Iranischer Widerstand
„Die junge Generation hat die Angst endgültig abgeschüttelt“
Der Umsturz im Iran müsse ohne Einwirkung des Auslands geschehen, sagt Javad Debiran, der stellvertretende Leiter des deutschen Büros des Iranischen Widerstandsrates.
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Demonstrationen gegen das Mullah-Regime, wie hier unmittelbar vor dem Jahreswechsel, erschüttern Teheran.
Von Norbert Wallet
Wieder gehen Tausende mutiger Iraner auf die Straßen, um gegen das Mullah-Regime zu protestieren. Solche Demonstrationen gab es auch in der Vergangenheit. Diesmal scheint aber manches anders. Sind nun die Tage der Theokratie im Iran endgültig gezählt? Wir fragen nach bei Javad Debiran, dem stellvertretenden Leiters des Büros des Iranischen Widerstandsrates (NWRI).
Was unterscheidet die aktuellen Proteste im Iran von vergangenen Aufständen?
Diesmal ist der Protest nicht nur kurzfristig: Er ist vernetzt, landesweit und kein Ende ist sichtbar. Die junge Generation hat die Angst endgültig abgeschüttelt. Vom Basar bis in über 130 Städte reichen die Parolen: „Tod dem Diktator“ und zugleich „Weder Schah noch Führer“. Auch steckt das Regime in einer Sackgasse. Im Vergleich zu 2022 haben sich drei Tatsachen klar herauskristallisiert: Erstens beruht der Aufstand auf einem festen Fundament – den unheilbaren Krisen des Regimes, vor allem der wirtschaftlichen. Zweitens ist der Widerstand im Innern durch die Ausweitung organisierter Widerstandseinheiten stärker geworden. Wir erleben einen aktiven Widerstand der Jugend. Drittens steht das Regime nicht mehr so stabil wie früher. Es ist stärker abgenutzt und sogar schwächer als noch vor wenigen Monaten.
Wie stark schätzt der iranische Widerstandsrat die Beharrungskräfte des Regimes ein?
Das Regime verfügt zwar noch über Repressionsinstrumente, doch seine gesellschaftliche Basis ist weitgehend weggebrochen – und die Krisen überlagern sich: der freie Fall des Rial, hohe Inflation sowie Mangel an Wasser, Strom und Gas. Die Proteste Ende 2025 wurden unter anderem durch den Teheraner Basar neu entfacht. Chamenei, der oberste Führer des Regimes, sieht als einziges Mittel nur noch Unterdrückung und Terror – genau das ist ein Zeichen von Erschöpfung. Volksmojahedin (MEK) treiben diese Erosion bis zum Kipppunkt.
Im Netz kursieren Aufnahmen von Protestanten, die den Namen des Schah-Sohns Reza Pahlevi skandieren. Er versucht sich zu positionieren. Wie einflussreich ist er?
Sein Einfluss ist eher ein mediales Konstrukt als eine reale Kraft auf der Straße. Das Regime befeuert gezielt die Erzählung von der „Rückkehr des Schahs“ – mit inszenierten Parolen, eingeschleusten Zivilkräften, nachträglich über Videos gelegten Tonspuren und Fake-Accounts. So soll der Aufstand von seinem eigentlichen Ziel abgelenkt werden: dem Ende der Diktatur. Hunderte gefälschte Clips mit solchen Parolen wurden bereits identifiziert.
Ist ein Sturz ohne Auslandseinwirkung möglich?
Ja – und das ist der einzige realistische Weg. Oppositionsführerin Maryam Rajavi sagt klar: Kein Krieg von außen; der Wandel ist Aufgabe des iranischen Volkes, ohne fremdes Geld und Waffen. Nötig ist das Austrocknen der Repressionsfinanzen: Öleinnahmen werden zu Kugeln – Ölverkauf und Beschwichtigung müssen enden.
Wer kann einen friedlichen Übergang organisieren?
Nur eine demokratische, organisierte Alternative. Der Plan des Nationale Widerstandsrats: Spätestens nach sechs Monaten Übergabe der Regierung an gewählte Vertreter – Übergangsregierung, Wahl einer verfassunggebenden Versammlung, neue Verfassung. Kernprinzipien: Trennung von Religion und Staat, Gleichberechtigung, Abschaffung der Todesstrafe.
Setzen die Protestierenden auf ein Überlaufen des Militärs? Ohne militärischen Arm sind die Proteste doch zahnlos.
Die Proteste sind nicht „zahnlos“: Ihre Zähne sind Menschen und Organisation. Steigen durch internationalen Druck die Kosten der Repression und vertiefen sich Risse im Gewaltapparat, gerät die Diktatur ins Wanken. Die Widerstandseinheiten sind die treibende Kraft. Ziel ist die Lähmung der Repression von der Straße und von innen – keine klassische Putschlogik. Die Absetzbewegungen in unteren Rängen werden sich beschleunigen.
Wie beurteilen Sie die Rolle Deutschlands und Europas?
Europa steht entweder an der Seite der Bevölkerung – oder wird Partner der Beschwichtigung. Nötig ist: Die Revolutionsgarde IRGC als Terrororganisation einstufen, Ölgeschäfte stoppen, gezielte Sanktionen gegen die Repression, und das Recht des Volkes und des organisierten Widerstands anerkennen, sich gegen Verbrechen der Iranischen Revolutionsgarden zu wehren.
