Klimawandel: Kein Grund zur Entwarnung
Forscher streichen Horror-Klimaszenario: Sind wir jetzt gerettet?
Wissenschaftler sind etwas optimistischer geworden, was die Erderwärmung angeht. Klimawandel-Leugner wie US-Präsident Trump sehen sich bestätigt in ihrer Skepsis gegenüber der Erderwärmung und ihren Folgen. Experten widersprechen. Zu Recht?
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Ob in Zukunft das schlimmste oder nächst-schlimmste Klimaszenario eintritt, ist im Prinzip egal. Denn die Menschheit findet auch ohne die menschgemachte Erderwärmung genügend Wege, um den Planeten „das Klo“ runterzuspülen.
Von Markus Brauer/dpa
Fällt der Klimawandel aus? Kühlt die Erde wieder ab? Ist der Menschheit noch eine Zukunft beschieden? Klimaforscher haben ihre Annahmen für den schlimmsten Fall bei der Erderwärmung – das sogenannte RCP 8.5 Szenario – abgemildert und ihre Berechnungen angepasst. Jetzt wird also alles wieder gut - so wie früher einmal. Nein, so einfach ist das nicht! Weder mit dem Klimawandel noch mit der Realität!
Klimawandel-Leugner wie US-Präsident Donald Trump triumphieren zwar und werten den Schritt als Absage an den „Klima-Alarmismus“. Doch das ist aus Sicht von Wissenschaftlern ein Missverständnis: Der Klimawandel bleibt bedrohlich. Was sich auch daran zeigt, dass das bisherige beste Szenario nun noch düsterer ausfällt.
Worum geht es in der wissenschaftlichen und öffentlichen Diskussion?
Wissenschaftler des World Climate Research Programme (WCRP, Weltklimaforschungsprogramm) – in Genf haben einen Fachartikel veröffentlicht, in dem sie verschiedene Szenarien für die fortschreitende Erderwärmung bis zum Jahr 2100 skizzieren. Das Ausmaß an Treibhausgasemissionen im bisher gravierendsten Klimaszenario – kurz RCP 8.5 – sei „unplausibel geworden“.
Das erklärt der niederländische Hauptautor der Studie, der Klimaforscher Detlef van Vuuren von der Universität Utrecht, in einem erläuternden Beitrag zu der umfangreichen Analyse. Van Vuuren hat maßgeblich an der Nomenklatur der WCRP-Klimaszenarien RCP mitgerabeitet.
Grund sind dem WCRP zufolge unter anderem die gesunkenen Kosten für erneuerbare Energien, die in den vergangenen Jahren schneller als erwartet zugelegt haben, wodurch der Verbrauch fossiler Brennstoffe wie Öl und Gas weniger rasant zulegen dürfte. Zudem werde etwas für den Klimaschutz getan, wenn auch in „begrenztem“ Umfang.
Hat sich die Debatte um die Erderwärmung damit erledigt?
Nein, definitiv nicht! Auch wenn die Emissionen im jetzt schlimmsten Szenario – dem RCP-6-Klimaszenario – niedriger ausfallen, bedeute das nicht, dass ein gefährlicher Klimawandel abgewendet wurde, schreibt van Vuuren in der Analyse.
Denn in dem angepassten Worst-Case-Szenario gehe man immer noch von einer Erhitzung des Planeten um etwa 3,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit aus. „Ein Wert, bei dem sehr schwerwiegende Klimafolgen zu erwarten sind.“
Zum Vergleich: Das Vorgänger-Szenario RCP 8.5 ging von einer Erwärmung von deutlich mehr als vier Grad bis zum Ende des 21. Jahrhunderts aus.
Können vier Grad Erwärmung trotzdem noch überschritten werden?
Ja! Van Vuuren verweist allerdings auf ein Vielzahl an Unwägbarkeiten und Unsicherheiten: Es sei durchaus möglich, dass der globale Temperaturanstieg 4 Grad bis 2100 übersteige. Außerdem sei danach ein weiterer Anstieg zu erwarten. Das zuvor für 2100 prognostizierte Niveau werde dann voraussichtlich 2150 erreicht sein. Ergo: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.
Der neue Ansatz sei keinesfalls als Entwarnung zu verstehen, erläutert Klimaforscher Niklas Höhne vom New Climate Institute in Köln. „Die Wissenschaft geht heute von sehr viel gravierenden Auswirkungen für ein bestimmtes Temperaturniveau aus als noch vor zehn Jahren.“
Insbesondere die Wahrscheinlichkeit von Kipppunkten sei heute erheblich höher – also Entwicklungsstadien, ab denen sich negative Entwicklungen deutlich beschleunigen. Höhne: „Damit sind die Auswirkungen des aktuellen Szenarios mit den höchsten Emissionen in etwa so gravierend, wie es vor zehn Jahren vom Worst-Case-Szenario erwartet wurde.“
Die Welt steuere laut UN-Umweltprogramm (United Nations Environment Programme, UNEP) in Nairobi immer noch auf rund 2,8 Grad globale Erwärmung bis 2100 zu, mit immer noch verheerenden Folgen. „Was eine Welt allein mit 1,5-Grad Erwärmung bedeutet, ahnen wir bereits heute: mehr Dürren, Hitzewellen, Waldsterben, Überschwemmungen oder anderen Wetterextreme“, heißt es.
Zur Info: Kipppunkte – Dominoeffekte des Weltklimas
Beim Konzept der Kipppunkte geht man davon aus, dass einige Teilsysteme des Klimasystems bestimmte kritische Schwellenwerte inhärieren, bei deren Überschreiten es zu starken und teils unaufhaltsamen und unumkehrbaren Veränderungen kommt. Deswegen sollte ein Überschreiten der Kipppunkte unbedingt vermieden werden.
Denn durch kleine Veränderungen kann ein Domino-Effekt ausgelöst werden, dessen Folgen unter Umständen nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Werden mehrere Kipppunkte überschritten, besteht beispielsweise das Risiko eines katastrophalen Verlusts der Fähigkeit, Pflanzen für Grundnahrungsmittel anzubauen - was wiederum eine globale Hungersnot nach sich ziehen würde.
Das Konzept der Kipppunkte und die damit verbundenen Unsicherheiten werden unter Wissenschaftlern weltweit intensiv und zum Teil konträr diskutiert.
Haben die Wissenschaftler sich geirrt oder Alarmismus verbreitet?
Nein, konstatiert Höhne. Erneuerbare Energien seien jetzt so stark, dass ein unendliches Wachstum der fossilen Energien ausgeschlossen werden könne. „Früher war das tatsächlich wahrscheinlich, weil es keine Alternativen zu den fossilen Energien gab. Die Wissenschaft lag also nicht falsch oder hätte gar Hysterie verbreitet.“ Die Wissenschaft habe mögliche zukünftige Entwicklungen an die geänderte Realität angepasst.
Das sieht auch Johnannes Emmerling vom European Institute on Economics and the Environment in Mailand so. Die Wissenschaft habe sich nicht widerlegt. „Vielmehr hat sich im vergangenen Jahrzehnt dank politischem Momentum, technologischem Fortschritt und ökonomischen Anreizen schon einiges bewegt, um zumindest dieses Worst-Case-Szenario zunehmend unrealistisch erscheinen zu lassen.“
Warum fällt das jetzt beste Szenario schlechter aus?
Weil der weltweite Ausstoß an Treibhausgasen in den vergangenen Jahren weiter gestiegen ist, wie van Vuuren erläutert. „Selbst die optimistischsten Szenarien (RCP 2.6 und RCP 4.5, d. Red.) erreichen erst gegen Ende dieses Jahrhunderts wieder etwa 1,5 Grad, nach einem deutlichen Überschreiten dieses Ziels um mindestens 0,2 bis 0,3 Grad.“
Das bedeute, so der Utrechter Forscher weiter, dass dem Klimawandel und der Anpassung an ihn mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden müsse. Neben intensiven Bemühungen zur Reduzierung von Treibhausgasen müssten auch Anstrengungen unternommen werden, CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen.
Was sind RCP-Klimaszenarien?
RCP steht für Representative Concentration Pathways (auf deutsch: repräsentative Konzentrationspfade), die verschiedene mögliche Klimaszenarien in der Zukunft abbilden. Von RCP 2.6 (ambitionierter Klimaschutz) bis RCP8.5 (Business as Usual) decken die RCP-Szenarien ein breites Spektrum an Möglichkeiten ab.
Die RCP-Szenarien sind vom Weltklimarat IPPC ( (Intergovernmental Panel on Climate Change) in Genf entwickelte sogenannte Konzentrationspfade, die unterschiedliche mögliche Entwicklungen der Treibhausgaskonzentration bis zum Jahr 2100 beschreiben.
Die einzelnen Bezeichnungen RCP 2.6, RCP 4.5, RCP 6, RCP8.5 (jetzt gecancelt) beziehen sich auf den sogenannten Strahlungsantrieb (englisch: radiative forcing) im Jahr 2100, gemessen in W m2 (Watt pro Quadratmeter) gegenüber dem vorindustriellen Niveau.
Zur Info: Strahlungsantrieb als Messgröße für den Klimawandel
Der Strahlungsantrieb beschreibt die Differenz zwischen der auf die Erde einfallenden Sonnenstrahlung und der vom Planeten ins Weltall abgehenden Wärmestrahlung. Dabei wird unterschieden:
- Positiver Strahlungsantrieb: Es gelangt mehr Energie in das Klimasystem, als entweicht. Dies führt zu einer Erwärmung der Erde (verursacht etwa durch Treibhausgase).
