Wende im Iran-Krieg
Der Iran-Krieg wird zum Krieg ums Öl – jetzt schlägt Teheran zurück
Irans Regierung erklärt Energie-Anlagen am Golf mit Verbindungen zu den USA zu Angriffszielen. Was ist, wenn jetzt noch die pro-iranischen Huthis aus dem Jemen eingreifen?
© Ali Haider/EPA/dpa
Öl-Anlagen am Golf, hier in Saudi-Arabien – stehen im Visier von Teheran.
Von Thomas Seibert
Nach zwei Wochen Iran-Krieg geht es in dem Konflikt immer weniger um einen Sturz des Regimes in Teheran oder das iranische Atomprogramm. Stattdessen nehmen die Kriegsparteien die Ölindustrie ins Visier. Im Mittelpunkt stehen die Insel Kharg als Herzstück des iranischen Ölsektors, die Meerenge von Hormus und Ölanlagen der arabischen Golf-Staaten. Wenn nun auch noch die pro-iranischen Huthis aus dem Jemen in den Krieg eingreifen und die Zufahrt zum Suez-Kanal sperren sollten, würde das die Weltwirtschaft torpedieren.
Die USA hatten am Freitag iranische Militäranlagen auf Kharg angegriffen. Über die Insel im Persischen Golf laufen 90 Prozent der iranischen Ölausfuhren; die Exporte sind die Haupteinnahmequelle für den iranischen Staat. Präsident Donald Trump erklärte, er habe die Ölanlagen auf Kharg verschont, doch das könne sich ändern, wenn der Iran weiterhin die Straße von Hormus sperren sollte. Die Meerenge am Ausgang des Persischen Golfes in den Indischen Ozean ist ein wichtiger Transitweg für Öl und Gas.
Teheran ließ in den vergangenen Tagen einige indische Schiffe durch die Meerenge fahren; auch ein türkisches Schiff durfte passieren. Dagegen sei die Wasserstraße für Schiffe der USA und ihrer Kriegsalliierten gesperrt, teilte der Iran mit. Die Ölausfuhren durch die Straße von Hormus liegen bei nur noch zehn Prozent des Vorkriegs-Niveaus, wie die Nachrichtenagentur AFP meldete. Die Weltmarktpreise für Öl sind seit Kriegsbeginn um 40 Prozent gestiegen.
Trump erwägt militärische Eskorten durch die Straße von Hormus,
Trump erwägt militärische Eskorten für Tanker durch die Straße von Hormus, doch diese Einsätze wären aufwändig und gefährlich, weil die enge Wasserstraße in der Reichweite iranischer Raketen, Minen, Wasserdrohnen und Schnellboote liegt. Länder, die Öl aus der Golf-Region kaufen, sollten sich an Eskorten beteiligen, forderte Trump, doch bis Sonntag gab es keine Zusagen.
Die iranische Armee erklärte, wenn iranische Ölanlagen angegriffen werden sollten, würden alle Einrichtungen des Öl- und Energiesektors am Golf mit Verbindungen zu den USA „in Aschehaufen verwandelt“. Nach dem US-Angriff auf Kharg teilte Teheran mit, ab sofort seien alle „Verstecke“ der USA in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) legitime Angriffsziele. Der Angriff auf Kharg sei vom Territorium der VAE ausgegangen, sagte Außenminister Abbas Araghchi zur Begründung. Am Samstag wurde ein Treibstofflager in Fujairah in den VAE getroffen. Fujairah ist wichtig für die Ölexporte der Emirate, weil dort eine Pipeline in den Oman führt, mit der die Straße von Hormus umgangen werden kann.
Auch die Ölindustrien anderer Golf-Staaten liegen unter iranischem Beschuss. Die Streitkräfte von Bahrain erklärten, sie hätten seit Kriegsbeginn mehr als 120 Raketen und über 200 Drohnen der Iraner abgewehrt. Auch Katar, Oman, Kuwait und Saudi-Arabien meldeten iranischen Beschuss. Angegriffen werden Tanker, Treibstofflager, Raffinerien, Anlagen für Flüssiggas und andere Einrichtungen.
Der Iran will damit erreichen, dass die Golf-Staaten die US-Stützpunkte auf ihrem Territorium schließen und Trump dazu bringen, den Krieg zu beenden. Aus iranischer Sicht sei der Druck auf die globalen Energiemärkte „der Mechanismus, der Washington dazu bringen kann, die Kämpfe einzustellen“, schrieb Danny Citrinowicz, früherer Iran-Experte des israelischen Militärgeheimdienstes, auf der Plattform X.
Die Ölexporte aus der Golf-Region sind laut AFP wegen des Krieges von täglich 30 Millionen Barrel (je 159 Liter) auf 20 Millionen gefallen; der weltweite Bedarf liegt bei 100 Millionen Barrel pro Tag. Weil das Öl nicht mehr abtransportiert werden kann, sind die Lager prall gefüllt, weshalb die Ölförderung ebenfalls reduziert werden muss.
Sollten nun auch die Huthis noch eingreifen, könnte sich das Kriegsgebiet bis zum Roten Meer ausweiten. Die Huthis hatten bereits im Gaza-Krieg Schiffe in der Meerenge Bab el-Mandeb zwischen der Arabischen Halbinsel und der afrikanischen Küste angegriffen und damit Seetransporte durch den Suez-Kanal unterbunden. USA und Israel griffen deshalb Stellungen der pro-iranischen Rebellen an; seit Mai vorigen Jahres gilt ein Waffenstillstand.
Der iranische Einfluss auf die Huthis darf nicht überschätzt werden
Neue Angriffe der Huthis im Roten Meer würden USA und Israel zwingen, einen Teil ihrer Kriegsschiffe und Kampfflugzeuge vom Iran abzuziehen. Der iranische Einfluss auf die Huthis dürfe aber nicht überschätzt werden, sagt der Huthi-Experte Alexander Weissenburger, der am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften forscht.
Anders als andere iranische Verbündete wie die Hisbollah im Libanon erkennen die Huthis den iranischen Revolutionsführer nicht als obersten Anführer an. Der Tod von Ali Khamenei zu Beginn des Krieges stelle für die Huthis deshalb „kein so großes Problem dar“, sagte Weissenburger unserer Zeitung. Zudem wollen die Huthis langfristig als staatlicher Akteur ernstgenommen werden – der Eindruck, eine Marionette des Iran zu sein, läuft diesem Interessen zuwider.
Um ideologisch glaubhaft zu bleiben und sich dem Iran und potenziellen anderen Unterstützern als verlässlicher Partner zu präsentieren, könnten die Rebellen allerdings bereit sein, „zumindest pro forma in den Krieg einzugreifen“, meint Weissenburger. Ein Engagement der Huthis dürfte nach seiner Einschätzung eher zurückhaltend ausfallen, so lange die Rebellen nicht von außen gezwungen werden, sich zu verteidigen. Die Huthis könnten also den Krieg ans Rote Meer bringen - doch eine beliebig einsetzbare Trumpfkarte für den Iran sind sie nicht.
