Sir David Attenborough
Die Stimme der Erde wird 100
Zum 100. Geburtstag von Sir David Attenborough blickt die Welt auf ein Jahrhundertleben zurück. Aus dem BBC-Mitarbeiter von einst wurde die bekannteste Stimme der Tier- und Pflanzenwelt – und im Alter ein eindringlicher Mahner für den Schutz der Erde.
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Sir David Attenborough wird 100 Jahre alt.
Von Katrin Jokic
Am 8. Mai wird Sir David Attenborough 100 Jahre alt. Es ist ein Geburtstag, der weit über Großbritannien hinaus Beachtung findet. Denn Attenborough ist nicht einfach ein Fernsehmoderator, der lange im Geschäft geblieben ist. Er ist eine der prägenden Stimmen des 20. und 21. Jahrhunderts: ein Mann, der Generationen von Zuschauern beigebracht hat, genauer hinzuschauen – auf Tiere, Pflanzen, Ozeane, Wälder und schließlich auch auf den Schaden, den der Mensch dort anrichtet.
Die Anfänge einer außergewöhnlichen Fernsehkarriere
Attenboroughs Karriere begann in einer Zeit, in der das Fernsehen selbst noch jung war. 1952 kam er zur BBC, 1954 wurde er mit „Zoo Quest“ bekannt. Aus heutiger Sicht wirken diese frühen Naturfilme wie Dokumente aus einer anderen Medienwelt: kleine Teams, einfache Technik, eine Mischung aus Expedition, Bildung und Staunen. Doch bereits damals zeigte sich, was Attenborough später unverwechselbar machen sollte: seine ruhige Art zu erzählen, sein Respekt vor dem Gegenstand und seine Fähigkeit, komplizierte Naturvorgänge so zu erklären, dass sie verständlich bleiben, ohne banal zu werden.
Vom Fossiliensammler zum Fernsehmanager
Geboren wurde David Frederick Attenborough am 8. Mai 1926 in Isleworth, Middlesex. Aufgewachsen ist er in Leicester, wo sein Vater als Principal des University College arbeitete. Schon als Kind sammelte Attenborough Fossilien, Steine und Naturfundstücke. Später studierte er in Cambridge Naturwissenschaften mit Geologie und Zoologie, bevor er nach dem Militärdienst in die Welt des Rundfunks wechselte.
Dass aus ihm nicht nur ein Naturfilmer, sondern auch ein bedeutender Fernsehmanager wurde, gehört zu den weniger bekannten Teilen seiner Laufbahn. In den 1960er- und frühen 1970er-Jahren war Attenborough Controller von BBC Two und später Programmdirektor bei BBC Television. Unter seiner Verantwortung entstanden oder wurden Programme möglich, die das britische Fernsehen nachhaltig prägten – von Kultur- und Wissenschaftsformaten bis zu „Monty Python’s Flying Circus“.
Die großen Naturreihen und ihre Wirkung
Seine eigentliche Weltkarriere begann jedoch mit den großen Naturreihen. „Life on Earth“ (deutsch: „David Attenborough: Ein Leben für die Natur“) von 1979 wurde zu einem Meilenstein des Naturfilms. Es folgten „Die Erde lebt“, „Spiele des Lebens“, „Das Leben der Vögel“, „Das Leben der Säugetiere“ und viele weitere Produktionen.
Später kamen Reihen hinzu, die auch einem jüngeren Publikum vertraut sind: „Unser blauer Planet“, „Unsere Erde“, „Eisige Welten“ oder „Unser grüner Planet“. Die BBC beschreibt etwa „Unser grüner Planet“ als Reise in die verborgene Welt der Pflanzen; „Planet Earth III“ vervollständigte zuletzt die „Unsere Erde“-Trilogie.
Attenboroughs Bedeutung liegt nicht allein in der Menge seiner Filme. Entscheidend ist, wie er die Natur ins Wohnzimmer holte. Seine Dokumentationen machten sichtbar, was zuvor für die meisten Menschen unerreichbar war: das Jagdverhalten von Tiefseefischen, die Balz exotischer Vögel, das Wachstum von Pflanzen im Zeitraffer, das Sozialleben von Primaten, die fragile Ordnung von Korallenriffen. Er erzählte die Welt nicht als Kulisse, sondern als komplexes Geflecht von Abhängigkeiten. Dabei wirkte er nie wie jemand, der die Natur besitzt oder bezwingt. Er trat eher als Zeuge auf.
