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Feinfühlige Deutung komplexer Werke

Jan Doležel hat bei seinem Konzert in Murrhardt Komponisten vorgestellt, die weniger bekannt sind, aber vielschichtige Klangkunst geschaffen haben.

Jan Doležel an der Mühleisen-Orgel in der Murrhardter Stadtkirche. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Jan Doležel an der Mühleisen-Orgel in der Murrhardter Stadtkirche. Foto: J. Fiedler

Von Petra Neumann

Murrhardt. Beim 19. Konzert des Internationalen Orgelzyklus standen eher unbekannte Komponisten im Fokus. Der tschechische Organist Jan Doležel, der in Pilsen geboren ist und dessen Wege ihn ins Frankenland führten, hatte diese Tonsetzer ausgesucht, vor allem auch, weil sie das Positive der Schöpfung in ihrem Werk hervorheben wollten. In seiner kurzen Vorstellung betonte Gottfried Mayer, dass Heinrich Kaminski (1886 bis 1946) sich in keinem Stil verorten lasse. Das bestätigte auch Jan Doležel und charakterisierte ihn folgendermaßen: „Er ist keiner der konservativ gebliebenen Musiker, arbeitet dafür aber mit äußerst komplexen Rhythmen. Auffallend ist das fließende Moment seiner Schöpfungen.“ Johann Ulrich Steigleder (1593 bis 1635) wurde in Schwäbisch Hall geboren und arbeitete als Organist in Stuttgart. Er schuf 40 Variationen zu „Das Vater unser“, von denen der Organist drei vorstellte.

Einen besonderen Bezug hat Jan Doležel zu Vitězslav Novák (1870 bis 1949), der einer der letzten Schüler von Antonin Dvořák war. „Er hat vor allem fürs Orchester komponiert, sich aber nicht so sehr für die Orgel interessiert. Gleichwohl hat er sich vorgestellt, wie sein ,St.-Wenzel-Triptychon op. 70‘ auf diesem Instrument klingt. Er hat sehr ungern über den Inhalt seiner Werke gesprochen und auch nichts Erklärendes hinterlassen, denn er wollte, dass die Musik für sich selbst spricht. Ihn und Kaminsky einte der Wunsch, die Ewigkeit und das Gute in ihren Tonschöpfungen zu betonen.“

Mit „Drei Choralvorspiele: Wir glauben all an einen Gott, Vater unser im Himmelreich und Morgenglanz der Ewigkeit“ aus den Jahren 1929/30 von Heinrich Kaminsky wurden die Zuhörer auf diese Schönheit und Erhabenheit eingestimmt. Allein schon in den ersten Takten erklingt die Orgel so voll und mächtig, als wollten der Komponist und der interpretierende Musiker den Schöpfungswillen Gottes in Klänge formen. Da ist ein inneres Strudeln, das gleichsam in einen Ruhepunkt übergeht, kurz bevor die Schöpfung zutage tritt, denn nun erhebt sich die Musik zu einem Strahlen, als wolle sie verkünden, dass alles heilig ist und großartig.

Die drei Variationen über das Vaterunser „4 – Coral im Discant, und 6 – Coral im Bass“ sind getragen, nahezu meditativ. Auffallend an der vierten Variation ist die Melodie. Sie ist zart und ätherisch, sodass sie auch etwas Tröstliches in sich birgt. Vor allem aber drückt sie eine Sehnsucht nach all dem Reinen des Himmelreichs aus. Jan Doležels Interpretation war an dieser Stelle sehr einfühlsam und wusste auch die innere Größe, die in diesen Noten verborgen ist, wiederzugeben. Während bei der Variation 6 das elegische Moment dominant ist, erhebt sich die Variation 19 in großer Strahlkraft und Macht. Die Orgel lässt die Himmelssphären aufreißen und den darin enthaltenen Glanz herniedersinken, indem sie in eine wundervolle schwebende Harmonie mündet, die den Zuhörer umfängt.

Die „Fantasie in C BWV 570“ von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) ist eine wunderschöne Tonsetzung, leicht, hoffnungsvoll und doch voll der Demut und Schlichtheit. Ihre Melodie spiegelt eine ganz andere Bewusstseinskomponente wider wie das „St.–Wenzel-Triptychon op. 70“ von Vitězslav Novák. In der Toccata überwiegt das Emotionale, sodass die Melodie immer wieder aufwogt, getrieben wirkt und unstet, jedoch immer nach einer Lösung drängend. Eine mächtige Klangwelle führt sie hinab ins Dunkle, zu dem die Helligkeit nur mühsam durchdringt, bis sie die formlose Finsternis überwindet, indem sie sie in sich aufnimmt und transformiert. Es ist ein eigenwilliges Werk, das Höhen und Tiefen umfasst und mehrere Seinsebenen thematisiert. Auch die weniger wuchtige Ciacona erzählt vom Ringen der Seele, die erst Prüfungen erlebt, bevor sie in die reine Freude aufsteigen kann. Die Fuge wiederum ist sehr vielschichtig, wuchtig und unruhig, sodass ihre Komplexität bedrückend wirkt. Dennoch siegt auch hier das Lichtvolle, das erst fragmentarisch, dann immer immanenter wird, bis es zum strahlenden Finale gereicht.

Jan Doležel, der sich sehr intensiv mit diesen Kompositionen beschäftigt hat, gelang eine sehr feinfühlige Deutung dieser außerordentlich anspruchsvollen Werke.

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Erstellt:
13. Oktober 2021, 06:00 Uhr

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