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Eine zweite Chance für die Liebe

Birgit Häbich erzählt in „Irgendwo in Hohenlohe“ von einer Beziehung, bei der Geschäftliches und Emotionales komplex verwoben sind

„Irgendwo in Hohenlohe“ ist eine untypische Liebesgeschichte und ein Heimatroman zugleich. Birgit Häbich, die in Murrhardt aufgewachsen ist, hat sie als Episodenerzählung in 54 kurzen Kapiteln mit eigenen Illustrationen gestaltet. Die Autorin entfaltet auf rund 220 Seiten die Geschichte von Carl Eugen Friedner und Paula Engel, die sich wirklich zugetan sind. Dass die Haller Handwerksmeisterin und Künstlerin Carls Dienste als Steuerberater und Rechtsanwalt in Anspruch nimmt, intensiviert die Beziehung und lässt sie gleichsam fast zerbrechen.

Birgit Häbich hat ihren Roman auch illustriert.

Birgit Häbich hat ihren Roman auch illustriert.

Von Christine Schick

MURRHARDT. Birgit Häbich hält in dem als Fortsetzungsgeschichte entstandenen Roman, der im Tübinger Kairos-Verlag erschienen ist, geschickt die Spannung bis zum Schluss. Sie erzählt vor allem aus der Perspektive von Carl Eugen Friedner, wechselt später aber phasenweise auch zu Paula Engel. Zu Beginn ist das Kind – oder man könnte auch sagen das Vermögen der Künstlerin – schon in den Brunnen gefallen, woran der Steuerberater und Rechtsanwalt einen nicht unerheblichen Anteil trägt. Dass Carl nach einigen Jahren des Schweigens doch wieder auf Paula zugehen will, hat vor allem emotionale Gründe. Zum einen schlagen sich sein schlechtes Gewissen und die ungeklärte Situation mittlerweile in gesundheitlichen Problemen nieder, zum anderen plagt ihn die Sehnsucht nach der Frau, mit der er sich trotz alledem und immer noch eine Beziehung wünscht. Keine ganz leichte Ausgangslage für ein Wiedersehen. Insofern holt er sich auch erst mal den Rat von Anton, der Paula kennt, da sie und seine Frau befreundet sind. Seiner Ansicht nach ist das Eingeständnis seiner Fehler und ein schonungslos ehrliches, offenes Gespräch die einzige Chance. Carl befolgt den Rat und schreibt Paula einen Brief. Diese nimmt die Einladung zu einem Treffen sogar an. Auch für sie gibt es noch einiges zu klären.

Was folgt, ist ein langsames Entfalten der vertrackten Geschichte, in der zwar eindeutige Fakten – der Verlust eines Teils von Paulas Erbe und Altbauschmuckstücks – die Grundlage bilden, aber die Zwischentöne und Grauzonen auf emotionaler Ebene den eigentlichen Reiz ausmachen. Der Ansatz, eine Liebesgeschichte mit der eines Betrugs von Strippenziehern einer bürgerlichen Stadtgesellschaft zu verbinden, bewährt sich auch durch die Kontraste und Widersprüche, die durch diese Konstellation entstehen.

Carl beginnt, Paula zu erzählen – von besagten Strippenziehern, mit denen er schon die Schulbank gedrückt hat, von seinen ersten beruflichen Erfahrungen, bei denen die Beziehungen innerhalb der Behörde ebenfalls schon eine Rolle gespielt haben. Auch wenn Carl gerade diesen Weg nicht weitergehen will, auf den Steuerberater noch ein Jurastudium daraufsetzt und dann freiberuflich in seiner Heimatstadt tätig wird, holt ihn das Thema wieder ein. Er fühlt sich bis zu einem gewissen Grad abhängig von den alten Beziehungen, will sich nicht völlig gegen die Männer stellen, die in der Stadt das Sagen haben. Als Paula, die als Künstlerin aus dem bürgerlichen Raster fällt, das Haus und weiteres Vermögen ihrer Tante erbt, bittet sie Carl, diese Dinge für sie zu begleiten, auch weil sie eine Sanierung des Gebäudes anpacken möchte.

Dies wird zum Problem, da das Haus, eines der ältesten der Stadt, auch Begehrlichkeiten bei den einflussreichen Männern weckt. Die Seilschaften verlaufen zwischen den entscheidenden Stellen – auf politisch-behördlicher Ebene genauso wie auf Ebene möglicher Geld- und Kreditgeber.

Carl kann zwar plausibel machen, dass er in dem Ringen um das Haus mächtige Gegner hatte und ihm die wenigen Unterstützer weggebrochen sind, aber es bleibt bis kurz vor Schluss ungeklärt, weshalb er mit Blick auf einen kritischen Vertrag als Jurist nicht zielsicher eingeschritten ist. Diese Frage wird ganz zum Schluss beantwortet, macht die Hauptfigur des Romans vor allem menschlich, weil sie Reue zeigt.

Doch auch Paula muss sich im Klärungsprozess ihren Schwächen stellen und ihres Verhaltens bewusst werden. Die Geschehnisse spiegeln ebenso ihren Part am Status quo. Die Künstlerin und Handwerksmeisterin scheute lange Zeit, Konflikte durchzustehen. Auch muss sie einräumen, Carl auf Distanz und die Beziehung in der Schwebe gehalten zu haben.

Für beide ist es schwer, die schmerzlichen Dinge auf den Tisch zu legen, sich dem anderen immer mehr zu öffnen. Lange spielen sie ein Katz-und-Maus-Spiel, wie Carl es einmal ausdrückt. Auch hier mischen sich emotionale mit handfesten Hintergründen, könnte Paula ihn doch wegen seiner fachlichen Fehler auch verklagen.

Carl wartet schließlich mit einem überraschenden, ungewöhnlichen Angebot auf, mit dem er den Befreiungsschlag schaffen will. Kurz muss der Leser schlucken, weil er hier wieder die Ebene der Beziehung und des Geldes verwebt. Gleichzeitig ist dies nicht Bedingung für seine letztlich bedingungslose Hilfe, die er Paula zuteilwerden lassen möchte.

Fazit: „Irgendwo in Hohenlohe“ ist eine Liebesgeschichte mit einem originellen Ansatz. Dass sich in manchen Kapiteln einige Aspekte der Gedankenwelt Carls wiederholen, ist vermutlich dem ursprünglichen Format einer Episodenfolge (online erschienen auf www.hohenlohe-ungefiltert.de) geschuldet. Gleichzeitig bieten die kurzen Kapitel ein schnelles (Wieder-)Einsteigen und lockeres Lesen. Hinzu kommen für Leser aus der Region verschiedene Wiedererkennungseffekte – ob in Schwäbisch Hall oder Hohenlohe.

Birgit Häbich: Irgendwo in Hohenlohe, Kairos-Verlag, Tübingen, 2018, 20 Euro

ISBN 978-3-920523-21-7

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Erstellt:
22. August 2019, 06:00 Uhr

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