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Empfehlungsschreiben als wertvolle Hilfe

Ein solches Papier öffnete Pilgern so manche Tür oder ermöglichte gebührenfreies Passieren. Das Auf-sich-Gestellt- und Unterwegssein beim Pilgern übt bis heute eine besondere Faszination aus. Die ökumenische Arbeitsgemeinschaft Pilgern bietet vier Online-Treffen zum Thema an.

Wegweiser und Jakobsmuschelzeichen sind immer wieder anzutreffen. Foto: Karin de la Roi-Frey

Wegweiser und Jakobsmuschelzeichen sind immer wieder anzutreffen. Foto: Karin de la Roi-Frey

Von Karin de la Roi-Frey

Murrhardt. Hatte man als Fußreisender dann all die Vorbereitungen abgeschlossen, hatte sein Testament verfasst, die Beichte abgelegt, seinen eventuellen mobilen Besitz an einem sicheren Ort untergebracht und war – endlich – unterwegs, dann trug man hoffentlich gleich mehrere der für Pilger sehr wertvollen Empfehlungsschreiben bei sich. Sie konnten eine kostenlose Unterbringung ermöglichen, eine gedeckte Tafel bescheren und für den Erlass lästiger Gebühren auf Fähren und Brücken sorgen.

„Um Jakobi heiß und trocken, kann der Bauersmann frohlocken“, sagt eine alte Bauernregel. Und auch Pilger freuten sich über das Wetter, das ihnen an diesem bevorzugten Pilgertermin des Jakobustags (25. Juli) kein Ungemach bereitete. Da konnte es beim Wochenmarkt nach Mariä Geburt nach dem 8. September schon ungemütlicher sein. Mit der Kirchweih verbunden nahmen viele Pilger diese Gelegenheit wahr. In vergleichbarer Weise waren zum Beispiel auch Saint Denis (Paris) und Siegburg (Schweiz) zugleich Pilgerziele und Orte von Handelsmessen. Für Pilger aus dem Ostseeraum eine gute Gelegenheit, den mitgebrachten, weil sehr leichten Bernstein hoffentlich mit Gewinn zu verkaufen. Händler aus allen Himmelsrichtungen vereinbarten Geschäfte und Pilgerfahrt vorteilhaft miteinander.

Wiederaufbau der Pilgerstaffel

Eine der Hauptrouten des Jakobswegs nach Santiago de Compostela im Osten Spaniens führt von Schwäbisch Hall über Uttenhofen nach Murrhardt, wo eine Pilgerstaffel jahrhundertelang hinauf zu Walterichskirche führte, Ende der 1940er-Jahre abgebrochen wurde und seit 2021 dank einer breiten Spendenbewegung wieder zur Verfügung steht. Wer waren wohl die Pilger, die einst die alte Staffel auf Knien erklommen? Die meisten Fußreisenden bleiben für immer unbekannt. Aufzeichnungen sind allenfalls vielleicht von der Pilgerfahrt eines bedeutenden Menschen erhalten oder im Rahmen von damit verbundenen ungewöhnlichen Vorfällen. Bekannt ist, dass sich beispielsweise Nürnberger Kaufleute einen Pilgerschein ausstellen ließen, bevor sie sich auf den Weg und machten. Nicht auszuschließen, dass in Nürnberger Archiven noch so manche Nachricht und Erkenntnis seit Jahrhunderten vor sich hin schlummert.

Pilgermotive und Herausforderungen

Um Erkenntnis, innere Verwandlung ging und geht es auch den Pilgern. Dafür nahmen sie einst viel auf sich. Mit dem Blick auf eine ungewisse Zukunft in einem fremden Kulturkreis verließen sie das Vertraute, die Familie. Vor ihnen lag ein unbekanntes, meist unwegsames Gelände, auf dem sich Staub in Matsch und Hohlwege in reißende Bäche verwandelten. Mit der Angst vor menschenfeindlichen Wäldern mussten sie zurechtkommen, ebenso konnte es ihnen passieren, dass sie in wenig besiedelten Gebieten fern von Europa über tausend Kilometer kein Gebäude sahen geschweige denn auf Menschen trafen. Ungewissheit machte ihnen zu schaffen und manchmal kam die Dunkelheit schneller als erwartet. Da konnte das Bellen eines Hundes oder ein fernes Licht schon weiterhelfen, auch Glocken waren aus weiter Ferne gut zu hören. Und die schwindenden Goldvorräte bereiteten auch Sorgen. Einsätze bei der Heu- und Getreideernte, beim Wege- und Brückenbau füllten den Beutel wieder. Wer einen Esel dabeihatte, vermietete ihn vielleicht für eine Wegstrecke zum Transport von Personen oder Gepäck. Dazu gehörten manchmal auch Luxusgüter oder exotische Gewürze, die man zu Hause zu verkaufen hoffte und auf dem Weg dorthin auch in Klöstern wie Murrhardt vielleicht als milde Gabe überreichte. Viele Gäste zeigten sich erkenntlich. Wohlhabende spendeten edle Metalle, vielleicht in Form von Votivgaben, weniger Begüterte brachten Kerzen, Geflügel oder Brotgetreide, Herrscher garantierten Schutz, verteilten Privilegien und übereigneten Liegenschaften. Davon profitierte über Jahrhunderte auch das Kloster Murrhardt.

2021 konnte die wiederaufgebaute Pilgerstaffel in Murrhardt eingeweiht werden. Foto: Jörg Fiedler

© Jörg Fiedler

2021 konnte die wiederaufgebaute Pilgerstaffel in Murrhardt eingeweiht werden. Foto: Jörg Fiedler

Online-Pilgertreffen und Vortrag

Online-Pilgertreffen Vor dem Hintergrund, dass Pilgerwanderungen im Trend liegen und Teilstrecken großer europäischer Kultur- und Pilgerwege durch das Land Baden-Württemberg laufen, es interessante regionale Pilgerwege gibt und eine Fülle kürzerer und lokaler spiritueller Spazier- und Wanderwege entdeckt werden wollen, laden die vier großen Kirchen des Landes ab der kommenden Woche zu vier Online-Pilgertreffen ein. Sie möchten immer dienstagabends ab 19 Uhr Lust auf die bevorstehende Pilgersaison 2023 machen. Initiatorin ist die ökumenische Arbeitsgemeinschaft Pilgern in der „Landesarbeitsgemeinschaft Kirche und Tourismus in Baden-Württemberg“, ein Gemeinschaftsprojekt der Erzdiözese Freiburg, der Evangelischen Landeskirche in Baden, der Diözese Rottenburg-Stuttgart und der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Start Beim Auftakt der Online-Pilgertreffen am 24. Januar geht es um das Thema „Pilgerland Baden-Württemberg – unterwegs auf Martinus-, Ulrika- und Meinradweg“. Denn neben dem Jakobsweg durchziehen mittlerweile weitere attraktive Pilgerwege das Land. Der älteste und längste von ihnen ist mit 1300 Kilometern der Martinusweg. Ein reiner Radpilgerweg ist der Meinradweg von Rottenburg am Neckar zum schweizerischen Kloster Einsiedeln. Und der jüngste Spross ist der Ulrikaweg auf den Spuren der seligen Ulrika Nisch von Oberschwaben zum Kloster Hegne am Bodensee.

Folgetermine „Der Blick der Hospitaleros“ heißt es am 31. Januar, wenn Herbergsväter und -mütter aus Spanien, Frankreich und Deutschland ab 19 Uhr von Freud und Leid mit dem Pilgervolk berichten. Denn wie sich das Pilgern verändert, sieht man nicht nur auf den Wegen – auch die Herbergsväter und -mütter wissen Spannendes, Anregendes und Kurioses zu berichten. Weiter geht die Reihe am 7. Februar mit „Pilgerland Baden-Württemberg – unterwegs auf dem Badischen und Oberschwäbischen Jakobsweg und dem Frauenpilgerweg Pilger.Schön“. Mit „Mann pilgert anders – Frau auch“ endet die Reihe am 28. Februar. Im Zentrum dieses Treffens stehen erstaunliche Erfahrungen mit den Geschlechtern auf dem Weg. Mit dabei sind die Polizeiseelsorgerin Dorothea Jüngst und Jürgen Rist. „Pilgernde jeglichen Geschlechts treffen sich auf den Wegen, manchmal ist es aber auch gut und wertvoll, wenn sich Gruppen bilden, die ausschließlich aus Männern oder Frauen bestehen“, sagt Rist. Welche Chancen in solchen Erfahrungen stecken, was man beachten muss und wo sich Männer und Frauen womöglich selbst im Weg stehen, seien die Themen dieses Abends.

Anmeldung Für die Pilgertreffen am 31. Januar und 28. Februar können sich Interessierte bei Michael Kaminski via E-Mail an kaminski@evstadtakademie.de anmelden, für die Pilgertreffen am 24. Januar und am 7. Februar über eine E-Mail an Susanne Mammel: SuMammel@bo.drs.de

VHS-Vortrag Herbert Soukopp lädt am Donnerstag, 26. Januar, um 19 Uhr ins Grabenschulhaus der VHS Murrhardt ein. Er berichtet über „Caminho Portugues da Costa – den etwas anderen Jakobsweg“. Die Alternative zum Hauptweg führt von Porto nach Santiago über eine Strecke von 260 Kilometern. Ungefähr 180 Kilometer lässt es sich direkt an der Atlantikküste entlangpilgern. Der Eintritt kostet acht Euro, ermäßigt 6,50 Euro. Anmeldung bei der VHS persönlich, unter https://vhs-murrhardt.de oder per E-Mail an info@vhs-murrhardt.de.

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Erstellt:
21. Januar 2023, 06:00 Uhr

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