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Ein Angreifer, der für Absicherung sorgt

Karrieren abseits des Sports (5): Auf dem Fußballplatz personifiziert Mario Marinic als Torgarant des Oberligisten TSG Backnang die Abteilung Attacke, als Versicherungsfachmann federt er die Lebensrisiken seiner Kunden ab und baut mit ihnen fürs Alter vor.

Im feinen Zwirn am Arbeitsplatz: Als Versicherungsfachmann ist Mario Marinic für die Absicherung seiner Kunden zuständig. Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Im feinen Zwirn am Arbeitsplatz: Als Versicherungsfachmann ist Mario Marinic für die Absicherung seiner Kunden zuständig. Fotos: A. Becher

Von Steffen Grün

War ihm das überhaupt bewusst, wie weit seine Herangehensweisen als Sportler und am Arbeitsplatz auseinanderklaffen? „Darüber habe ich noch nie nachgedacht“, entgegnet Marinic und lacht, „aber es stimmt: Auf dem Rasen soll ich beim Gegner für Verunsicherung sorgen, hier im Büro bin ich für die Absicherung von Lebensrisiken zuständig.“ Von A wie Autoversicherung bis Z wie Zahnzusatzversicherung könne er seinen Kunden als stellvertretender Geschäftsstellenleiter einer Agentur in Waiblingen das gesamte Portfolio anbieten. Nur die Lebensversicherung, die er als Torgarant für die Roten darstellt und die er für seine Ex-Vereine auch schon gewesen ist, „ist in der Branche nicht mehr so präsent. Man spricht eher von Rentenversicherung oder von Vorsorge im Allgemeinen.“

Für den Entschluss, nach der mittleren Reife den kaufmännischen Berufsweg einzuschlagen und mit einer Bankausbildung zu starten, gibt es vor allem drei Erklärungen. Zum einen hat der Schwabe mit kroatischen Wurzeln, der mit seinen Füßen so präzise Schüsse abfeuern kann, kein Problem mit dem Eingeständnis, mit den anderen Extremitäten ungeschickt zu sein: „Ich habe zwei linke Hände und bin froh, wenn ich ein Ikea-Regal zusammenbauen kann.“ Etwas Handwerkliches machte also keinen Sinn, dazu hatte es dem Teenager die Berufskleidung angetan: „Der Anzug macht was her, das war mir als 16-Jähriger nicht unwichtig.“ Nicht zuletzt legte er wie sein Elternhaus Wert darauf, sich eine solide Basis im Job zu schaffen, um den Rücken für den Versuch freizuhaben, auch im Fußball möglichst weit zu kommen.

Alles der Jagd nach dem runden Leder unterzuordnen, kam für Marinic aber lange nicht infrage. Nach der Jugendzeit beim FSV Waiblingen und dem SV Fellbach sowie dem Sprung zu den Aktiven beim SVF, der nach dem Verbandsliga-Abstieg in der Landesliga kickte, wechselte er mit 19 sogar nach Oeffingen in die Bezirksliga, um sich noch besser auf die einjährige Zusatzqualifikation zum Versicherungsfachmann konzentrieren zu können. Seit der heute 36-Jährige dieses Papier in der Tasche hat, steht er in Diensten der Sparkassenversicherung. Auch als Spieler ist er eine treue Seele, seit 2012 geht er für Backnang auf Torejagd. Keine Selbstverständlichkeit, „heutzutage ist im Sport und im Beruf alles viel schnelllebiger“, weiß Mario Marinic mit Blick auf Kollegen und Mitspieler.

Sechs Monate in Aalen bleiben der einzige Abstecher ins Profigeschäft.

