Bedenken second?

Digitalisierung: Das Land, in dem eine E-Mail ans Amt als Fortschritt gilt

Vielleicht bewegt sich nun wirklich etwas bei der Digitalisierung. Doch die Frage ist, ob die Deutschen nun auch mitziehen, meint Hauptstadtkorrespondentin Rebekka Wiese.

Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) kritisiert, dass die Deutschen immer zuerst nach den Risiken fragen.

© Kay Nietfeld/dpa

Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) kritisiert, dass die Deutschen immer zuerst nach den Risiken fragen.

Von Rebekka Wiese

Es war das Jahr 2017, die Fotos waren schwarz-weiß, der Slogan dafür fast futuristisch. „Digital first, Bedenken second“, stand auf den Plakaten, mit denen die FDP damals in den Bundestagswahlkampf ging. Fast ein Jahrzehnt später ist diese Forderung noch immer erschreckend aktuell. Die Digitalisierung ist seitdem nur schleppend vorangekommen. Dass man voraussichtlich ab dem Jahr 2027 auch per E-Mail mit Behörden kommunizieren kann, gilt hierzulande schon als großer Fortschritt.

Seit vergangenem Jahr hat Deutschland mit dem CDU-Politiker Karsten Wildberger nun auch einen Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung bekommen. Wenn er über seine Projekte spricht, fällt dabei oft auf, dass er in seinem Amt offenbar nicht nur gegen Bürokratie und Faxgeräte kämpft, sondern auch gegen die Skepsis, die viele Deutsche gegenüber der Digitalisierung haben.

Wildberger: „Zuerst die Frage nach den Risiken“

„Wir stellen oft zuerst die Frage nach den Risiken“, sagte Wildberger zum Beispiel erst kürzlich. „Ich wünsche mir, dass wir die Begeisterung für Neues und für Technologie, die Deutschland immer ausgemacht haben, wieder entdecken und wieder freilegen.“

Das klingt sehr nach dem alten FDP-Spruch. Aber etwas hat sich dabei verändert. Als die FDP ihn damals plakatierte, war das vor allem als Versprechen des Staates gedacht. Nach den Erfahrungen, die man in Deutschland zuletzt mit der kaum genutzten E-Akte für Patienten gemacht hat, muss man sich aber auch fragen: Wollen die Deutschen überhaupt digitaler werden?

Digitalisierung: Die Bedenken ernstnehmen

Wenn Wildberger jetzt verspricht, alles moderner zu machen, dann geht es um beide Seiten: Der Staat muss liefern. Aber die Bevölkerung muss auch mitziehen. Und das wird nur passieren, wenn man ihre Bedenken ernst nimmt.

Dabei sehen immerhin 88 Prozent der Deutschen die Digitalisierung als Chance, 72 Prozent würden gern mehr digitale Angebote im Alltag nutzen. Das zeigt eine Studie der Initiative „Digital für alle“. Allerdings sagten 37 Prozent der Befragten darin auch, dass sie sich oft von digitalen Technologien überfordert fühlten.

Digitale Patientenakte kaum genutzt

Das sieht man auch in der Praxis: Die elektronische Funktion des Personalausweises, die es immerhin seit mehr als 15 Jahren gibt, wird nur von 35 Prozent der Deutschen genutzt. Der Grund: Sie zu aktivieren, ist aufwendig, für viele ist es überfordernd. Ähnlich verhält es sich mit der digitalen Patientenakte. Hinzu kommt die Sorge, wie sicher die digitalen Daten eigentlich sind.

Damit die Menschen die Digitalisierung annehmen, müssen die digitalen Angebote einfacher werden und sicher bleiben. In Deutschland werden Digitalisierung und Sicherheit gern gegeneinander ausgespielt. Doch das hat wenig mit der Praxis zu tun. Es ist schließlich kein Zufall, dass Datenschutz-Experten oft auch Hacker sind und umgekehrt – also Menschen, die sowohl die Möglichkeiten als auch die Risiken des digitalen Raums besonders gut kennen. Wer Digitalisierung versteht, kann ihre Möglichkeiten gezielter nutzen und mit ihren Risiken besser umgehen.

Mehr Transparenz bei digitalen Projekten

Das kann natürlich nicht bedeuten, dass der Bundesdigitalminister nun Nachhilfe für mehr als 80 Millionen Bundesbürger anbietet. Aber er kann daraus etwas ableiten, was zentral ist, damit seine großen Projekte funktionieren: Je transparenter die Angebote sind, desto leichter fällt es den Menschen, sie zu verstehen. Und ihnen zu vertrauen und sie zu nutzen.

Bedenken angesichts der neuen Technologien sind nicht das Problem. Fatal wäre es nur, sich ihnen zu ergeben. Transparenz ist womöglich einer der zentralen Schlüssel, der genau das ermöglicht: Bedenken zu haben – und mit ihnen umzugehen. Das mit der Begeisterung, die Wildberger bisher vermisst, kommt dann schon noch von selbst.

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Erstellt:
7. Januar 2026, 17:14 Uhr

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