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Christengemeinschaft verlässt Murrhardt

Die anthroposophisch orientierte Glaubensgemeinschaft kann die kleine Gemeinde vor Ort nicht mehr weiterführen. Die Michaelkirche ist mittlerweile geschlossen. Das Grundstück mit Gottes- und Gemeindehaus soll verkauft werden. Die Stadt ist im Gespräch mit den Verantwortlichen.

Die Michaelkirche und das Gemeindehaus liegen oberhalb der Villa Franck. Sie sollen nun samt Grundstück verkauft werden. Foto: Florian Muhl

© Florian Muhl

Die Michaelkirche und das Gemeindehaus liegen oberhalb der Villa Franck. Sie sollen nun samt Grundstück verkauft werden. Foto: Florian Muhl

Von Christine Schick

Murrhardt. Nach 70 Jahren Christengemeinschaft in Murrhardt steht nun der Abschied bevor: Zur Jahresmitte wird die Glaubensgemeinschaft die Walterichstadt verlassen. Einige Schritte sind bereits vollzogen. Wie Pfarrerin Bettina Glas, die seit dreieinhalb Jahren die kleine Murrhardter Gemeinde betreut, berichtet, wurde die letzte Menschenweihehandlung, wie die Messe bei der Christengemeinschaft heißt, am 21. Mai gefeiert. Danach wurde die Weihe des Kultusraumes, sprich der Michaelkirche, zurückgenommen, da sie aufgegeben wird und mit dem Gemeindehaus sowie Grundstück verkauft werden soll. Bis Ende Juni wollen die Verantwortlichen alles ausgeräumt haben.

Dass die Murrhardter Gemeinde aufgelöst werden musste, ist letztlich auch eine Folge der Insolvenz des Hauses Hohenstein vor acht Jahren. Das Alters- und Pflegeheim in Trägerschaft der Christengemeinschaft hatte damals einen Erweiterungsbau – Haus Raphael – in Angriff genommen und war in die Zahlungsunfähigkeit geraten. Die Anfänge der Murrhardter Gemeinde gehen bis in die Nachkriegszeit zurück. Ursprünglich hatte die Christengemeinschaft die Villa Franck erworben und dort eine Lebensgemeinschaft im Alter mit anthroposophischem Hintergrund begründet. Über die Jahrzehnte entwickelte sich nicht nur ein Seniorenheimkomplex mit mehreren Gebäuden, sondern auch die Christengemeinschaft Murrhardt mit eigener Kirche und einem Pfarrhaus auf dem über der Stadt gelegenen großen Grundstück inklusive einer Parkanlage, die noch aus Robert Francks Zeiten stammt.

Die Insolvenz veränderte die Situation grundlegend. Das Seniorenheim ging in eine andere Trägerschaft über, die keinen anthroposophischen Hintergrund mehr hatte. Da sich zuvor zahlreiche Mitglieder der Christengemeinschaft aus der Region für das Haus Hohenstein als Alterswohnsitz entschieden hatten, war die Murrhardter Gemeinde vergleichsweise groß, nahm aber nach diesem Einschnitt kontinuierlich ab. Zudem gestaltete sich die Lage durch den Verkauf und die nicht mehr einheitlichen Besitzverhältnisse schwierig, erläutert Bettina Glas. Eine Folge davon war, dass die Christengemeinschaft auf dem Grundstück oberhalb des Seniorenheimkomplexes und der Villa Franck ein Stück weit abgeschnitten ist. Da sich dort Kirche und Pfarrhaus befinden, die aber über keinen eigenen Strom- und Wasseranschluss verfügen, stand auch eine Entscheidung ins Haus, wie eine eigene Infrastruktur in dieser Hinsicht geschaffen werden sollte. Das alte zusammenhängende Netz war zu entkoppeln. „Es war klar, dass wir in absehbarer Zeit keinen Strom mehr über die seitherige Leitung hätten beziehen können“, sagt Bettina Glas. Lange habe man verschiedene Möglichkeiten geprüft, überlegt, diskutiert. „Diese Erschließung hätte nun für das Grundstück geleistet werden müssen, was die finanziellen und personellen Möglichkeiten der sehr kleinen Gemeinde bei Weitem übersteigt.“

Denn es zeigte sich, dass auch nicht mehr genügend jüngere Menschen Verantwortung in der Gemeinde übernehmen konnten, um eine Zukunftsperspektive für sie zu eröffnen. Neben den Finanzen gehe es auch darum, dass sich Einzelne vor Ort ganz konkret um die Belange der Gemeinde kümmern. Unter den Engagierten seien noch einige, die in der Waldorfpädagogik, sprich Schule, eingebunden sind. Diese hätten aber ihr Engagement auch vor dem Hintergrund von Corona nicht im bisherigen Maße aufrechterhalten können. So hat sich die Gemeindeversammlung gemeinsam mit Pfarrerin Bettina Glas und Martin Merckens, Lenker der Christengemeinschaft der Region Württemberg, im Januar entschlossen, die Kirche aufzugeben und die Gemeinde zu schließen. „Die Entscheidung ist allen Beteiligten nicht leicht gefallen, es sind doch viele Biografien von Mitgliedern der Christengemeinschaft über Jahrzehnte eng mit der Michaelkirche verbunden. Für viele ist dieser endgültige Abschied ein tiefer und schmerzhafter Einschnitt. Wir hoffen, dass die Menschen nach und nach in den umliegenden Gemeinden ein neues Umfeld für ihr religiöses Leben finden“, sagt Martin Merckens.

„Es ist der treuen Mitarbeit von wenigen langjährigen Mitgliedern zu verdanken, dass noch acht Jahre lang hier am Hohenstein in Murrhardt die Menschenweihehandlung trotz widriger äußerer Umstände gefeiert und ein Gemeindeleben aufrechterhalten werden konnte“, ergänzt Bettina Glas. Auch sie sei traurig über diesen Schritt. „Natürlich ist es schöner, etwas aufzubauen, aber auch ein Abschied und ein Loslassen gehört letztlich ähnlich wie bei einem natürlichen Lebenszyklus dazu.“ Wichtig sei gewesen, dies gut zu begleiten, was aus ihrer Sicht gelungen sei.

Und wie geht es für die verbliebenen Gemeindemitglieder weiter? Aktuell zählt die Christengemeinschaft Murrhardt noch etwas über 40 Frauen und Männer, wobei das Einzugsgebiet von der Walterichstadt über das obere Murrtal bis hin zur Backnanger Bucht reicht. Diese sind nun eingeladen, sich der Gemeinde Winterbach anzuschließen, die Bettina Glas als Pfarrerin betreut. Letztlich sind sie dabei aber ganz frei. Eine weitere Möglichkeit besteht beispielsweise in Schwäbisch Hall. Die wenigen Hochbetagten und nicht mobilen Mitglieder – vier Personen – in Murrhardt, die im Haus Hohenstein leben, werden priesterlich künftig von Winterbach aus betreut. Dabei hat Pfarrerin Glas Unterstützung von ihrem Kollegen im Ruhestand Karsten Schlooss.

Die Situation der Murrhardter Gemeinde ist für Glas eine spezifische und auch im historischen Kontext ihres Entstehens zu sehen. Zwar würden auch die Gemeinden der Christengemeinschaft im Schnitt etwas älter, eine generelle Abnahme der Mitglieder sei aber nicht zu verzeichnen, dazu seien die Zahlen zu heterogen. Nun hofft Glas, dass sich durch den Verkauf von Gebäuden und Grundstück eine gute Perspektive für Murrhardt ergibt.

