Ex-DGB-Chef zur Wärmewende
„Es macht doch keinen Sinn, jetzt wieder umzudrehen“
Der Rat für nachhaltige Entwicklung hat der Bundesregierung Empfehlungen zur Wärmewende vorgelegt. Was jetzt braucht, erklärt der Ratsvorsitzende Reiner Hoffmann.
© Thomas Banneyer
Viele Menschen fürchten sich vor den Kosten der klimaneutralen Umstellung – besonders beim Heizen.
Von Rebekka Wiese
Kann die Wärmewende noch gelingen? Im Rahmen des Dialogs „Nachhaltige Stadt“ hat der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) zusammen mit 28 Stadtoberhäuptern mehrere Vorschläge gemacht, was dafür jetzt passieren muss. Im Interview zeigt sich Reiner Hoffmann, Vorsitzender des RNE, erstaunlich optimistisch – und wirbt dafür, weniger zu meckern.
Herr Hoffmann, stellen Sie sich eine Skala von Null bis Zehn vor: An welchem Punkt auf dem Weg zur Wärmewende sehen Sie Deutschland?
Bei einer knappen Fünf. Dabei könnten wir schon weiter sein. Wenn Deutschland bis 2045 klimaneutral sein will, müsste bis zum Jahr 2030 die Hälfte der Wärme mit erneuerbaren Energien erzeugt werden. Gerade sind wir bei etwas mehr als 18 Prozent. Und es bleiben nur noch vier Jahre.
Der Nachhaltigkeitsrat empfiehlt der Bundesregierung, an ihrem Klimakurs festzuhalten. Glauben Sie, dass man auf Sie hört?
Ja. Natürlich gibt es in der Bundesregierung auch Widersprüchlichkeiten. Das ist aber normal. Es ist eben anstrengend, ein Land klimaneutral zu machen. Die Wärmewende ist ja nur ein Teil davon. 200 Jahre lang basierte unser Wohlstand auf fossilen Energieträgern, jetzt bauen wir unsere Wirtschaft komplett um in Richtung regenerative Energien. Das ist doch ein fantastisches Projekt und stimmt mich optimistisch.
Woher nehmen Sie die Hoffnung?
Natürlich sind die Zeiten herausfordernd. Aber Meckern bringt uns nicht weiter. Mich stört, dass wir als Land in diesem Schlechte-Laune-Modus stecken. Da müssen wir raus. Der Vorgängerregierung ist es gelungen, wichtige Grundlagen für den klimaneutralen Umbau unserer Wirtschaft zu schaffen. Seitdem ist klar, in welche Richtung es geht. Das finde ich sehr positiv – und bin damit nicht allein. Ich höre von vielen Unternehmen, dass sie froh über die Klarheit sind und viele Perspektiven sehen.
Es gibt auch andere Stimmen. Der Chef der Deutschen Industrie- und Handelskammer warnt vor Deindustrialisierung, er sieht die Wirtschaft durch Klimavorgaben ausgebremst.
Natürlich gibt es unterschiedliche Stimmen. Aber ich höre andere. Wir haben mit vielen Akteuren gesprochen, zum Beispiel aus Bundesregierung, Kommunalverwaltung oder Finanzsektor, um möglichst tragfähige Lösungen zu entwickeln. Es geht bei der Energiewende ja nicht nur um Klimaschutz. Von fossilen auf erneuerbare Energien umzusteigen, stärkt unsere wirtschaftliche und gesellschaftliche Resilienz. Es macht doch keinen Sinn, jetzt wieder umzudrehen. Mit Blick auf das Vertrauen in politische Entscheidungen ist auch die Planungssicherheit wichtig.
Viele Menschen fürchten, dass sie sich die Umstellung beim Heizen kaum leisten können. Können Sie das nachvollziehen?
Natürlich. Ich finde, wir müssen uns trauen, klarer über die Finanzierungs- und Verteilungsfragen zu sprechen. Mit fossilen Energieträgern zu heizen, wird absehbar teurer werden. Deshalb empfehlen wir mehr Tempo bei der energetischen Gebäudesanierung und die Umstellung auf erneuerbare Wärmeversorgung. Damit das gelingt, müssen vor allem die Kommunen viel enger einbezogen werden. Viele zeigen schon jetzt, wie morgen sauber geheizt werden kann. Und es gibt sehr gute Förderprogramme.
Solche Förderprogramme kosten aber auch Geld.
Das stimmt. Deshalb müssen sie kosteneffizienter werden. Ein Beispiel: Wer die Möglichkeit hat, sich ans Wärmenetz anschließen zu lassen, braucht keine Förderung für eine Wärmepumpe. Das würden die aktuellen Richtlinien aber erlauben. Sowas müssen wir dringend anpassen. Außerdem wünschen wir uns ein neues Finanzierungsinstrument: einen Energiewendefonds, aus dem vor allem kommunale Unternehmen schöpfen können und für den auch privates Kapital mobilisiert werden könnte.
Die Bundesregierung hat angekündigt, das sogenannte Heizungsgesetz abschaffen zu wollen. Wie schauen Sie darauf?
Das Heizungsgesetz gibt es per se nicht. Ich glaube daher nicht, dass den Koalitionären klar war, was das heißen soll, als sie das aufgeschrieben haben. Wir wünschen uns, dass das Gebäudeenergiegesetz, das wohl gemeint war, weiterentwickelt wird. Die Grundlage hat ja noch die Ampelregierung geschaffen. Die Idee war richtig, aber die Ampel hat damals einen großen Fehler gemacht. Sie hat nicht rechtzeitig mit den Betroffenen und Experten gesprochen: etwa mit dem Handwerk, den Wohnungsbaugesellschaften oder den Kommunen. Wenn diese Regierung das nachholt, käme die Wärmewende einen großen Schritt weiter.
