11 Jahre auf der Bestsellerliste
Drei Fragen machen dieses Buch zum Dauerbrenner
„Das Café am Rande der Welt“ von John Strelecky ist vor mehr als 19 Jahren auf Deutsch erschienen und steht noch immer weit oben in der Bestsellerliste.
© IMAGO / Funke Foto Services/ Maurizio Gambarini
John Strelecky, Autor des Romans Das Café am Rande der Welt , fotografiert am 24.10.2024 in Berlin.
Von Katrin Jokic
Es gibt Bücher, die kommen, steigen kurz auf und verschwinden wieder. Und es gibt Bücher, die bleiben. „Das Café am Rande der Welt“ gehört zur zweiten Kategorie – erstaunlicherweise nicht als dicker Ratgeber, nicht als literarischer Großroman, sondern als schmale Erzählung von gerade einmal 128 Seiten.
Das Buch des US-Autors John Strelecky erschien im englischen Original bereits 2003. In Deutschland kam es am 1. Februar 2007 bei dtv heraus. Das ist mehr als 19 Jahre her. Trotzdem steht „Das Café am Rande der Welt“ aktuell auf Platz 4 der SPIEGEL-Bestsellerliste in der Kategorie Taschenbuch Sachbuch. Damit ist es bereits seit 572 Wochen in der Liste vertreten – umgerechnet sind das elf Jahre.
Vom Strategieberater zum Bestsellerautor
Dass Strelecky ausgerechnet über die Frage nach dem Sinn des Lebens schrieb, hat auch mit seiner eigenen Biografie zu tun. Der Autor wurde 1969 in Chicago im US-Bundesstaat Illinois geboren. Nach dem College arbeitete er zunächst mehrere Jahre als Strategieberater für Unternehmen. Beruflich war er damit in einer Welt unterwegs, die der Hauptfigur seines späteren Buches nicht unähnlich ist: geprägt von langen Arbeitstagen, Karriereplänen und der Frage, ob der nächste berufliche Schritt wirklich zu mehr Zufriedenheit führt.
Irgendwann begann Strelecky selbst daran zu zweifeln, ob ein Leben zwischen Büro, Beförderungslogik und immer längeren Arbeitstagen alles sein könne. 2002 traf er eine radikale Entscheidung: Er löste seinen Hausstand auf und reiste mit seiner Frau neun Monate lang um die Welt.
Diese Reise wurde für ihn offenbar zu einem Wendepunkt. Nach seiner Rückkehr schrieb Strelecky sein erstes Buch innerhalb weniger Wochen. „The Why Are You Here Café“, wie der Titel ursprünglich lautete, veröffentlichte er zunächst im Selbstverlag. Später wurde das Buch in den USA von Da Capo Press erneut herausgebracht. In Deutschland erschien es 2007 unter dem Titel „Das Café am Rande der Welt“.
Drei Fragen, die offenbar nicht alt werden
Die Handlung ist schnell erzählt: John, ein gestresster Werbemanager, ist ständig in Eile. Auf einer Reise landet er zufällig in einem kleinen Café mitten im Nirgendwo. Eigentlich will er nur kurz pausieren. Dann entdeckt er auf der Speisekarte drei Fragen, die dort neben dem Menü des Tages stehen:
- Warum bist du hier?
- Hast du Angst vor dem Tod?
- Führst du ein erfülltes Leben?
Was zunächst seltsam wirkt, wird für John zum Wendepunkt. Mithilfe der Bedienung Casey, des Kochs Mike und eines Stammgasts namens Anne beginnt er, über sein Leben nachzudenken. Es geht um Arbeit, Beziehungen, Erwartungen, Zeit – und um die Frage, ob das eigene Leben tatsächlich nach den eigenen Vorstellungen verläuft.
Strelecky erzählt das nicht als theoretischen Ratgeber, sondern als leicht zugängliche Fabel. Das Café wird zum Ort der Unterbrechung: raus aus dem Tempo, raus aus dem Funktionieren, rein in eine Situation, in der einfache Fragen plötzlich schwer zu beantworten sind.
Ein Buch zwischen Ratgeber und Erzählung
Interessant ist auch die Einordnung: „Das Café am Rande der Welt“ ist keine klassische Lebenshilfe, aber auch kein gewöhnlicher Roman. Es bewegt sich zwischen erzähltem Ratgeber, philosophischer Parabel und Wohlfühllektüre.
Im Zentrum steht Streleckys Idee vom „Zweck der Existenz“, kurz ZDE. Gemeint ist damit die persönliche Antwort auf die Frage, warum ein Mensch am Leben ist und warum er bestimmte Dinge tut. In der Geschichte verändert diese Erkenntnis Johns Blick auf Karriere, Beziehungen und Prioritäten.
Dass diese Botschaft seit Jahren funktioniert, hat auch mit der Erzählform zu tun. Der gestresste Manager John ist keine besonders komplizierte Figur, aber eine Projektionsfläche. Viele Leserinnen und Leser dürften etwas von sich in ihm erkennen: den Termindruck, die innere Unruhe, das Gefühl, zwar viel zu erledigen, aber nicht unbedingt erfüllt zu leben.
Aus einem kleinen Buch wurde ein Dauererfolg
In Deutschland entwickelte sich „Das Café am Rande der Welt“ über Jahre zu einem außergewöhnlichen Longseller. Besonders in den 2010er Jahren gehörte das Buch zu den erfolgreichsten Sachbüchern im deutschsprachigen Raum. Zeitweise stand es über lange Strecken auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste im Bereich Taschenbuch Sachbuch. 2018 war es sogar eines der meistverkauften Bücher in Deutschland insgesamt.
Aus dem ersten „Café“-Buch ist längst eine kleine Buchwelt geworden. 2015 erschien „Wiedersehen im Café am Rande der Welt“, 2019 folgte „Auszeit im Café am Rande der Welt“, 2022 kam „Überraschung im Café am Rande der Welt“ hinzu. Das Original wurde in mehr als 40 Sprachen übersetzt und gilt als internationaler Bestseller.
Der entscheidende Grund für den Erfolg dürfte aber weiterhin im ersten Band liegen. Drei Fragen auf einer Speisekarte reichen aus, um eine Geschichte in Gang zu setzen, die viele Leser nach der letzten Seite nicht einfach weglegen. Vielleicht, weil sie weniger vom Café selbst handelt als von einem verbreiteten Gefühl: dass das eigene Leben im Alltag manchmal schneller wird, als einem lieb ist.
„Das Café am Rande der Welt“ liefert darauf keine harte Analyse und keine überraschend neue Philosophie. Es bietet eher einen Moment der Unterbrechung. Und genau das könnte erklären, warum dieses schmale Buch nach mehr als 19 Jahren immer noch gekauft, verschenkt und gelesen wird.