Er selbst bildete sich innerhalb der Firma weiter, wollte aber nicht nochmals die Schulbank drücken, „weil ich den Fußball als zweites Standbein hatte und es zeitlich schwierig geworden wäre“. Nach vier Jahren Oeffingen mit je zwei Auf- und Abstiegen kehrte der Stürmer nach Fellbach zurück und tat, was er immer tat: Er machte Buden wie am Fließband. Im Januar 2010 wollte ihn der VfR Aalen, denn „ich hatte eine überragende Vorrunde hinter mir und wurde mit 23 Treffern, so meine ich, sogar Landesliga-Torschützenkönig“. Und dies, obwohl er dem Lockruf des damaligen Regionalligisten folgte und damit nur halb so viele Partien wie die Angreifer aller Ligarivalen absolviert hatte. „Das war der erste und letzte Versuch, hauptsächlich mit dem Fußball Geld zu verdienen“, erinnert sich Marinic, dafür sei es mit 25 „fast zu spät“ gewesen. Zu Oeffinger Zeiten hatten die Kickers mit ihrem damaligen Trainer Robin Dutt, der VfB II mit Rainer Adrion und Spielern wie Adam Szalai oder die aufstrebenden Heidenheimer mit den Machern Holger Sanwald und Frank Schmidt ein Auge auf ihn geworfen. Weil der Torjäger auf dem Platz zwar gerne Dribblings mit ungewissem Ausgang wagt, abseits davon jedoch ein hohes Sicherheitsbedürfnis hat, scheute er immer wieder das Risiko.

Erst für Aalen machte Marinic die Ausnahme, ließ sich vom Arbeitgeber vorübergehend freistellen. Nach Startschwierigkeiten bekam er Kurzeinsätze in der Liga, im Pokal traf er beim 7:0 gegen Bissingen dreimal. Es lief gut, doch nach einem Mittelfußbruch im Halbfinale war er „außen vor“. Aalen stieg in die Dritte Liga auf, Marinic kehrte nach sechs Monaten zum Landesligisten Fellbach und ins Büro zurück. Es blieb sein einziger Profiversuch, aber der Ehrgeiz war ungestillt. Ihn zog es zu Neckarrems in die Oberliga und 2012 nach Backnang, wo er sportlich heimisch wurde und entscheidend mithalf, dass die TSG mittlerweile gute Karten hat, sich in der Oberliga zu etablieren. In dieser Runde hat er auch schon siebenmal getroffen.

Sport und Beruf unter einen Hut zu bekommen, gelingt ihm gut. „Ich konnte mir die Zeit schon immer selbst einteilen und bin daher sehr flexibel“, sagt Marinic, der spätestens um 8 Uhr im Büro ist und montags, dienstags und donnerstags ab 18 Uhr keine Termine vereinbart, um trainieren zu können. Vorher geht’s meist kurz heim, um die Sporttasche zu holen, deshalb kriegen ihn die Teamkameraden selten im feinen Zwirn zu sehen. Seine Frau akzeptiere das zeitaufwendige Hobby, „darüber bin ich froh“, aber trotzdem stellt sich die Frage, wie lange der werdende Papa noch kicken will. „Ich fühle mich gut, das rechte Knie macht keine Probleme“, sagt Marinic. „Es ist nicht selbstverständlich, nach einem Knorpelschaden mit 34 Jahren nochmals zu alter Form zurückzufinden.“ Bei ihm hat es geklappt, nun „will ich selbst entscheiden, wann ich aufhöre, und mir das nicht von Corona oder vom Knie diktieren lassen. Es macht mir Spaß und ich habe weiterhin den Ehrgeiz und die Motivation. Wir werden im Frühjahr weitersehen.“

Ohne Fußball wird es bei Mario Marinic ohnehin nie gehen, den weichen Übergang ins Trainergeschäft habe er als spielender Assistenzcoach ja schon eingeläutet. „Irgendwann werde ich an der Seitenlinie stehen“, kündigt er an, und damit Verantwortung für das große Ganze tragen – wie er es im Beruf bereits seit einiger Zeit tut.

In der Serie Karrieren abseits des Sports stellen wir Athleten aus der Region in ihrem Berufsalltag vor. Dabei geht es um bekannte Sportler in ihrem Beruf und um solche, die einen ungewöhnlichen Beruf ausüben oder die in ihrem Job besonders erfolgreich sind. Weitere mögliche Kandidaten können sich unter sportredaktion@bkz.de melden.

Als Frontmann der Abteilung Attacke der TSG-Kicker geht Marinic dorthin, wo es auch mal wehtut.

© Alexander Becher

Als Frontmann der Abteilung Attacke der TSG-Kicker geht Marinic dorthin, wo es auch mal wehtut.

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Erstellt:
14. November 2020, 06:00 Uhr

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