Das Murrhardter Repaircafé legt los

Künftig steht ein Team Ehrenamtlicher einmal im Monat bereit, um das Leben von Gebrauchsgegenständen und anderen Begleitern nach Möglichkeit zu verlängern. Der Besuch bei der Eröffnung zeigt, dass der Bedarf da ist und die Aufgaben komplex sein können.

Werner Strack nimmt sich der lieb gewonnenen Küchenuhr von Edith Veitinger an. Fotos: Stefan Bossow

© Stefan Bossow

Werner Strack nimmt sich der lieb gewonnenen Küchenuhr von Edith Veitinger an. Fotos: Stefan Bossow

Von Christine Schick

Murrhardt. Edith Veitinger ist mit ihrer Küchenuhr gekommen. „Sie war mir so viele Jahre treu und hat für mich einfach Erinnerungswert“, sagt sie. Das batteriebetriebene Stück läuft nicht mehr und die Murrhardterin erhofft sich Hilfe vom Team des Repaircafés. Werner Strack nimmt sich der Uhr an. Zunächst baut der Ingenieur, der vor seiner Rente in der Nachrichtentechnik tätig war, das Uhrwerk hinter dem hübschen Keramikgehäuse aus und fixiert es später neu. Schließlich ist aber klar: „Es muss ein neues Uhrwerk gekauft werden.“ Strack schaut im Internet nach Bestellmöglichkeiten und ob es auch für die Zeiger Ersatz gibt. „Die Abmessungen müssen ja stimmen“, erklärt er. Dann wird vereinbart, dass Edith Veitinger sich um die Bestellung kümmert, um demnächst wieder ins Repaircafé zu kommen. „Es ist wirklich gut, dass es das jetzt gibt“, sagt sie.

Nebenan sitzt Ingolf Berkes, seines Zeichens Radiofernsehtechniker, bei Thomas Herburger aus Fornsbach, der eine Deckenleuchte aus dem Wohnzimmer seiner Eltern mitgebracht hat. Der elektronische Halogentransformator ist aufgeschraubt und Berkes macht sich daran, zu untersuchen, warum die Leuchte nicht mehr funktioniert. Vielleicht gibt es eine Sicherung, die defekt ist und sich reparieren lässt?

Ein Wasserkocher wird zerlegt

Josef-Georg Müller, gelernter Schreiner, aber auch in mechanischen Themen versiert, steht über einen Wasserkocher gebeugt. Die Besitzerin Diemut Yáñez erklärt, dass der automatische Abschaltknopf das Gerät sofort vom Strom nimmt, noch bevor das Wasser eine Chance bekommt, erhitzt zu werden. „Ich habe das Gerät geschenkt bekommen, insofern gibt es keine Garantie, aber es ist ganz neu“, erzählt sie. Nach Einschätzung von Müller steckt ein mechanisches Problem des Plastikkörpers, der sich leicht verzieht, dahinter. Er baut das Gerät auseinander und wieder zusammen. Bei einem ersten Test erledigt der Wasserkocher nun seinen Dienst, schaltet aber nicht mehr ab. Ein am Kippschalter angebrachtes Gummi hilft, den Mechanismus auszulösen. Die Besitzerin freut sich, dass sie das Gerät nun wieder benutzen kann, auch wenn es ein kleines Handicap hat. „Ich bleib’ zur Sicherheit einfach dabei, bis das Wasser kocht.“

Eine Nähmaschine wird eingestellt

Nicht als Reparatur-, sondern als spannender Feinjustierungsfall stellt sich das Problem einer Nähmaschine heraus, die Klaus Düringer im Gepäck hat. Im Auftrag seiner Frau wird das italienische Modell, das rund 40 Jahre auf dem Buckel hat, begutachtet und Kirstin Krack hinzugezogen. Als Bekleidungstechnikerin und Schneiderin steht sie bereit, um bei klassischen Flickarbeiten von dünn gewordenen Stellen oder Rissen beispielsweise einer Jeans zu unterstützen und Tipps zu geben. Sie setzt sich an das gute Stück und tüftelt am Spannungsverhältnis von Ober- und Unterfaden. Nach verschiedenen Testdurchläufen und einem Nadeltausch zeigen sich keine Aussetzer in der Naht mehr. „Ich hab schon Stunden mit solchen Einstellungen zugebracht“, sagt sie mit einem Lächeln.

