Neu im Kino

Feinde in der eisigen Wildnis

In „Dead of Winter“ schlägt sich in Emma Thompson durch eine bedrohliche Schneekugelkulisse im Norden Minnesotas – ein beklemmender Albtraum.

Aufeinandertreffen im Hof des Peinigers (Marc Mechaca). Rechts: Emma Thompson als Barb.

© Leonine

Aufeinandertreffen im Hof des Peinigers (Marc Mechaca). Rechts: Emma Thompson als Barb.

Von Kathrin Horster

Minnesota kann eisig sein, weiß man seit den brutalen Übergriffen der amerikanischen Vollstreckungsbehörde ICE auf Immigranten und Trump-Kritiker in Minneapolis, der bevölkerungsreichsten Stadt des Bundesstaates. Als der Brite Brian Kirk mit den Dreharbeiten zu seinem Survival-Action-Thriller „Dead of Winter – Eisige Stille“ in der verschneiten Wildnis im Norden Minnesotas begann, konnte er von den kommenden Ereignissen allerdings noch nichts wissen. Mit den politischen Verwerfungen der gegenwärtigen Trump-Administration hat der mit der britischen Schauspielerin Emma Thompson in der Hauptrolle stark besetzte Film also nichts zu tun. Und trotzdem lässt sich Kirks sehr konventioneller Kriminalfilm über eine einsame alte Frau im Kampf gegen Kälte, die eigene Trauer und zwei undurchsichtige Fremde auch als Parabel lesen über das politische Weltklima.

Einsamkeit, Weite und ein schreckliches Verbrechen

Die von Thompson verkörperte Eisfischerin Barb lebt seit dem Tod ihres Mannes allein in einem zum Wohnhaus umgebauten Trailer auf einer Waldlichtung in der Wildnis Minnesotas. Zu dem Anwesen gehört noch ein offenbar selten frequentierter Laden für Anglerbedarf. Kirk inszeniert Barbs abgeschiedenen Lebensraum als äußerlich malerische Schneekugel-Idylle, in der sich die Witwe aber wohl vor allem aus nostalgischen Gefühlen verschanzt.

Trotz schlechtester Wetterverhältnisse macht sich Barb auf den Weg zu einem abgelegenen See, den Grund für ihre riskante Reise enthüllt Brian Kirk erst nach und nach. Weil Barb allein ist, führt sie Zwiegespräche mit einem alten Foto, das sie und ihren Mann in jungen Jahren zeigt, als frisch verheiratetes Ehepaar, so liefert Kirk erste Hinweise zur Vergangenheit seiner Heldin.

Als Barb mit ihrem Auto in einer Schneewehe von der Route abkommt, fragt sie an einem einsamen Haus nach dem Weg. Das irgendetwas faul ist mit dem Bewohner, offenbaren ein paar Blutflecken im Schnee auf dessen Auffahrt. „Ein Reh!“, beantwortet der mit schwarzer Sonnenbrille und tief in die Stirn gezogener Kapuze unkenntliche Fremde (Marc Mechaca) Barbs Frage, ob alles in Ordnung sei.

Am See angekommen, wird Barb aber von Schüssen aufgeschreckt. Kurz darauf beobachtet sie, wie eine gefesselte junge Frau in Richtung des Sees rennt, verfolgt vom Fremden, der Barb eben noch den Weg gezeigt hatte.

Mittelprächtiger Plot

Der Plot ist simpel und geradlinig, nur einige kurze Rückblenden in Barbs Vergangenheit (mit Thompsons Tochter Gaia Wise als deren jüngerem Alter Ego) brechen die Struktur auf. An der Seite von Barb erfährt man, dass der Fremde mit seiner Frau (Judy Greer) die Teenagerin (Laurel Marsden) im Keller seines Hauses gefangen hält. Die erschütternden Hintergründe des Verbrechens deckt Brian Kirk schrittweise auf, so hält er sein Publikum bei der Stange.

Obwohl die Geschichte in der Weite Minnesotas angesiedelt ist, funktioniert sie mit ihren wenigen Akteuren und dem eng umrissenen Konflikt wie ein Kammerspiel, in dem vor allem die 66-jährige Emma Thompson ihrer Figur Profil verleihen kann.

Dem Drehbuch der Amerikaner Nicholas Jacobson-Larson und Dalton Leeb fehlt es an Raffinesse und ausformulierten Charakteren. Emma Thompson arbeitet sich in der Rolle der Barb vor allem an den Widrigkeiten des Wetters und an den Hürden ihrer Gegner ab, stoisch die Rettung der verzweifelten Teenagerin im Blick, von der man lediglich erfährt, dass sie ihrer Entführerin, einer Krankenschwester, erstmals als Patientin nach einem Suizidversuch im Krankenhaus begegnet war. Spannung erzeugt Brian Kirk also weniger über interessante Plotwendungen als über die Atmosphäre.

Eis, Schnee und Dauerfrost, die in unwirklich blaues Licht getauchte Landschaft, die Einsamkeit, ohne Aussicht auf die Hilfe neutraler Dritter; im Ganzen betrachtet wirkt „Dead of Winter“ beunruhigend und beklemmend. Und transportiert so das Lebensgefühl unserer Tage, die Furcht vor unvorhersehbaren sozialen Umwälzungen, die unterschwellig wummernde Angst vor der Willkür eines Nachbarn – besonders im internationalen Kontext – der immer neue Fallen stellt, um die eigenen egozentrischen Ziele zu sichern.

Man kann „Dead of Winter“ hinsichtlich seines reinen Plots als bloß mittelprächtigen Genrebeitrag betrachten, der mühelos von geschickter konstruierten Werken übertrumpft wird. Man kann ihn aber auch als gelungene Bebilderung einer nationalen Seelenlandschaft schätzen, in der sich der Einzelne wie die Eisfischerin Barb erst durch die Wildnis seiner Feinde kämpfen muss, um endlich so etwas wie Frieden zu finden. So gesehen ist „Dead of Winter“ dann doch noch gutes, aufrüttelndes Kino.

Dead of Winter – Eisige Stille. USA, Deutschland 2025. Regie: Brian Kirk. Mit Emma Thompson, Marc Menchaca, Gaia Wise. 98 Minuten. Ab 12 Jahren.

Entstehung

Produktion „Dead of Winter“ spielt zwar in den USA, wurde aber unter anderem mit Mitteln aus der Film- und Medienstiftung NRW und dem deutschen Filmförderfonds finanziert. Gedreht wurde in Finnland und Köln.

Star Emma Thompson gehört zu den wenigen Frauen mit bruchlos langer Film-Karriere. 1992 bekam sie für ihre Rolle in der Roman-Verfilmung „Wiedersehen in Howards End“ den Golden Globe und den Oscar. 1995 gewann sie einen Oscar für ihr Drehbuch zur Jane-Austen-Adaption „Sinn und Sinnlichkeit“. Neben ihrer leiblichen Tochter Gaia hat Thompson den Adoptivsohn Tindyebwa Agaba, der als Kindersoldat in Ruanda missbraucht wurde.

Regisseur Brian Kirk hat bisher vor allem als Serien-Regisseur an Hits wie „Game of Thrones“ oder „Die Tudors“ gearbeitet. Kirks erster Kinofilm „21 Bridges“ (2019) kam beim Publikum gut an, die Kritik zeigte sich gespalten.

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Erstellt:
19. Februar 2026, 13:36 Uhr

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