Jagdbeute der Neandertaler
Elefanten wanderten Hunderte Kilometer durch das eiszeitliche Europa
Gejagt und getötet von Neandertalern: Forscher haben jetzt die Lebensgeschichte von vier Europäischen Waldelefanten , die während der Eiszeit lebten, anhand der Analyse ihrer Zähne rekonstruiert.
© Hodari Nundu, CC-BY-4/Universität Frankfurt
Vor 120.000 Jahren waren Europäische Waldelefanten (Palaeoloxodon antiquus) in Europa verbreitet.
Von Markus Brauer
Fossile Zähne können erstaunlich viele Informationen bewahren, weil Zahnschmelz langsam wächst und Schicht für Schicht Daten über die Umwelt speichert. Ein internationales Forscherteam hat jetzt die Lebensgeschichte vier Europäischer Waldelefanten (Palaeoloxodon antiquus) anhand der Analyse ihrer Zähne rekonstruieren.
Die Elefanten – deutlich größer als heutige Arten – waren die größten Landsäugetiere des prähistorischen Europas und lebten während der letzten Warmzeit vor rund 125.000 Jahren. Eine Studie hatte gezeigt, dass sie zur Jagdbeute von Neandertalern gehörten.
Neumark: Fundstelle für Waldelefanten in Sachsen-Anhalt
Neumark-Nord im Nordosten Deutschlands, eine ehemalige Seenlandschaft aus der letzten Warmzeit, ist reich an archäologischen Funden, die beim Braunkohletagebau entdeckt wurden. Das Gebiet in Sachsen-Anhalt zählt zu den wichtigsten europäischen paläontologischen Fundstellen des Europäischen Waldelefanten Palaeoloxodon antiquus.
Dort wurden die fossilen Überreste von mehr als 70 Elefanten entdeckt, die in dieser Gegend einst von Neandertalern erlegt worden waren. Durch diese außergewöhnliche große Anzahl gibt der Fundort zudem einen einzigartigen Einblick in die Beziehung zwischen diesen großen Tieren und den Menschen des Pleistozäns.
Elefanten durchstreiften mehrere Regionen Europas
Forscher aus Deutschland, den Niederlanden und den USA haben die Zähne von vier der Elefanten genauer untersucht. Sie rekonstruierten das Wanderverhalten, die Ernährung und sogar das Geschlecht mehrerer Individuen. Analysen entlang der Wachstumsrichtung der Backenzähne zeigten, dass sich die Elefanten über mehrere Jahre hinweg in unterschiedlichen europäischen Regionen aufhielten.
Elena Armaroli von der Universität Modena und Reggio Emilia (UNIMORE) in Italien und Erstautorin der Studie, erklärt: „Dank Isotopenanalysen können wir die Bewegungen von Elefanten fast so nachvollziehen, als hätten wir ein Tagebuch ihrer Reisen, das über mehr als 100.000 Jahre hinweg in ihren Zähnen konserviert worden ist.“
Einige der untersuchten Elefanten seien Tiere gewesen, die sich nicht nur in einem Gebiet aufhielten, erklärt Federico Lugli,von der UNIMORE. „Ihre Zähne zeigen, dass sie sehr große Distanzen zurücklegten – bis zu 300 Kilometer –, bevor sie das heutige Neumark-Nord erreichten. Dadurch können wir ihre Aktionsräume in ihrem Lebensraum rekonstruieren und verstehen, wie diese Tiere die Landschaft nutzten.“
Quartett aus drei Bullen und einer Elefantenkuh
Die Wissenschaftler identifizierten außerdem das Geschlecht der vier Elefanten: Es handelt sich um drei Bullen und um eine Elefantenkuh.
Zwei der Bullen zeigen Isotopensignaturen, die sich deutlich von denen unterschieden, die für die Gesteinsschichten in Neumark-Nord zu erwarten wären. Dies lässt darauf schließen, dass die Bullen – ähnlich wie das an heutige Elefanten tun – größere Territorien als die Elefantenkühe durchstreiften.
Die Konzentration der Überreste und das Profil der Tiere deutetn darauf hin, dass die Neandertaler die Elefanten nicht erlegt hatten, weil es gerade eine günstige Gelegenheit gab, schlussfolgert Elena Armaroli. Alles deute auf eine organisierte Jagd hin, bei der sogar solch riesige Beutetiere gezielt erlegt werden konnten. „Dafür mussten die Neandertaler die Landschaft gut kennen, zusammenarbeiten und planen.“
Ausgeklügeltes Verwertungssystem der Neandertaler
Die Studienergebnisse zeigen zudem, dass Neandertaler als Sammler und Jäger aktiv waren, die innerhalb eines reichen Seeufer-Ökosystems agierten. Der Fundort gibt Hinweise darauf, dass die Menschen Tierkörper organisiert an verschiedenen Stellen zerlegten und aus großen Säugetieren Fett in großem Maßstab gewannen.
Außerdem verzehrten sie pflanzliche Nahrung wie Haselnüsse und Eicheln. Neandertaler scheinen die Ressourcen dieses Ökosystems immer wieder genutzt zu haben und veränderten möglicherweise sogar die Landschaft durch den Einsatz von Feuer. Dazu sind sie wahrscheinlich in größeren sozialen Gruppen organisiert gewesen als bisher angenommen wurde.
„Was wir in Neumark-Nord sehen, ist kein Bild bloßen Überlebens, sondern das einer Population, die ihre Umwelt verstand und über einen Zeitraum von mindestens 2500 Jahren aktiv und auf komplexe Weise mit ihr interagierte“, erläutert Sabine Gaudzinski-Windheuser, Professorin für vor- und frühgeschichtliche Archäologie.
War Neumark die Heimat der Elefanten?
Zumindest einige der männlichen Elefanten, die in Neumark entdeckt wurden, verbrachten einen Teil ihrer Adoleszenz und ihres frühen Erwachsenenalters außerhalb der Neumarker Seenlandschaft
Ob Neumark ein Anziehungspunkt für Elefanten aus verschiedenen Regionen gewesen war, die sich hier versammelten, oder ob das Gebiet um Neumark die Heimatpopulation von Elefanten darstellte, deren Individuen das Gebiet zeitweise verließen, ließe sich allein anhand von Isotopen nicht bestimmen, betont Ko-Autor Thomas Tütken von der Arbeitsgruppe für Angewandte und Analytische Paläontologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
