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Drei Geburtstage auf einen Streich

Arbeiterwohlfahrt wird 100 Jahre alt, Ortsverein Murrhardt feiert 30-jähriges und die Kita Murrtalzwerge zehnjähriges Bestehen

„Unser Sommerfest steht unter dem Motto drei auf einen Streich“, sagte Sonja Allinger-Helbig, Vorsitzende des Awo-Ortsvereins Murrhardt. Dieser wird 30 Jahre, die Awo-Kita Murrtalzwerge zehn Jahre alt und die Awo als Gesamtverband wurde vor 100 Jahren aus der Taufe gehoben. In die Gründerzeit fällt auch die Einführung des Frauenwahlrechts, was sich sehr gut in die Geburtstagsrunde einreiht, so die Vorsitzende.

Die Mädchen und Jungen vom Kinderhaus Murrtalzwerge in Murrhardt singen der Awo gemeinsam mit ihren Erzieherinnen und Gästen ein bewegtes Geburtstagsständchen. Fotos: C. Schick

Die Mädchen und Jungen vom Kinderhaus Murrtalzwerge in Murrhardt singen der Awo gemeinsam mit ihren Erzieherinnen und Gästen ein bewegtes Geburtstagsständchen. Fotos: C. Schick

Von Christine Schick

MURRHARDT. Die Geburtstagsgäste, unter ihnen auch zahlreiche junge – die Mädchen und Jungen der Kindertagesstätte Murrtalzwerge –, Gratulanten, Mitglieder, Mitarbeiter und Freunde kamen auf der Stadthallenterrasse zusammen. Sonja Allinger-Helbig hieß sie willkommen und erinnerte in ihren Grußworten an Marie Juchacz, die als erste gewählte Frau und Abgeordnete ans Rednerpult trat und später die Awo vor 100 Jahren mitbegründete. „Wie man sieht, sind wir ein Verein für alle Generationen“, sagte sie. Zur täglichen Arbeit und dem Engagement in Murrhardt gehören das Kinderhaus Murrtalzwerge für die Kleinen, die Hausaufgabenhilfe und das Zeltlager für die Größeren sowie hauswirtschaftliche Dienste für Ältere, Kranke und Behinderte, nannte sie die aktuellen Beiträge der Awo vor Ort.

Geburtstagsglückwünsche, Grußworte und Rückblicke wechselten sich mit Liedern inklusive einem Auftritt der Murrtalzwerge ab, wobei Altstadträtin Gudrun Gruber durchs Programm führte.

Auch Bürgermeister Armin Mößner erinnerte an die Entstehungszeit der Awo sowie Gründungsmitglieder Marie Juchacz und Louise Schröder. Damals noch an den Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt der SPD angegliedert, sei das Ziel vor allem auf die Hilfe zur Selbsthilfe der Arbeiterschaft ausgerichtet gewesen – beispielsweise über die Einrichtung von Nähstuben, Beratungsstellen oder Mittagstischen. Als die Nazis an die Macht kamen, konnte die Awo ihre Arbeit nicht mehr fortsetzen, sie wurde aufgelöst und verboten, konnte sich erst 1947 neu formieren. Seither hat sich die Grundidee fortgetragen, die Awo muss sich für Mößner aber immer wieder mit der Frage auseinandersetzen, wie sie sich den neuen Herausforderungen stellt. In Murrhardt gründete sich der Ortsverein 1994, der heute hauswirtschaftliche Versorgung, Nachbarschaftshilfe sowie Hausaufgabenhilfe an der Walterich- und Hörschbachschule anbietet. Eine Arbeit, die die Stadt finanziell unterstütze. Die Kita Murrtalzwerge sei mittlerweile fester Bestandteil der städtischen Bedarfsplanung in puncto Kinderbetreuung. Dass sich die Öffnungszeiten (6 bis 17 Uhr) des Kinderhauses an den Bedürfnissen der Eltern ausrichteten, hob Mößner besonders heraus. Sei dies doch auch ein wichtiger Punkt für die Erlangung des Prädikats „Familienbewusste Kommune plus“ gewesen. Als Geburtstagsgeschenk hatte er ein Tipi für die Mädchen und Jungen im Gepäck, das sie sich für den Sommer gewünscht haben.

„Die Awo unterstützt Familien bei der Pflege und leistet wichtige Beiträge in der Jugendarbeit“, sagte SPD-Landtagsabgeordneter Gernot Gruber. Die Geschichte von Arbeiterwohlfahrt und SPD seien aufs engste verbunden. Gruber skizzierte die Gründung aus den Reihen der SPD, bei der das Frauenwahlrecht eine entscheidende Rolle spielte. Mit ihm erhielt Marie Juchacz ihren Platz in den Parlamentsreihen, die in ihrer ersten Rede die Idee eines sozialen Projekts formulierte und später umsetzte. Der Landtagsabgeordnete hofft, dass der Kern der Idee – der soziale Zusammenhalt – weiterhin Bestand hat. Er sieht sie auch im Sinne Erich Kästners, das konkrete gute Tun, einfach immer wieder anzupacken (Es gibt nichts Gutes, außer man tut es).

