Zoltan Glass
Der jüdische Fotograf, dessen Mercedes-Bilder die Nazis faszinierten
Schnelle Autos und Pinup-Girls, das waren bevorzugte Motive von Zoltan Glass. In den 30er-Jahren war der Fotokünstler eine Marke in Deutschland. Heute ist er fast vergessen.
© Hatje Cantz
Das Foto von Zoltan Glass (rechts) zeigt den Mercedes-Rennfahrer Manfred von Brauchitsch im Stromlinien-SSKL 1933 auf der Avus-Rennbahn.
Von Peter Stolterfoht
Genau 25 Jahre ist es nun her, da haben Wolfgang Rolli und Thomas Buchsteiner einen Schatz gehoben und ihn der Nachwelt zugänglich gemacht. 2001 initiierten der damalige Leiter des Mercedes-Benz-Museums und der mit ihm befreundete Tübinger Kulturwissenschaftler eine Foto-Ausstellung, die von Stuttgart aus später um die Welt gehen und für einen riesigen Erfolg sorgen sollte. Und das mit Werken eines Künstlers, der damals – 20 Jahre nach seinem Tod – nur Experten noch etwas sagte: Zoltan Glass, ein wahrer Meister seines Fachs.
Von Budapest führt ihn die Leidenschaft nach Berlin
Den 1903 in Budapest geborenen Zoltan Glass führt seine Leidenschaft 1925 nach Deutschland, wo er eine Anstellung als Bildredakteur beim Berliner Tagblatt antritt. Als Autofan spezialisiert er sich auf die Rennsportfotografie. Die Motive werden ihm auf der Avus-Strecke und auf dem Nürburgring geliefert. 1930 gründet Glass zwei Unternehmen, eines für Werbe- und eines für Motorsport-Fotografie.
Der Aufstieg zum Star der Branche ist eng mit den Rennerfolgen der Mercedes-Silberpfeile in den 30er-Jahren verbunden. Zoltan Glass wird dabei so etwas wie der Boxengassen-Fotograf des legendären Mercedes-Rennleiters Alfred Neubauer, der das weltbeste Werksteam managt. Aber auch die Konzern-Leitung ist begeistert von den Glass-Bildern. Das öffnet dem Fotografen die Tür ins Werbegeschäft, der jetzt auch Mercedes-Pkw ablichtet.
Bilder, die das Mercedes-Image prägen
So prägen diese Fotos das Image von Mercedes maßgeblich – auch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933. Zoltan Glass setzt Mercedes so in Szene, wie es die Nazis gerne sehen – als technisch überlegener Hersteller, dessen Rennwagen die mutigsten Männer zum Erfolg führen. Da sehen die Antisemiten zunächst auch darüber hinweg, dass ihr Starfotograf ein Jude ist.
Doch verlassen will sich Zoltan Glass am Ende nicht auf die Gunst der Machthaber. Seine letzten Fotos aus Deutschland stammen von der Automobil-Ausstellung 1936 in Berlin. Unmittelbar danach verlässt Glass das Land, mit seinem Bruder emigriert er nach London. Mit im Gepräck: das gesamte Fotoarchiv. In England wird Glass in den 50er-Jahren zu einem der gefragtesten Modefotografen, widmet sich aber auch der Akt- und Pinup-Fotografie.
Es waren viele Genres, die Zoltan Glass bediente. So sind es auch ganz unterschiedliche Fotos, die vor 25 Jahren der damalige Mercedes-Museums-Chef Wolfgang Rolli gemeinsam mit dem Fotohistoriker Thomas Buchsteiner im Zuge der Ausstellung zusammengetragen hat.
Zunächst waren da aber nur ein paar, keinem Fotografen zuordenbare Bilder im Mercedes-Archiv, die Rolli und Buchsteiner auf die Spur von Zoltan Glass gebracht hatten. Besonders ergiebig verwies sich dabei ihre Recherche in England, wo ein riesiger Nachlass verwaltet wurde. Informationen lieferte dort auch Glass’ früherer Assistent George Nicholls, der über seinen Chef sagte: „Seine Fotografie war abwechslungsreich, witzig, sexy, unflätig, kitzelig, humorvoll, neuartig, erfinderisch, schockierend, unschuldig, überredend – gerade wie es ihm passte.“
„Speed and Spirit“ – ein Bildband als Denkmal
In London erhielt Glass auch den Beinamen „Picasso der Kamera“. Dem setzten Wolfgang Rolli und Thomas Buchsteiner 2001 mit der Ausstellung und einem im Stuttgarter Hatje-Cantz-Verlag erschienenen Begleitbildband „Speed an Spirit“ gleich zwei Denkmäler. Das Buch, das nur noch in Antiquariaten zu bekommen ist, vermittelt dabei nicht nur das Bild des Fotografen, die Texte beschreiben ihn auch als Menschen. „Er war ein richtiger Lebemann“, sagt Wolfgang Rolli, der noch heute gerne auf seine Recherche zurückblickt.
1964 verabschiedet sich Zoltan Glass in den Ruhestand. Dafür zieht er standesgemäß mit seiner Freundin Pat, einer ehemaligen Cabaret-Tänzerin, nach Roquebrune in eine Villa an der Côte d’Azur. Dort stirbt der fast vergessene Fotograf am 24. Februar 1981 im Alter von 77 Jahren.
© Hatje Cantz
Der Bildband „Speed Spirit“ setzt Zoltan Glass ein Denkmal.
© HC
Mercedes-Benz-Team, Avus, 1935
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Aktstudien mit Mercedes, 1961
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Der 300 SL (Flügeltürer)
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Schiffsverladung 1934: Mercedes-Benz 380 Cabriolet A
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„Moritz“ – der Hund des Rennfahrers Rudolf Carraciola geht 1931 den Nürburgring ab.
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Mercedes-Benz W25 Rennlimousine in der Version von 1935
© HC
Automobilausstellung 1936: Eines der letzten Bilder von Zoltan Glass aus Deutschland.