Darin liegt ein Teil seiner Autorität. Attenborough spricht nicht laut. Er dramatisiert selten unnötig. Seine Stimme ist berühmt geworden, weil sie das Gegenteil von Effekthascherei ist: gedämpft, konzentriert, fast vertraulich. Genau diese Zurückhaltung machte ihn glaubwürdig.
Ein Pionier des modernen Naturfilms
Zugleich ist Attenboroughs Lebenswerk auch eine Geschichte des technischen Fortschritts. Er begann im Schwarz-Weiß-Fernsehen, arbeitete später in Farbe, in HD, in 3D und in 4K. Die britische Filmakademie BAFTA hob hervor, dass er als einzige Person BAFTA-Auszeichnungen für Programme in Schwarz-Weiß, Farbe, HD, 3D und 4K erhalten habe.
Vom staunenden Beobachter zum Mahner
Mit zunehmendem Alter veränderte sich der Ton seiner Arbeit. Der junge Attenborough erklärte die Natur vor allem als Wunder. Der alte Attenborough erklärte sie zunehmend als bedrohtes Wunder. In Produktionen wie „Climate Change – The Facts“, „Extinction: The Facts“ und besonders „David Attenborough: A Life on Our Planet“ wurde aus dem Beobachter ein Mahner. Netflix beschreibt „A Life on Our Planet“ als Rückblick auf sein Leben und die Geschichte des Lebens auf der Erde – verbunden mit der Trauer über den Verlust wilder Räume und einer Vision für die Zukunft.
Wer Jahrzehnte lang Natur dokumentiert, sieht Veränderungen nicht als abstrakte Kurven, sondern als Verlust konkreter Landschaften, Arten und Lebensräume. Attenborough hat oft betont, dass er in einem einzigen Menschenleben einen dramatischen Rückgang der Wildnis erlebt habe.
Auszeichnungen, Kritik und bleibende Bedeutung
Für sein Engagement wurde Attenborough 2022 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen mit dem „Champions of the Earth Lifetime Achievement Award“ ausgezeichnet. Die UNEP würdigte damit seine Arbeit für Forschung, Dokumentation und den Schutz sowie die Wiederherstellung der Natur.
Bei aller Verehrung sollte man Attenborough nicht zu einer unantastbaren Heiligenfigur machen. Auch seine Arbeit wurde kritisiert. Manche Umweltschützer warfen klassischen Naturdokumentationen vor, lange ein zu idyllisches Bild unberührter Wildnis gezeigt zu haben. Andere störten sich an seinen Äußerungen zum Bevölkerungswachstum. Solche Debatten gehören zu einem realistischen Blick auf sein Vermächtnis. Doch sie ändern wenig an der zentralen Leistung: Attenborough hat mehr Menschen für Natur begeistert als vermutlich jeder andere Fernsehschaffende seiner Zeit.
Ein Jahrhundertleben als Vermächtnis
Nun wird Sir David Attenborough 100 Jahre alt. Ein Jahrhundertleben, fast deckungsgleich mit der Geschichte des modernen Fernsehens. Aus dem neugierigen Jungen mit Fossiliensammlung wurde ein Erzähler der Erde. Aus dem BBC-Produzenten wurde ein Weltstar. Aus dem Naturfilmer wurde ein moralischer Zeuge der Klimakrise und des Artensterbens.
Er hat Millionen Menschen daran erinnert, dass die Welt nicht erst bedeutsam wird, wenn sie dem Menschen nützt. Sie ist es bereits – in einem Vogellied, einer Tiefseeaufnahme, einem winzigen Insekt, einem Wald, der älter ist als jede menschliche Ordnung.
David Attenboroughs Werk ist deshalb mehr als Fernsehgeschichte. Es ist ein Archiv des Lebens auf der Erde. Und zugleich eine Aufforderung, dieses Leben nicht nur zu bewundern, sondern zu bewahren.