Awo übernimmt den Betrieb einer Kita und schafft neues Trägermodell

Für Bernd Waizel, Geschäftsführer der Awo Kinder- und Jugendhilfe Rems-Murr gGmbH, ist die Kindertagesstätte Murrtalzwerge wichtige Keimzelle, weil sich die Awo im Kreis mit ihr organisatorisch neu aufgestellt hat. „Seither ist das Team von 6 auf 100 Mitarbeiter angewachsen, und wir betreuen 20 Kindergartengruppen“, sagte er. Vor zehn Jahren sei man zu dieser Form wie die Jungfrau zum Kind gekommen. Der Anlass: Als die damalige Betriebskindertagesstätte des Alten- und Pflegeheims Eulenhöfle finanziell nicht mehr tragbar erschien und geschlossen werden sollte, stellte sich die Frage, wer möglicherweise als Träger übernehmen könnte, so Waizel. Für den Ortsverein sei dies ohne Erfahrung und von der Größe her schwierig gewesen. Also beschloss der Kreisverband, es über die Gründung einer gemeinnützigen GmbH zu versuchen, ein Modell, das sich seither bewährt habe.

Auch die Herausforderung, die neuerworbene Heimat, ein Haus in der Erich-Schumm-Straße, in kürzester Zeit auf Vordermann zu bringen, sei keine kleine gewesen. „Das war fast wie in einer Dokusoap nach dem Motto in acht Wochen renovieren wir für eine ganze Kita. Einen Tag vor der Eröffnung haben wir noch Fliesen verfugt“, erzählte Waizel auch mit Blick auf seinen Geschäftsführerkollegen Tim Schopf, damals noch Praktikant. Seither habe die Awo aber auch immer wieder investiert, unter anderem Heizung und Fenster saniert. Aktuell stehe eine neue Küche auf dem Plan, wobei der Geschäftsführer auch die gute Zusammenarbeit mit und Unterstützung der Stadt Murrhardt hervorhob. Kreisweit sei man an vier Standorten mit fünf Einrichtungen tätig – an den Rems-Murr-Kliniken in Winnenden betreibt die Awo die Betriebskita, was auch auf die grundsätzliche Ausrichtung verweist.

Nils Opitz-Leifheit, Vorsitzender des Awo-Bezirksverbands Württemberg, stieß etwas später zur Geburtstagsgesellschaft und ging in seinem Beitrag ebenso auf wichtige Etappen sowie Aktuelles ein. Dabei hob er die besondere Kombination der Awo hervor: Sie ist demokratisch (Mitglieder wählen alle Führungsfunktionen und können sie auch selbst bekleiden), politisch (bekennt Farbe gegen Rassismus, gegen Rechts und für soziale Politik, setzt sich ein, wirkt auf die Politik ein) und ist weltanschaulich neutral (einem säkularen Staat verpflichtet).

Waren zu Gründungszeiten Suppenküchen, Nähstuben, Kinder- und Jugendfreizeiten wichtige Aktivitäten, so zeichneten sich auch früh moderne Ansätze ab wie Jugendheime ohne ein Einsperren (1920er-Jahre) oder dass Altenheimbewohner Anfang der 1970er-Jahre den Haustürschlüssel erhielten, was damals noch nicht üblich war. Die Awo wurde als einziger Wohlfahrtsverband sowohl unter den Nationalsozialisten als auch in der ehemaligen DDR zerschlagen und verboten, erinnerte Nils Opitz-Leifheit.

Mittlerweile hat sie ein eigenes Jugendwerk gegründet und ist zudem international tätig. Auch wenn die Mitgliederentwicklung rückläufig ist, zeigte sich der Bezirksverbandsvorsitzende optimistisch: „Die Awo will auch in Zukunft ein Verband bleiben, der sich als großes, gemeinnütziges Sozialunternehmen betätigt, das von Verband und Ehrenamt gelenkt und kontrolliert wird, der aktive Mitglieder hat, und soziales Leben vor Ort organisiert. Dabei müssen wir auch mit der Zeit gehen.“

Kleines Intro der Gastgeber mit (von links): Gudrun Gruber, die als Murrhardter Gründungsmitglied durchs Programm führt, Sonja Allinger-Helbig, Vorsitzende des Awo-Ortsvereins, Nicole Stoephasius, Leiterin des Kinderhauses Murrtalzwerge, Patricia Wirth, Geschäftsführerin des Awo-Ortsvereins Murrhardt, Awo-Mitglied Dieter Honosch sowie einige Murrtalzwerge (vorne).

Kleines Intro der Gastgeber mit (von links): Gudrun Gruber, die als Murrhardter Gründungsmitglied durchs Programm führt, Sonja Allinger-Helbig, Vorsitzende des Awo-Ortsvereins, Nicole Stoephasius, Leiterin des Kinderhauses Murrtalzwerge, Patricia Wirth, Geschäftsführerin des Awo-Ortsvereins Murrhardt, Awo-Mitglied Dieter Honosch sowie einige Murrtalzwerge (vorne).

Info
3500 Ortsvereine

Die Awo hat etwa 350000 Mitglieder, davon knapp 10000 in Württemberg, hat rund 230000 Beschäftigte, davon 5000 in Württemberg, 30 Landes- und Bezirksverbände, 3500 Ortsvereine in 411 Kreisverbänden sowie 13000 soziale Einrichtungen, darunter etwa 2100 Heime sowie 2500 Kindertagesstätten.

Awo International hilft bei Katastrophen und Notlagen und ist 26 Jahre alt.

Gründungsmotive: Elend nach Erstem Weltkrieg überwinden durch Hilfe zur Selbsthilfe, Solidarität statt Almosen.

Die Awo wurde 1919 auf dem Reichsparteitag der SPD auf Initiative von Marie Juchacz in Görlitz gegründet.

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Erstellt:
13. Juni 2019, 06:00 Uhr

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