Italienische Edelschneider
Feine Stoffe für vermögende Kunden
Italienische Edelschneider wie Brioni sind diskret und sehr gefragt. Zu diesem kleinen, aber feinen Segment gehört auch Sartoria Litrico in Rom.
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Schon der ehemalige US-Präsident John F. Kennedy zählte zu den Kunden des Edelschneiders Sartoria Litrico.
Von Gerhard Bläske
Marken wie Armani, Prada, Versace, Gucci oder Brunello Cucinelli begründen den Ruf Italiens als weltweit führender Modehersteller. Doch Teil der Branche, die auf einen Umsatz von rund 90 Milliarden Euro kommt, ist auch ein dichtes Netz kleiner, hoch spezialisierter, Zulieferer. Und es gibt die Schneiderbetriebe, die von Hand fertigen. Sie setzen auf Exklusivität und Individualität.
Eine der bekanntesten Schneidereien ist Brioni. Der 1945 von Nazareno Fonticoli und Gaetano Savini in Rom gegründete Herrenschneider, der auch eigene Boutiquen hat, gehört seit 2012 zum börsennotierten französischen Luxusgüterproduzenten Kering. Weitere Unternehmen in diesem kleinen, aber feinen Segment sind Rubinacci, ein 1932 in Neapel gegründeter Familienbetrieb, der vor allem für seine Krawatten bekannte Betrieb E. Marinella, ebenfalls aus Neapel, und Stefano Ricci aus Fiesole bei Florenz.
Firmensitz ist eine Villa in Rom
Auch die Sartoria Litrico in Rom ist eines dieser Unternehmen. Das Unternehmen besteht seit 1951. Sitz ist eine Villa im römischen Stadtteil Pinciano. Einziger Hinweis: Ein diskretes schwarzes Firmenschild mit der goldfarbenen Inschrift „Sartoria Litrico Roma 1951“. Der heutige Firmenchef Luca Litrico (55), ein Neffe des Firmengründers Angelo, schneidert für vermögende Privatkunden Anzüge, Mäntel und Hemden. Maß genommen wird, nur nach vorheriger Terminvereinbarung, entweder im Atelier, das eher einer Wohnung des gehobenen Bürgertums gleicht, oder beim Kunden selbst. Das kann selbst in den USA oder in Ägypten sein.
Auf der Kundenliste stehen Namen wie John F. Kennedy, die früheren sowjetischen Staats- und Parteichefs Nikita Chruschtschow und Michail Gorbatschow, Schauspieler Vittorio Gassmann, Italiens Ex-Premier Giulio Andreotti oder der frühere Privatsekretär von Papst Benedikt XVI, Georg Gänswein. Die meisten der heutigen Kunden schätzen die Diskretion. Viele Kunden sind Freunde des Hauses geworden. Etwa 25 bis 28 sind Stammkunden.
Chrustschow schlug 1960 mit einem Schuh von Litrico auf den Tisch
Wer in das Atelier der Sartoria Litrico kommt, tritt in eine andere Welt ein. An den Wänden hängen Kunstwerke aus den 50er Jahren oder Fotos prominenter Kunden mit Widmungen. „Bedürftige Künstler bezahlten bisweilen mit ihren Werken“, erklärt Litrico. Kunden müssen sich mehrere Stunden Zeit nehmen und die Hektik des Alltags ablegen. „Die Anfertigung eines Maßanzugs ist eine allmähliche Konstruktion“, sagt Luca Litrico. Der ganze Prozess ist ein Dialog: Zuhören, beobachten, verstehen, interpretieren. Auch die Stoffauswahl braucht Zeit. Jeder Anzug wird individuell angefertigt, unter Berücksichtigung der Art, in der sich der Kunde bewegt und des Umfelds, in dem er den Anzug oder den Mantel tragen will. Alles entsteht händisch. „Der echte Luxus besteht heute darin, nicht alles sofort zu haben“, meint Litrico. Und er fügt hinzu: „Eleganz ist immer in Mode.“ Anzüge und Mäntel der Sartoria Litrico könne man ein Leben lang tragen.
Für einen Anzug muss man mindestens 6000 Euro hinlegen. Je nach Material und Art können es aber auch 90 000 Euro sein. Weltbekannt wurde Litrico ausgerechnet durch einen kommunistischen Staatschef. Auf der Suche nach neuen Märkten nahm Firmengründer Angelo Litrico einst Kontakt zu Chruschtschow auf und stattete diesen aus. Und der Sowjetführer schlug 1960 bei seinem berühmt gewordenen Wutanfall vor den Vereinten Nationen mit einem Schuh von Litrico auf den Tisch. Doch es kommen auch einfache Menschen wie ein Polizist, der sich für seine Hochzeit ein einzigartiges Kleidungsstück leisten will.
Firmengründer Angelo, der älteste von zwölf Geschwistern, sollte eigentlich Fischer in Sizilien werden, wie sein Vater. Doch bei einem Unfall verlor er ein Bein. Er musste sich einen anderen Job suchen. Angelo erlernte das Schneiderhandwerk und ging nach Rom. Per Zufall wurde er zum Schneider des römischen Dolce Vita, bekannt geworden durch den gleichnamigen Film von Federico Fellini.
Sartoria Litrico: Exklusive Anzüge, Hemden und Mäntel
BusinessmodeUnter dem Namen Angelo Litrico stellte Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts C&A Brenninkmeijer preiswerte Business- und Freizeitmode her. Die frühere Verbindung besteht nicht mehr.
HandarbeitAnzüge, Hemden und Mäntel der Sartoria Litrico werden heute von etwa 50 hoch spezialisierten Arbeitern per Hand im sizilianischen Catania genäht. Hauptfarbe ist das klassische Blau. Die Kunden sind in der Regel sehr kultiviert und kommen überwiegend aus dem Ausland.
UmsatzDen Umsatz gibt Litrico mit 350 000 bis eine Million Euro pro Jahr an. 300 bis 400 Anzüge, 1500 Hemden und 200 bis 300 Paar Schuhe werden jährlich angefertigt. Luca Litrico will die Exklusivität wahren. Er könnte sich aber vorstellen, bis zu 3000 Anzüge pro Jahr zu fertigen und den Umsatz auf 60 Millionen Euro zu steigern. Übernahmeangebote habe es gegeben. Er habe abgelehnt.