Bereits am Eröffnungssamstag jedenfalls ist klar: Die Arbeit wird dem Team, das im Moment rund 15 Ehrenamtliche umfasst, wohl nicht so schnell ausgehen. Sollten Analyse und Reparatur mal länger dauern, kommt Gabriele K. Müller ins Spiel. Sie versorgt die Besucherinnen und Besucher im Eingang des Werkstattgebäudes, das sich rechts neben der neuen Sporthalle am Rand des Murrhardter Stadtgartens befindet, mit einem Kaffee oder anderen Getränken und einer Kleinigkeit zum Schnabulieren wie Butterbrezeln oder Gebäck. Dort am Tisch können sich die Gäste auch dem Bogen widmen, auf dem sie die Störung ihres Problemkandidaten beschreiben und auf dem Teammitglieder später Stichworte zum Ergebnis vermerken, wie Michael Habele erklärt. Auf dem Papier findet sich auch ein entsprechender Haftungsausschluss. „Eine Garantie können wir ja nicht übernehmen“, sagt Habele, der beruflich in der Nachrichtentechnik und Kommunikation verortet war. Ihm fällt beim Repaircafé die Begleitung der Kundschaft zum jeweiligen Fachbereich sowie die Aufgabe zu, den Überblick zu behalten – auch in Bezug auf die Dokumentation.

Den Wunsch, ein Repaircafé auch in Murrhardt anzubieten, hat Mitinitiator Wolfgang Matti, früher als Ingenieur tätig, schon länger, erzählt er. „Wir sind nach Oppenweiler, Backnang und Öhringen gefahren, um uns einige Beispiele anzuschauen.“ Mit diesen Anregungen ausgestattet, war es der letzte Schritt für die Ehrenamtlichen, mögliche Räume zu finden. „Als ich dann auf Rektorin Martina Mayer zugegangen bin, sind wir mit offenen Armen empfangen worden.“ Der Standort des neuen Angebots im Werkraum des Nebengebäudes der Walterich- und Herzog-Christoph-Schule ist ideal. Die Werkbänke und Tische lassen sich gut nutzen, auch wenn das Team seine eigenen Werkzeuge mitgebracht hat.

Es geht auch um Hilfe zur Selbsthilfe

Die werden zur Hand genommen; die nächsten Sorgenkinder wie ein Küchenradio, eine Küchenmaschine, eine Ministereoanlage oder ein kaputter Beamer warten schon. Eine Murrhardterin, die Hilfe bei ihrem Handy braucht, bekommt von Detlef Dannies, der als Datenverarbeitungskaufmann schaut, was er bei Reparaturen von PC, Tablet und Co. ausrichten kann, eine Einführung. Bei den Gesprächen unterstützen sich die Engagierten, so weit es geht, gegenseitig. Kirstin Krack stellt fest: „Wir möchten auch Hilfe zur Selbsthilfe leisten.“ Idealerweise lässt sich – für ihren Bereich gesprochen– die Hose später selbst flicken. Zwar ist klar, dass sich allein aus Zeitgründen nicht alles reparieren lässt, aber erst mal werden die Möglichkeiten sondiert. Dabei kann auch das Netz helfen, in dem etliche Anleitungsvideos abrufbar sind.

Auch kleine Textilreparaturen sind möglich.

© Stefan Bossow

Auch kleine Textilreparaturen sind möglich.

Ingolf Berkes checkt ein Küchenradio.

© Stefan Bossow

Ingolf Berkes checkt ein Küchenradio.

Das Repaircafé im Werkstattgebäude öffnet jeden ersten Samstag im Monat von 10 bis 15 Uhr

Starthilfe Bürgermeister Armin Mößner schaut gemeinsam mit Karl-Heinz Ziegler auch im Namen der Bürgerstiftung vorbei. Die beiden haben einen Scheck über 250 Euro für Handwerkszeug und kleinere Materialien mit im Gepäck. Mößner hofft, dass durch das Team möglichst viele Gebrauchsgegenstände so wieder im Sinne der Nachhaltigkeit eine zweite Chance bekommen. Das wünscht sich auch Uwe Matti, Leiter des Amts für Wirtschaft, Kultur und Tourismus, der das Repaircafé im Rahmen des bürgerschaftlichen Engagements in Murrhardt betreut. Auch Elektrounternehmen sowie ein Baumarkt haben das Projekt mit Werkzeugen und Messgeräten unterstützt.

Monatstakt Das Repaircafé Murrhardt öffnet jeden ersten Samstag im Monat von 10 bis 15 Uhr für die Besucherinnen und Besucher – im Werkraum des Gebäudes zwischen der neuen Sporthalle und Festhalle. Das Team mit Erfahrung aus Beruf und Hobby kümmert sich um Elektrokleingeräte, Handys, Laptops und Computer. Ferner werden einfache Holzreparaturen erledigt, Messer geschliffen oder Mitglieder des Teams helfen beim Sockenstopfen und zeigen, wie man an Hosen, Hemden oder Pullovern Flicken setzt, um das Leben von Textilien zu verlängern. Die Sorgenkinder einfach mitbringen, bei elektronischen Geräten auch Ladegeräte und entsprechende Kabel sowie, wenn vorhanden, die zugehörige Bedienungsanleitung. Das Team arbeitet ehrenamtlich, die Unterstützung ist kostenfrei. Eine Spende ans bürgerschaftliche Engagement der Stadt Murrhardt ist willkommen.

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Erstellt:
10. April 2024, 06:00 Uhr

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