Das Rathaus hatte auch einen Tanzboden

Beim ersten Geschichtstreff des Jahres berichtet Historiker Andreas Kozlik über seine aktuellen historischen Forschungen zur Stadt Murrhardt in der Zeit zwischen dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs 1648 und dem Stadtbrand 1765. Ein Steuerbuch erweist sich als ergiebige Quelle.

Das sogenannte rote Haus (rechts) könnte sogar zeitweise Rathaus und Treffpunkt der Zünfte gewesen sein. Foto: Stadtarchiv Murrhardt

Das sogenannte rote Haus (rechts) könnte sogar zeitweise Rathaus und Treffpunkt der Zünfte gewesen sein. Foto: Stadtarchiv Murrhardt

Von Elisabeth Klaper

Murrhardt. Die Geschichtswissenschaft ist spannende Detektivarbeit: Was lange als Tatsache galt, muss nach neuen Erkenntnissen neu interpretiert werden. Dies trifft auf aktuelle Forschungen von Historiker Andreas Kozlik zu. Darüber berichtete der Vorsitzende des Geschichtsvereins Murrhardt und Umgebung im Vortrag „Die Stadt Murrhardt und ihre Einwohner in der Frühen Neuzeit“ beim Geschichtstreff im Carl-Schweizer-Museum, der viele Interessierte anlockte. Bisher wusste man über die Zeit vom Ende des Dreißigjährigen Kriegs 1648 bis zum Stadtbrand 1765 nur wenig. Doch aus einigen Archivalien im Stadtarchiv gewann Kozlik nun viele Informationen über die damaligen Gebäude und die Einwohnerschaft, woraus er nun ein Häuserbuch erstellt. Mühsam wertete er das lückenhafte Steuerbuch von 1731 aus: Es enthält kein Verzeichnis, aber viele kreuz und quer notierte aufschlussreiche Details über Bestand und Nutzung von Gebäuden.

Die „Galabre“ mit Häuschen ärmerer Leute entstand zwischen 1720 und 1740

Im 18. Jahrhundert gab es etwa 166 mit Wohnhäusern und Scheunen bebaute Grundstücke in der Stadt, indes noch keine Hausnummern und nur wenige Straßen und Gassen hatten Namen. Stattdessen beschrieb man Häuser nach Größe, geografischer Lage mithilfe der Nachbargebäude und Namen der Besitzer. Die Grundstücke gehörten dem Kloster, der Stadt oder dem Heiligen, einer sozialen Stiftung, die Bedürftige unterstützte, jedoch in bisherigen Forschungen nicht fassbar ist. Um 1720 bis 1740 entstanden in der unteren Vorstadt nahe der Murr etliche kleine Häuschen für Arme: Diese nannte man „Galabre“, da man sich eine arme Wohnsiedlung wie in Kalabrien vorstellte, erklärte Andreas Kozlik.

Bisher kaum bekannt waren Geschichte und Funktion des wohl wegen der Farbe rotes Haus genannten Gebäudes mit Fachwerk und massivem Keller nahe der Rümelinsmühle, das 1970/71 abgerissen wurde. Es soll zeitweise Rathaus und Treffpunkt der Zünfte gewesen sein, was aber bisher nicht nachweisbar ist. 1727 bauten der Bäcker Hans Michael Sauter und seine Frau Anna Maria den Keller, 1736 folgte der Hausbau, wie ein Inschriftenstein mit Namensinitialen und Brezelsymbol im Museum zeigt. Wenige Jahre später starb der Bäcker, worauf der Rümelinsmüller die Hälfte des Hauses kaufte. Den Keller teilten sich mehrere Bierbrauer.

Ein Verzeichnis von 1724 gibt Auskunft über den Aufbau der meist zwei- oder dreistöckigen Häuser. Das alte, beim Stadtbrand abgebrannte Rathaus war dreistöckig, hatte ein Türmchen mit Uhr, eine große Stube für Bürgerversammlungen und sogar einen Tanzboden. Die Mehrzahl der Häuser verfügte über teils nur in die Erde gebaute Keller, Ställe, Stuben, Küchen, Kammern (Schlafzimmer) und (Dach-)Böden. Viele Häuser waren aufgeteilt, sodass oft mehrere einander fremde Familien zusammenwohnten, jede hatte kleine Wohn- und Vorratsräume, aber keine Privatsphäre.

In der Stadt existierten viele verschiedene Handwerksbetriebe, allein 22 Bäcker und 18 Metzger, konzentriert in den Vorstädten und in der Hauptstraße, wie aus einem Verzeichnis für die Bürgermeisterrechnung von 1724 hervorgeht. Sie waren meist auch Nebenerwerbslandwirte und besaßen Vieh, Gärten, Wiesen und Äcker. „Die Bauern der umliegenden Weiler waren auf die Dienstleistungen dieser Handwerker angewiesen und kamen oft in die Stadt“, für sie waren die zahlreichen Gaststätten wichtige gesellschaftliche Treffpunkte. Es gab sechs Schildwirtschaften, je drei in der oberen und unteren Vorstadt. Dort konnten Reisende auch essen und übernachten, wenn die Stadttore bereits geschlossen oder noch nicht geöffnet waren, so Kozlik.

Hinzu kamen etliche Gassenwirtschaften, die Besenwirtschaften entsprachen, indes sind deren Namen nicht verzeichnet. Doch habe es in Murrhardt nicht wegen der Pilger an Ostern so viele Gaststätten gegeben, denn „im 18. Jahrhundert gab es keinen Pilgerbetrieb“, ist der Historiker überzeugt. Er fand heraus, dass der „Schwanen“ sich im 18. Jahrhundert im Gebäude der späteren „Krone“ in der oberen Vorstadt befand und erst um 1810 in die spätere Karlstraße umzog, während die „Krone“ sich damals neben dem „Löwen“ befand und ebenfalls erst nach 1810 in das einstige „Schwanen“-Gebäude umzog.

Am 24. März 1735 leisteten 209 namentlich genannte Bürger die Erbhuldigung (Einsetzungszeremonie) für den seit 1733 regierenden württembergischen Herzog Karl Alexander. So Prälat und Vogt, Ober- und Unterdiakon, Stadt- und Amtsschreiber, der eingesetzte Amtsbürgermeister, der gewählte zugeordnete Bürgermeister sowie die Gerichts- und Ratsmitglieder, die verschiedene Ämter ausübten. Nach Kozliks Berechnung wohnten 1735 insgesamt 955 Personen, 509 Frauen und 446 Männer, in der Walterichstadt, hinzu kam eine unbekannte, aber hohe Zahl von Nutztieren.

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Erstellt:
13. Mai 2024, 06:00 Uhr

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