- Negativer Strahlungsantrieb: Dem System wird mehr Energie entzogen, als zugeführt wird. Dies führt zu einer Abkühlung (verursacht etwa durch bestimmte Aerosole – winzige, in Gasen wie Luft schwebende feste oder flüssige Partikel – oder Vulkanausbrüche).
Was ist der Unterschied zwischen RCP- und SSP-Szenarien?
Während RCP-Szenarien die physikalischen Klimaveränderungen beschreiben (Treibhausgase, Temperatur, Niederschlag), bilden SSP (Shared Socioeconomic Pathways) -Szenarien (auf deutsch: gemeinsam genutzte sozioökonomische Pfade) die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab.
RCP (Klimaphysik)
- Fokus: Treibhausgaskonzentrationen, Strahlungsantrieb
- Zeitraum: 2100 (mit Verlängerungen bis 2300)
- Anwendung: Klimamodelle, physische Risikobewertung
SSP (Sozioökonomie)
- Fokus: Bevölkerungsentwicklung, Wirtschaftswachstum, Technologieentwicklung
- Zeitraum: bis 2100
- Anwendung: Emissionsszenarien, Anpassungskapazitäten, wirtschaftliche Entwicklung
Welche RCP-Klimaszenarien gibt es?
RCP 2.6
- CO₂-Entwicklung: CO₂-Emissionen sinken ab 2020, Netto-Null bis 2100
- Temperaturanstieg bis 2100: 1,5–2,0 Grad Celsius
- Ziel: ambitionierter Klimaschutz
RCP 4.5
- CO₂-Entwicklung: Rückgang ab 2045, Halbierung bis 2100
- Temperaturanstieg bis 2100: 2,0–3,0 Grad
- Ziel: Mittleres Szenario
RCP 6.0
- CO₂-Entwicklung: Stabilisierung nach 2080
- Temperaturanstieg bis 2100: 2,5–3,5 Grad
- Ziel: moderat pessimistisch
RCP 8.5 (jetzt gestrichen)
- CO₂-Entwicklung: anhaltender Anstieg ohne wirksame Maßnahmen
- Temperaturanstieg bis 2100: > (mehr als) 4,0 Grad
- Ziel: „Business as Usual“ / Worst Case Scenario
Was beinhalten SSP-Klimaszenarien?
Für Simulationen der zukünftigen Klimaentwicklung vergleicht der Weltklimarat IPCC im Sechsten Sachstandsbericht aus dem Jahr 2023 fünf unterschiedlichen Szenarien. Sie sind eine Weiterentwicklung der Zukunftsszenarien aus dem Fünften Sachstandsbericht des IPCC aus dem Jahr 2017.
Die SSP-Szenarien unterscheiden sich voneinander unter anderem darin, wie viele Treibhausgasemissionen die Menschheit in Zukunft noch ausstößt, ab wann Klimaschutz betrieben wird und berechnen dann, wann und ob Netto-Null-Emissionen erreicht werden können.
- Netto-Null: Klimaforscher gehen nicht davon aus, dass tatsächlich der Ausstoß aller Treibhausgase auf Null gesenkt werden kann, etwa in der Landwirtschaft. Ein Rest an Emissionen müsste ausgeglichen werden durch sogenannte negative Emissionen, beispielsweise durch Wiederaufforstung oder die Speicherung von CO2 im Untergrund.
- Klimaszenarien: Die SSP-Szenarien werden in Klimamodelle eingegeben, und im Bericht wird ausgewertet, was in Zukunft innerhalb dieser Szenarien zu erwarten wäre. Die Spannweite der verschiedenen Szenarien ist im aktuellen Bericht noch etwas größer als zuvor. Es gibt zwei Szenarien mit niedrigen Treibhausgasemissionen (SSP1-1.9 und SSP1-2.6), die annehmen, dass die Emissionen bis ungefähr 2050 (SSP1-1.9) beziehungsweise 2070 (SSP1-2.6) Netto-Null erreichen.
Die Sache mit dem Klimawandel in zwei Sätzen erklärt
Wem das Ganze nun zu kompliziert und wissenschaftlich klingt, kann sich die Sache mit dem Klimawandel auch so vorstellen:
Entweder:
Die Menschheit packt das Problem gemeinsam an und kriegt die Kurve - hin zu gerade noch erträglichen klimatischen Lebensbedingungen auf der Erde.
Oder:
Dieser Planet wird ohne die Spezies Homo sapiens – oder zumindest numerisch deutlich weniger Hominide – weitere Jahrmillionen seine einsamen Bahnen durchs Weltall ziehen
