überlegungen, den Standort weiter auszubauen“, erklärt Dirk Biskup.
Umsatz in Millionenhöhe
Wenn es soweit kommt, könnte das für die Tochtergesellschaft von HB Technologies interessant werden. Intavis hat im vergangenen Geschäftsjahr, das am 30. Juni endete, ebenso wie HB Technologies einen Umsatz von sieben Millionen Euro erzielt. Auf einem freien Areal zwischen Cegat und Intavis wird möglicherweise ein Technikgebäude für Intavis erstellt. „Erste Planungen sind in der Diskussion“, sagt der Chef von HB Technologies, Steffen Hüttner. HB Technologies betreibt und entwickelt mit 50 Beschäftigten Softwaresysteme für die Biomedizin und die Pharmabranche. Für das laufende Jahr rechnet Hüttner mit einem Umsatz in der Höhe des Vorjahres. Für Intavis mit seinen 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern rechnet der Firmenchef dagegen mit einer „deutlichen Steigerung“. Dieses Unternehmen stellt Peptide her. Diese organischen Moleküle werden etwa in der Forschung und für klinische Studien verwendet und sollen bei der Tumortherapie eingesetzt werden. In ein neues Gebäude von Intavis wurden in den vergangenen Jahren insgesamt 22 Millionen Euro gesteckt. HB Technolgies hält rund 46 Prozent an dem Unternehmen.
Zehn Millionen von einem Investoren
In angemieteten Räumen arbeitet Immatics. In eines der Gebäude für das biopharmazeutische Unternehmen, das 2024 fertig wurde, hat ein Investor zehn Millionen Euro gesteckt. Immatics hat noch keine Umsätze am Markt, sondern wird über Risikokapital, den Kapitalmarkt sowie Partnerschaften mit größeren Pharmaunternehmen finanziert. Der Tübinger Standortleiter Dominik Maurer hatte schon früher gesagt, Immatics gebe sein Geld lieber für die Entwicklung seiner Produkte für die Krebsforschung als für Gebäude aus. Beschäftigt werden in Tübingen rund 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Synovo forscht mit seinen 42 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an Therapien gegen Lungenentzündung. „Der Umsatz liegt im mittleren einstelligen Millionenbereich“, sagt Firmenchef Michal Burnet. Doch Synovo forscht nicht nur, sondern tritt auch als Vermieter für andere Firmen aus der Biotechnologiebranche auf – darunter auch Curevac.
Dass dies bei einem Aus für Curevac Probleme bringen könnte, befürchtet Burnet nicht. „Laborräume werden in Tübingen bisher immer gesucht“, meint er. Und fügt hinzu: „Wir suchen immer erfahrene Fachleute, da könnten auch welche von Biontech dabei sein“.
Thorsten Flink, der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Stadt Tübingen, sagt „in Tübingen werden immer Räume für Gründer gesucht. Das können Labore, Büros oder Produktionsflächen sein“. Zusammen mit einer Tochtergesellschaft der L-Bank werden gerade erste Pläne für ein Gebäude für Gründer entworfen. Auf der „Oberen Viehweide“, manche sagen auch lieber „Campus bei der Sternwarte“ dazu, sind etwa 2100 Beschäftigte tätig. In diese Zahl sind die etwa 780 von Curevac mit eingerechnet. Etwa zwei Drittel der Beschäftigten sind im Biotechbereich tätig. Dieser dürfte ohne Curevac also deutlich schrumpfen. Nicht in diesen Zahlen enthalten sind Beschäftigte der Max-Planck-Institute. Flink glaubt, andere Firmen könnten Beschäftigte einstellen, die bei Curevac ihren Arbeitsplatz verlieren. „Wir freuen uns immer über Bewerberinnen und Bewerber“, sagt Cegat-Chef Dirk Biskup, „da Curevac wie Cegat ein Biotech-Unternehmen ist, gibt es Überschneidungen was die Tätigkeiten und Anforderungen angeht“.
Werden Curevac-Beschäftigte übernommen?
Hüttner weist darauf hin, schon früher seien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Curevac übernommen worden. Jetzt suche man vermehrt Beschäftigte aus dem Bereich Laborassisstenz und Techniker und hoffe, „dass vielleicht noch weitere verfügbar sind“. Auch Immatics wären „Bewerbungen auf passende Stellen“ willkommen, wie Maurer sagt. „Wir suchen immer Fachleute“, da könnten auch welche von Curevac dabei sein“, meint Burnet. All dies könnte Einzelnen durchaus helfen. „Aber 780 Beschäftigte auf einmal bringt man nicht sofort unter in Tübingen“, meint Wirtschaftsförderer Flink.