Auf Nachfrage bei Bürgermeister Armin Mößner, berichtet dieser, dass die Stadt nach Aufgabe der Michaelkirche mit der Christengemeinschaft im Gespräch und der Kauf der Immobilie eine Option sei. Für den Fall, dass dieser zustande kommt, stellt sich die Frage, was Ansätze für eine mögliche Zukunft des Areals sind. Mößner lässt dazu wissen: „Konkrete Pläne und Gedanken dazu gibt es nicht. Wichtig ist jedoch, dass die Immobilien im Bereich der denkmalgeschützten Sachgesamtheit Villa Franck möglichst beieinander bleiben und für die Zukunft in Konzepte eingebracht werden können. Die Stadt sollte die Entwicklung möglichst eng begleiten, da die Villa und ihr Umfeld stadtbildprägend und zudem eine schöne Anlaufstelle für Gäste der Stadt sind.“ Auch das Parkgelände spielt bei den Überlegungen eine Rolle. Schon seit Längerem gehört der Stadt das Grundstück mit dem kleinen Tempel Richtung Hoffeld und der Bank mit Blick auf Murrhardt als Teil des Stadtwalds. Im Zuge der Insolvenz hat sie die restlichen Parkwaldgrundstücke erworben, zum einen oberhalb der Villa, zum anderen die sogenannte Elfenwiese mit dem Tempel, der Scheinruine und dem Eingangsportal. „Wunsch und Wille der Stadt war und ist, dass der Parkwald als Bestandteil des Stadtwaldes öffentlich für die Bevölkerung zugänglich bleibt und auch in Konzeptionen der Villa Franck einfließen kann. Vor Jahren wurde ein Parkpflegewerk mit dem Landesamt für Denkmalpflege erarbeitet. Mit der Insolvenz der Haus Hohenstein GmbH kam das seinerzeit ins Stocken. Hier könnte in der Zukunft wieder angesetzt werden“, so Mößner.

Gemeinde lädt zu einem Hausflohmarkt ein, in dessen Rahmen auch die Kirche noch einmal besucht werden kann

Flohmarkt Am Samstag, 18. Juni, ab 11 Uhr lädt die Gemeinde zum Hausflohmarkt ein. Es können Möbel, Bücher, Mineralien und Haushaltsgegenstände erworben werden. Das Kirchengebäude steht an dem Tag auch noch einmal für Besucher offen.

Historie Die Christengemeinschaft hat nach dem Zweiten Weltkrieg den Hohenstein von der Familie Franck gekauft und in der Villa die erste Lebensgemeinschaft im Alter eingerichtet. 1952 erhielt die Gemeinde mit Hermann Himstedt den ersten eigenen Pfarrer und das Seniorenheim wuchs in den folgenden Jahren immer weiter. Am 1. Advent 1967 wurde der Grundstein zur Michaelkirche gelegt, die 1968 eingeweiht wurde. Die erste Menschenweihehandlung in der neuen Kirche zelebrierte der damalige Erzoberlenker der Christengemeinschaft, Rudolf Frieling, dessen Grab man auf dem Murrhardter Friedhof heute noch besuchen kann. Die Christengemeinschaft entfaltete über Jahrzehnte ein reiches Gemeinde- und Kulturleben, auch der Wolkenhof war lange mit einbezogen. Anfang der 90er-Jahre wurde die Villa Franck verpachtet. Anfang des 21. Jahrhunderts wurde ein Erweiterungsbau des Seniorenheims geplant. Im Zuge des Baus geriet das Seniorenheim 2014 in die Insolvenz.

Jubiläum Die Christengemeinschaft wurde 1922 als Bewegung für religiöse Erneuerung von 45 überwiegend sehr jungen Menschen, darunter vielen Studenten der evangelischen Theologie und einigen evangelischen Pfarrern in Zusammenarbeit mit Rudolf Steiner gegründet. Heute ist die Christengemeinschaft weltweit vertreten. Im Oktober feiert sie ihr 100-jähriges Bestehen. In Württemberg ist die Gemeindedichte weltweit am größten.

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Erstellt:
14. Juni 2022, 06:00 Uhr

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