Karte: Sardinien in der Eisenzeit

Bronzezeitliche Türme dienten als religiöse Kultstätten

Mehr als 3200 Jahre alt: Forscher unter der Leitung der Universität Tübingen haben rituelle Gegenstände an der Fundstätte Nuraghe Barru auf der Mittelmeerinsel Sardinien entdeckt.

Luftaufnahme der Fundstätte Nuraghe Barru im zentral-südlichen Sardinien.

© Lars Heinze/Universität Tübingen

Luftaufnahme der Fundstätte Nuraghe Barru im zentral-südlichen Sardinien.

Von Markus Brauer

Die in der Bronzezeit vor mehr als 3200 Jahren auf Sardinien errichteten Nuraghen, charakteristische massive Steintürme, wurden mitunter einige Jahrhunderte später weiterhin zu sozialen und spirituellen Zwecken genutzt, als sich zu Beginn der Eisenzeit neue religiöse Praktiken auf der Insel entwickelten.

Netzwerke der Bronze- und Eisenzeit

Funde wie ein Votivschwert und Zeremonialgefäße aus der zentralsüdlich auf Sardinien gelegenen Fundstätte Nuraghe Barru belegen, dass der bronzezeitliche Bau bis in die Eisenzeit genutzt wurde.

Das ergab eine Studie, geleitet von Silvia Amicone aus der Archäometrie der Universität Tübingen und in Zusammenarbeit mit der lokalen Denkmalbehörde, der Soprintendenza Archeologia, Belle Arti e Paesaggio per la Città Metropolitana di Cagliari e le Province di Oristano e Sud Sardegna.

Das Forscherteam nutzte kombinierte Methoden aus der Archäologie, Geologie sowie den Mate-rialwissenschaften. Die Ergebnisse tragen zur wachsenden Zahl der Belege bei, dass die Menschen in Sardinien in der späten Bronzezeit und frühen Eisenzeit durch Netzwerke verbunden waren, die dem Austausch von Gegenständen, Ideen und Bräuchen dienten. Die Studie ist in der Fachzeitschrift „Open Archaeology“ veröffentlicht worden.

Findings at Nuraghe Barru Reveal That Bronze Age Towers in Sardinia Functioned as Cult Centers in the Iron Age https://t.co/aeqYcgqfLa — LBV Magazine / English Edition (@lbvmag) May 6, 2026

7000 massive Steintürme

Sardinien ist bekannt für seine annähernd 7000 Nuraghen, die während der Bronzezeit zwischen 1700 und 1100 v. Chr. errichtet wurden. „Ob sie als Verteidigungsanlage, Wohngebäude oder für rituelle Zwecke genutzt wurden, ist bis heute umstritten“, berichtet Silvia Amicone. „Sie dominierten die Landschaft der Insel für Jahrhunderte.“

Zum Ende der Bronzezeit und in der frühen Eisenzeit zwischen 1200 und 800 v. Chr. habe sich die sardische Gesellschaft verändert. Heilige Stätten oder auch heilige Brunnen seien auf der Insel errichtet worden. „Wir sind der Frage nachgegangen, ob die alten Nuraghen dadurch ihre Bedeutung verloren hatten“, erklärt Amicone.

Versiegelter Brunnen und heilige Opfergaben

Bei den Ausgrabungen an der Nuraghe Barru legte das Forscherteam unter der Leitung von Chiara Pilo von der Sopintendenza innerhalb der Turmanlage einen sorgfältig versiegelten Zisternenbrunnen frei.

„Ganz unten im Brunnen lag eine Sammlung zerschlagener keramischer Gefäße, darunter erkennbar Kannen, eine Miniaturamphore und ein seltenes Zeremonialgefäß mit vier Griffen“, berichtet Pilo. „Außerdem fanden wir tierische und menschliche Überreste, die dorthin verbracht wurden.“

Danach sei der Brunnen durch Anbringung von Kalksteinfliesen verschlossen worden.In der Nähe des Brunnens fanden die Forscher Votivgaben – also symbolische Opfer an höhere Mächte, die entlang einer Treppe abgelegt waren. Darunter waren ein 94 Zentimeter langes Bronzeschwert, drei klingenartige Bronzegegenstände und ein Klumpen aus Kupfer.

Die Treppe wurde später zugestellt und der Zugang zum oberen Geschoss blockiert. „Insgesamt deuten die Funde eher auf eine Episode ritueller Handlungen hin als auf zufällig entsorgte Gegenstände“, konstatiert Pilo. „Dadurch wurde auch das Gebäude selbst verändert.“

Netzwerk aus Menschen, Gütern und Ideen

Um mehr darüber zu erfahren, woher diese Objekte stammten und welche Bedeutung sie hatten, kombinierten die Wissenschaftler klassische archäologische Untersuchungen mit modernen wissenschaftlichen Techniken.

Die Dünnschliff-Petrografie, eine Methode, mit der sich die in Töpferwaren enthaltenen Minerale bestimmen lassen, ergab, dass die meisten Keramikgefäße nicht lokal vor Ort hergestellt worden waren. „Sie kamen aus verschiedenen geologischen Regionen Sardiniens, einige aus mehr als 40 Kilometern Entfernung“, berichtet Amicone.

Die in Barru verwendeten Materialien spiegeln daher ein weiteres Austauschmuster über die Insel hinweg wider. Vermutlich sei die Nuraghe Barru Teil eines weitläufigen Netzwerks gewesen. „Menschen, Güter und Ideen bewegten sich über die Insel, Barru könnte ein wichtiger Knotenpunkt dieses Austausches gewesen sein.“

Die Röntgenfluoreszenzanalyse der Metallobjekte ergab, dass sowohl das Schwert als auch die rasierklingenartigen Geräte aus Bronze mit hohem Kupfer- und niedrigem Zinnanteil hergestellt wurden. „Solche Legierungen deuten im ersten Fall auf für in der Nuraghenkultur typische Votivschwerter hin. Sie wurden nicht für den Kampf gefertigt, sondern für symbolische oder rituelle Zwecke“, erklärt Amicone.

Die rasierklingenartigen Objekte ähnelten weiteren, die vom italienischen Festland bekannt seien. Dies könnte auf eine Verbindung zum Festland hindeuten, meint die Forscherin: „Doch die Zusammensetzung des Materials lässt eher auf eine lokale Herstellung schließen als auf einen Import dieser Gegenstände.“

Rituale, Macht und Identität

Insgesamt kam das Forscherteam zu dem Ergebnis, dass die Nuraghe Barru zu Beginn der Eisenzeit vor rund 3000 Jahren kein zerfallendes Relikt aus früheren Zeiten war. „Die Nuraghe Barru ist ein gut dokumentierter Fall“, resümiert Gianfranca Salis, wissenschaftliche Direktorin der Soprintendenza bei den laufenden Ausgrabungen.

„Es war in der Eisenzeit ein aktives Zentrum, in dem Rituale, Identität und soziale Macht in einer Zeit des Wandels verhandelt wurden. Als neue Kultstätten entstanden, wurden nicht alle alten Gebäude aufgegeben. Bestimmte Türme aus der Nuraghenkultur wurden für zeremonielle Zwecke neu genutzt.“

Zum Artikel

Erstellt:
6. Mai 2026, 18:36 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen