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Eichen und Elsbeeren für den Stadtwald

Mitarbeiter der Firma Kärcher verbinden Teambildung mit einer Hilfsaktion: Die Frauen und Männer haben in einem Abschnitt zwischen Fornsbach und Hinterbüchelberg nach ihrem Feierabend 350 klimastabile Jungbäumchen gepflanzt.

Steile Angelegenheit: Am Hang im Wald setzet ein Zweierteam junge Bäume. Die Pflanzen erhalten auch Schutzhüllen, damit sich Rehe nicht über die frische Triebe hermachen können. Sonst haben sie wenig Überlebenschancen. Fotos: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Steile Angelegenheit: Am Hang im Wald setzet ein Zweierteam junge Bäume. Die Pflanzen erhalten auch Schutzhüllen, damit sich Rehe nicht über die frische Triebe hermachen können. Sonst haben sie wenig Überlebenschancen. Fotos: J. Fiedler

Von Ute Gruber

FORNSBACH. An dem Nordosthang in der Felsenreute oberhalb von Fornsbach geht es steil hinab wie an einem Hausdach. Außerdem ist der tonige Waldboden vom kalten Regen der letzten Tage aufgeweicht und rutschig wie Schmierseife. Dennoch herrscht fröhliches Geplauder unter den elf Helfern, die in signalgelben Warnwesten zwischen goldenem Herbstlaub emsig am Hang herumschlittern und kleine Bäumchen pflanzen. Fachgerecht wird mit dem Spaten ein Loch ausgestochen, der Wurzelballen hineingesetzt und mit dem zerkrümelten Aushub wieder aufgefüllt. Nach dem kräftigen Festtreten der Erde bekommt das kniehohe Bäumchen noch eine Kunststoffhülle übergestülpt, neben der ein stabilisierender Holzpfahl in den Boden geklopft wird – fertig. Nächstes.

„Das haben die erstaunlich schnell organisiert bekommen“, meint Revierförster Dieter Seitz, der die Kärcher-Mitarbeiter in die ungewohnte Tätigkeit eingewiesen hat, anerkennend. „Da haben sich rasch Teams gebildet. Und die weniger Geländegängigen sind oben geblieben und haben die Schutzhüllen gefaltet.“ Diese liegen als ausgestanzte Bögen auf einem Schubkarren.

Diese Teambildung war auch eines der Ziele der Aktion am vergangenen Freitagnachmittag im Murrhardter Stadtwald, denn in der neuen Arbeitsgruppe „Managementsysteme und Nachhaltig-keit“ des Reinigungsgeräteherstellers sollen künftig Angestellte aus zweierlei Abteilungen zusammenarbeiten. „Was könnten wir denn zum Kennenlernen mal zusammen unternehmen“, hatte sich Marie Kristin Schmidt, die angehende Abteilungsleiterin, gefragt, „in Coronazeiten?“ Indooraktivitäten schlossen sich von vornherein aus.

Katrin Schmuck vom Nachhaltigkeitsteam hat die zündende Idee: Was wäre sinnvoller in Zeiten des Klimawandels als das Pflanzen von Bäumen? CO2-Bindung! Wasserspeicher! Temperaturausgleich! Und außerdem wäre das Ganze coronakonform im Freien durchzuführen. Bloß wo?! Nach einigen vergeblichen Telefonaten gerät sie an Förster Dieter Seitz, der ohnehin den Auftrag hat, im Murrhardter Stadtwald 2500 Jungbäume zu setzen. Die kommunalen Waldarbeiter könnten dabei tatkräftige Unterstützung gebrauchen. „Ich hab den steilsten Hang ausgesucht“, verrät er mit einem Augenzwinkern, „wegen der gigantischen Aussicht.“ Wie überall hat auch der Murrhardter Wald zuletzt durch Stürme, Hitze und Borkenkäfer starke, ungeplante Abgänge zu verzeichnen, wie Bürgermeister Armin Mößner erklärt, und er bedankt sich für die tatkräftige und finanzielle Unterstützung. Denn die Winnender Firma übernimmt neben der Arbeit auch die 1500 Euro Kosten für Pflanzen und Schutzhüllen.

Die Mitarbeiter setzen 350 Eichen und Elsbeeren.

Und so machen sich die elf „Bürohengste und -stuten“, wie Katrin Schmuck sagt, freiwillig daran, nach ihrem Kärcher-Feierabend in schweißtreibender Körperarbeit mit 350 klimastabilen Jungbäumchen dem Schwäbischen Wald eine Zukunft zu geben. „Keiner hat gemotzt, alle fanden’s gut“, freut sich die neue Chefin, „ich hab wirklich ganz tolle Mitarbeiter!“ Gepflanzt werden überwiegend Eichen, dazu einige Elsbeeren – Baumarten, die den Ruf haben, mit trocken-heißem Klima gut zurechtzukommen. Der Forststudent Paul Häberlein aus Murrhardt hat sich im Rahmen einer kleinen Projektarbeit Gedanken dazu gemacht: „Ich hab Stieleichen und Traubeneichen bestellt. Die einen kommen mit dem Tonboden hier besser klar, die anderen mit Trockenheit.“ Obwohl sie zwei- bis dreimal so teuer sind, wurden zweijährige Containerpflanzen verwendet, die mitsamt ihrer Topferde gesetzt werden und dadurch robuster sind. Unterschnittene, wurzelnackte Pflanzen aus Feldanbau würden in dieser Jahreszeit faulen. „Da muss erst ein Frost drübergehen, damit die abschließen“, erklärt Dieter Seitz. „Früher hätte man hier Fichten und Tannen gesetzt. Daran ist jetzt gar nicht mehr zu denken.“ Ihm macht die Arbeit mit dem motivierten Team sichtlich Freude – zumal nach diesem anstrengenden und frustrierenden Sommer mit ständig neuen vom Käfer befallenen Bäumen, die schnellstmöglich aus dem Wald müssen. Zum Schutz der gesunden Nachbarbäume. Gerne macht er heute den Springer – hilft aus, wo immer es klemmt.

Ein Dorn im Auge ist den Klimaschützern freilich die obligatorische Schutzhülle aus Kunststoff – so mitten im Wald. Ohne die wären die zarten Pflänzlein freilich in kürzester Zeit Geschichte: „Das schafft eine einzige Rehgeiß in einer Nacht. Locker.“ Den Verbissschutz brauchen die Jungbäume viele Jahre, weshalb Gestelle aus Holz zu kurzlebig sind. Aber die Nachhaltigkeitsspezialisten schmieden schon Zukunftspläne: „Wir wollen ja sowieso immer wieder nach unseren Bäumchen schauen – vielleicht können wir die Hüllen später abbauen und recyceln?!“ Ein Hochdruckreiniger mit Schwäbischem-Wald-Gehäuse? Das wäre auf jeden Fall „total regional“.

Erst nach gänzlich getaner Arbeit gibt es nach drei Stunden einen von der Gemeinde spendierten Imbiss für die fleißigen Waldarbeiter – allzu schnell dämmert es jetzt in dieser Jahreszeit im Wald, als dass man sich eine Pause erlauben könnte. Ganz so anstrengend hatten sich die freiwilligen Forsthelfer die Pflanzarbeit dann doch nicht vorgestellt – Hut ab vor den Waldarbeitern, deren tägliche Arbeit diese Schinderei ist. Für eine Mitarbeiterin mit Unterzucker findet sich zur Überbrückung ein kleiner Snack im Auto. Zuletzt aber stürzen sich alle hungrig auf das Vesper und mampfen glücklich und zufrieden mit roten Wangen ihre Leberkäswecken, Käsebrötchen, Gurken und Schokolade zum Nachtisch. Ein rundum nachhaltiges Projekt: neues Team, neuer Wald und kein Krümel Essen weggeworfen.

Das komplette Team mit elf Helfern sowie Forststudent Paul Häberlein (Dritter von links), Bürgermeister Armin Mößner (Sechster von rechts) und Revierförster Dieter Seitz (rechts).

© Jörg Fiedler

Das komplette Team mit elf Helfern sowie Forststudent Paul Häberlein (Dritter von links), Bürgermeister Armin Mößner (Sechster von rechts) und Revierförster Dieter Seitz (rechts).

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Erstellt:
3. November 2020, 06:00 Uhr

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