Steuergesetze in Italien

Ein Steuerparadies für Superreiche

Italien lockt Superreiche und Gutverdiener mit niedrigen Steuern. Immer mehr folgen dem Ruf.

Die Via Montenapoleone in Mailand gilt als eine der exklusivsten und teuersten Einkaufsstraßen der Welt. Der Quadratmeter kostet dort fast 40 000 Euro.

© IMAGO/Independent Photo Agency Int.

Die Via Montenapoleone in Mailand gilt als eine der exklusivsten und teuersten Einkaufsstraßen der Welt. Der Quadratmeter kostet dort fast 40 000 Euro.

Von Gerhard Bläske

Italien ist ein Steuerparadies – für Vermögende und Superreiche. Eingeführt hat die üppigen Steuervergünstigungen Ende 2016 ausgerechnet die Linksregierung unter Premierminister Matteo Renzi. Seither haben Tausende von Reichen aus aller Welt von den vorteilhaften Regelungen im Bel Paese Gebrauch gemacht. Neue Steuergesetze in Großbritannien haben zuletzt zu einem wahren Exodus vermögender Briten vor allem nach Mailand geführt.

Für Schlagzeilen sorgten die vorteilhaften Regelungen erstmals 2018. Damals wechselte der Fußballstar Cristiano Ronaldo zu Juventus Turin. Das hatte vor allem auch steuerliche Gründe. Denn er zahlte für alle seine im Ausland erzielten Einkünfte pauschal nur 100 000 Euro Einkommensteuer. Für seine Familienangehörige wurden 25 000 Euro fällig.

Nach heftiger Kritik an den sehr vorteilhaften Steuerregelungen ist die Pauschalbesteuerung zwar in zwei Schritten auf 300 000 Euro angehoben worden. Doch das ist für Superreiche noch immer ein Klacks. Zwischen 2020 und 2023 haben dem italienischen Rechnungshof zufolge mehr als 4000 Superreiche von der Pauschalbesteuerung profitiert. Etwa ein Viertel davon waren Familienangehörige. Für 2024 und 2025 liegen noch keine offiziellen Zahlen vor. Doch aufgrund einer Verschärfung der Erbschaftssteuerregeln in Großbritannien sind zuletzt vor allem Briten nach Italien gezogen. „Es ist davon auszugehen, dass ein erheblicher Teil der Personen, die von den bisher vorteilhaften Regelungen in Großbritannien profitiert hat, ihren Wohnsitz nach Italien verlegt hat“, so der Rechnungshof.

Formular mit Kästchen zum Ankreuzen

Denn die Pauschalbesteuerung deckt alle Einnahmen ab: Zinsen, Dividenden, Erträge aus dem Verkauf von Anleihen und Aktien, aber auch Kapitalgewinne aus Unternehmensverkäufen, Erbschaftssteuern und vieles mehr. Das Verfahren ist einfach. Es besteht keine Meldepflicht. Es gibt keine Kontrollen. Es muss nur ein dreiseitiges Formular mit Kästchen zum Ankreuzen ausgefüllt werden. Und der Betroffene muss seinen Wohnsitz in Italien haben.

Die Zahl der Englischsprachigen in den Straßen Mailands hat hörbar zugenommen. Die Präsenz der Superreichen ist auch am Immobilienmarkt spürbar. Die brasilianische Gruppe JHSF hat gerade für mehr als 52 Millionen Euro den Palazzo Taverna Medici del Vascello im Mailänder Zentrum erworben. In der Modemeile Via Montenapoleone kostet der Quadratmeter fast 40 000 Euro. Im Zentrum der Stadt sind Wohnungen für weniger als 10 000 Euro pro Quadratmeter kaum zu finden. Riesige Immobilienprojekte schießen aus dem Boden. Bau-Unternehmer und lokale Verantwortliche sind in einen Immobilienskandal verwickelt. Baugenehmigungen wurden fast unbegrenzt vergeben.

Eingebettet sind die niedrigen Steuersätze überdies in sehr günstige Steuerregelungen auch für anderen Zuzügler aus dem Ausland: Italiener, die aus dem Ausland zurückkommen, oder Banker, die nach Italien ziehen. Sie zahlten lange nur auf 30 Prozent ihrer Einkünfte Steuern. Inzwischen werden 50 Prozent der Einkünfte versteuert. Aber das ist immer noch so attraktiv, dass etwa Unicredit, Citigroup, JP Morgan oder Vermögensverwalter wie Certares ihr Personal in Mailand aufgestockt haben. Sie werben Manager mit günstigen Steuersätzen, dem italienischen Dolce Vita und einer attraktiven Umgebung gezielt an. Die verschiedenen Regelungen sind kombinierbar: Also etwa Pauschalbesteuerung auf Vermögen und die günstige Besteuerung der Einkommen. Von den Steuerregelungen Italiens, zu denen auch attraktive Regelungen für Rentner gehören, haben 2023 insgesamt 37 252 Steuerzahler profitiert – viermal so viel wie 2018.

Starker Anstieg der Immobilienpreise

Es bleibt die Frage, was Italien davon hat. Denn der starke Anstieg der Immobilienpreise etwa in Mailand um bis zu 60 Prozent seit 2018 hat für Unmut gesorgt. Zwischen 2020 bis 2023 hat Italien dem Rechnungshof zufolge 315 Millionen Euro Steuern aufgrund dieser Regelungen kassiert. Doch die Hoffnungen, die neuen Steuerzahler würden auch nennenswert im Land investieren, haben sich nicht erfüllt. Es gebe „keinerlei Hinweise auf daraus resultierende nennenswerte Investitionen“, heißt es in einem Bericht des Rechnungshofes. Die Prüfer weisen zudem darauf hin, dass „niemand weiß, welche Einkünfte die Zuzügler im Ausland haben und wie viel sie dort (normalerweise) an Steuern zahlen müssten.“

Die nüchterne Bilanz des Rechnungshofes lautet: „Die Regelung scheint in erster Linie darauf ausgerichtet zu sein, Personen zu begünstigen, die Einkommen aus mehreren Ländern beziehen und ihren Wohnsitz aus beruflichen Gründen (wie es wahrscheinlich bei Profisportlern der Fall ist), aus privaten Gründen und anderen Gründen nach Italien verlegen, ohne jedoch – wie zu erwarten gewesen wäre – eine tatsächliche oder konkrete Verbindung mit der Realisierung von produktiven Investitionen in unserem Land zu verlangen.“

Auch für Deutsche attraktiv

„Steuerflüchtlinge“ Unter den „Steuerflüchtlingen“ aus anderen Ländern sind übrigens nicht nur Briten, sondern auch Deutsche, Österreicher und andere Ausländer. „Die seit Jahren attraktiven Steuersätze für Reiche und Gutverdiener haben sich inzwischen international herumgesprochen“, sagt ein renommierter Mailänder Steuerberater, der lieber anonym bleiben will.

Zum Artikel

Erstellt:
9. April 2026, 14:22 Uhr
Aktualisiert:
9. April 2026, 14:54 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen