Mannheim: Kaari Upson

Dem Unbekannten unbequem nah

Kaari Upson hatte eine lebhafte Fantasie. Die verstörenden Arbeiten der früh verstorbenen Künstlerin berühren auf ihre eigene Art, inklusive Gruselfaktor.

Kaari Upson 2019 zwischen den Abgüssen der Beine ihrer Mutter. Zwei Jahre später starb die Künstlerin.

© Kaari Upson Trust

Kaari Upson 2019 zwischen den Abgüssen der Beine ihrer Mutter. Zwei Jahre später starb die Künstlerin.

Von Adrienne Braun

Eigentlich gehört es sich nicht. Aber als die Villa des Nachbarn ihrer Eltern nach einem Brand leer stand, wurde Kaari Upson doch neugierig. Heimlich schlich sich die Künstlerin ins Haus und sah sich ein wenig um. Aus dem anfänglichen Interesse wurde bald eine Obsession. Upson las Unterlagen und Aufschriebe, sie öffnete Schränke und Kisten – und mit der Zeit entstand in ihrem Kopf das Bild eines wohl eher unsympathischen Mannes. Dieser Larry, wie sie ihn nannte, könnte ein selbstverliebter Playboy gewesen sein mit eigenem Fitnessstudio und Selbstoptimierungswahn. Er wurde wohl mehrfach verklagt und saß während des Feuers vermutlich im Knast.

Der Nachbar als Puppe dessen Kopf abgesägt wird

Wer weiß, ob alles der Wahrheit entspricht, was man in der Kunsthalle Mannheim nun über diesen Larry erfährt, mit dem Kaari Upson sich in ihrer künstlerischen Arbeit über Jahre beschäftigte. Sie hat zum Beispiel den Zaun aus Maschendraht, durch den sie dreist drang, aus Latex nachgeformt, als habe sie eine schützende Haut aufgerissen. Sie hat auch kleine Bildchen mit Szenen aus Larrys Alltag gemalt, die wie Fotos wirken, und diesen Larry als Puppe genäht. In einem Video sieht man, wie sie hier und dort an seinem Stoffleib Nähte setzt und schließlich mit der Säge seinen Kopf fröhlich plaudernd absäbelt.

Die Kunst von Kaari Upson ist so kurios wie irrwitzig, hier geschmacklos, dort berührend – und in der Summe absolut interessant. Denn sie zieht sofort hinein in Geschichten, die auch anhand von Objekten erzählt werden. So steht in der großen Einzelausstellung in der Kunsthalle Mannheim eine riesige Puppenstube. Sie gehörte Upsons Mutter. Aber so übermächtig diese hölzerne Stube mit Kamin, Tellerchen und Töpfen nun wirkt, erinnert das vergrößerte Puppenhaus keineswegs an selbstvergessenes Spiel in Kindertagen. In einem Video, das Upson in dem vergrößerten Modell gedreht hat, erscheint sie vielmehr selbst als Puppe, die wie fremdgesteuert durch ihre eigene Biografie mäandert, als sei sie Opfer der Prägungen während der Kindheit. Der heimische Kosmos zeigt sich hier nicht als Schutzraum, sondern als Ort, der die Identität eines Menschen bestimmt – nicht nur auf gute Weise.

Sie kreiert eine unbequeme Nähe zu Unbekannten

Kaari Upson wäre heute sicher eine gefragte Künstlerinnen, wäre sie nicht 2021 mit nur 51 Jahren gestorben. Aufgewachsen ist sie in Kalifornien mit einer deutschen Mutter, die als Kind aus der DDR floh. Sie hat immer wieder ihre eigenen Geschichten aufgegriffen in ihren Arbeiten, in denen doch stets etwas Allgemeines, Universelles steckt. Ob es menschliche Erfahrungen sind oder Fragen, wie Realität, Erinnerung und Fantasie zusammenspielen bei der Konstruktion des eigenen Selbst, Kaari Upson übersetzte ihre Themen in eigenwillige und stark sinnlich wirkende Kunstwerke.

So streifte die junge Künstlerin häufig durch San Bernardino und tummelte sich an einem der zahllosen Un-Orte der Stadt, Niemandsland voller Schrott und Sperrmüll. Von alten Sofas und Matratzen, die sie dort fand, machte sie Abgüsse aus Latex und Urethan, die nun in der Kunsthalle als Skulpturen stehen. Die hautfarbenen Oberflächen weisen Flecken und Mulden auf, die Körper in den Polstern hinterlassen haben. Diese intime Nähe zu Unbekannten ist unangenehm, obwohl diese doch eigentlich abwesend sind. Auch hier spielen in die Objekte eigene Fantasien und Projektionen unmittelbar hinein.

Chronik ihrer Krankheit bis zur Selbstauflösung

So geht es häufig im Werk von Kaari Upson um die Grenzen des Selbst. Auch Larry ist letztlich eine Projektion, seine konstruierte Geschichte vermischt sich mit der Person der Künstlerin, die schließlich sogar sexuelle Fantasien entwickelte. Um das zu verdeutlichen, malte Kaari Upson ein Porträt von Larry und eines von sich und legte die noch nassen Leinwände aufeinander, damit sie Larry quasi küssen kann. Die getrockneten Bilder mit den verschmierten Mündern in der Mannheimer Ausstellung sind Sinnbilder der Selbstauflösung und Verschmelzung des Paares.

2017 hatte Kaari Upson ihre erste große Einzelausstellung im New Yorker New Museum, zwei Jahre später wurde sie zur Biennale von Venedig eingeladen und fortan international wahrgenommen. Doch statt durchstarten zu können, bekam sie Krebs und nahm auch hier die Krankheit zum Ausgangspunkt ganz unterschiedlicher Arbeiten. Sie fertigte unter dem Slogan „Gruß von der Alm“ aus Keramik eine Frau im Dirndl, deren Hinterteil riesenhaft aufgebläht ist – so, wie Upson es während der Krebstherapie erlebte.

Die Installation „Cult of Invalidism“ in der Kunsthalle Mannheim ist allerdings schon deutlich früher entstanden, nämlich 2012. Im Rückblick wirken die zahllosen rosaroten Krücken, die an der Wand lehnen, fast prophetisch und bringen unmittelbar Versehrtheit, körperliche Einschränkungen und Abhängigkeit zum Ausdruck. Zum Abschluss der beeindruckenden wie bewegenden Ausstellung in der Mannheimer Kunsthalle hängt eine Serie mit Selbstporträts. Es ist eine Chronik ihrer Krankheit, für die Kaari Upson jeden Tag das eigene Gesicht malte, das sich zunehmend aufzulösen scheint. Am Ende sind nur noch zwei einsame Augen übrig, während der Rest bereits im Nirgendwo verschwunden ist.

Internationaler Star zum Abschied

WeggangMit der Retrospektive von Kaari Upson verabschiedet sich der Direktor Johan Holten von der Kunsthalle Mannheim. Der Däne, der zuvor die Kunsthalle Baden-Baden erfolgreich geleitet hatte, kehrt in seine Heimat zurück und wird im April die Leitung des Museum ARKEN bei Kopenhagen übernehmen.

BesuchAusstellung bis 31. Mai, geöffnet Di bis Do 10 bis 18 Uhr, jeden 1. Mittwoch im Monat 10 bis 22 Uhr. adr

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Erstellt:
7. März 2026, 16:14 Uhr

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