Woche der Pressefreiheit
Frei schreiben zu können, ist ein Privileg: Warum ich Journalistin geworden bin
Zwischen Neugier, Verantwortung und Gegenwind: Unsere Volontärin Marie Part erzählt, wie vielseitig ihr Beruf ist – und warum freie Berichterstattung verteidigt werden muss.
© imago stock&people / Foto: Marie Part
Marie Part ist Volontärin bei der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten.
Von Marie Part
Wenn ich spontan sagen müsste, warum ich Journalistin geworden bin, dann würde ich antworten: weil ich schon immer gerne geschrieben habe. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass es nicht nur das ist.
Meine Uroma hat früher Gedichte verfasst, wann immer sie die Zeit dazu hatte. Trotz eines Alltags mit sieben Kindern. Ihre Memoiren stehen heute bei mir im Regal. Mein Opa schreibt Romane, einfach, weil es ihn glücklich macht. Einen davon habe ich vor nicht allzu langer Zeit Korrektur gelesen. Mein Vater schreibt mir jedes Jahr seitenlange Geburtstagsbriefe. Es sind die Texte, auf die ich mich am meisten freue.
Ein Beruf, der mehr ist als ein Job
Wenn ich an all das denke, wird mir klar: In meiner Familie hat das geschriebene Wort schon seit Generationen eine besondere Bedeutung. Das Schreiben war bei uns nie nur Mittel zum Zweck. Es war immer eine Art, sich auszudrücken, Gedanken und Erlebnisse festzuhalten, Gefühle greifbar zu machen. Rückblickend wirkt es fast selbstverständlich, dass ich einen Beruf gewählt habe, in dem es genau darum geht.
Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass es während meines Studiums eine Phase gab, in der ich auch für andere Berufszweige offen war. Ich habe vieles ausprobiert. Doch am Ende war klar: Journalismus ist die Arbeit, die mich am glücklichsten macht. Es ist nicht nur etwas, das mir liegt – es ist etwas, das ich wirklich will.
Mir war schon immer wichtig, später einen Beruf auszuüben, der mich erfüllt. Nicht einen, bei dem es in erster Linie ums Geld geht, sondern einen, bei dem ich mich auf die Arbeit freue. Genau deshalb habe ich mich für den Journalismus entschieden. Und es war die richtige Entscheidung.
Denn dieser Beruf ist so viel mehr als Schreiben. Er bedeutet, jeden Tag aufs Neue überrascht zu werden. Jede Woche lerne ich Menschen kennen, die ich sonst nie getroffen hätte. Menschen mit Geschichten, die mich berühren oder zum Nachdenken bringen. Ich darf Fragen stellen – so viele, wie ich will. Und meine Neugier, die mich schon immer begleitet hat, ist plötzlich kein Selbstzweck mehr, sondern Teil meines Berufs.
Ein Beruf im Wandel – und voller Möglichkeiten
Der Journalismus hat sich verändert. Es geht längst nicht mehr nur um Texte. Wir denken in Videos, drehen selbst, fotografieren, bereiten Inhalte für die sozialen Medien auf. Das macht den Beruf noch vielseitiger – und fordert uns immer wieder neu heraus.
Langweilig wird es dabei nie. Im Gegenteil: Man ist nah dran an dem, was passiert. Wenn etwas geschieht, sind wir oft unter den Ersten, die davon erfahren, die nachfragen, die einordnen. Vielleicht ist es genau diese Mischung, die den Beruf für mich so besonders macht. Was für mich auch eine große Rolle spielt, ist die Freiheit in meinem Beruf. Ich kann selbst entscheiden, welche Aspekte eines Gesprächs ich in einem Artikel hervorhebe, was ich für besonders wichtig halte, welche Themen ich vorschlage. Natürlich gibt es auch Vorgaben, und nicht jedes Thema suche ich mir selbst aus. Aber ich habe trotzdem die Möglichkeit, Schwerpunkte zu setzen und Dinge so zu erzählen, wie ich sie verstanden habe.
Diese Freiheit ist ein Privileg. Und sie führt direkt zu der Frage, was Pressefreiheit für mich bedeutet. Im Alltag zeigt sie sich oft in kleinen Momenten: darin, dass ich Fragen stellen kann, auch unbequeme. Dass ich Themen aufgreifen darf, bei denen nicht alle Beteiligten gut dastehen. Dass ich entscheiden kann, was berichtenswert ist.
Zwischen Freiheit und Verantwortung
Doch Pressefreiheit bedeutet für mich nicht, einfach alles schreiben und sagen zu können, was ich möchte. Sie kommt mit einer Verantwortung einher – und mit der Notwendigkeit, sich bestimmte Grenzen zu setzen und immer wieder abzuwägen. Dazu gehört auch, bewusst zu entscheiden, was nicht in einem Text steht. Denn wir tragen eine gewisse Verantwortung gegenüber den Menschen, über die wir schreiben.
Vor einiger Zeit habe ich mit dem Vater einer Vermissten gesprochen. Er hatte noch sehr mit dem Verschwinden seiner Tochter zu kämpfen und gab sehr persönliche Details preis. Ich entschied mich bewusst dagegen, diese in den Artikel aufzunehmen – obwohl sie den Text emotionaler und vielleicht sogar ein Stück besser gemacht hätten. Auch solche Entscheidungen gehören für mich zur Verantwortung in diesem Beruf.
Warum Pressefreiheit nicht selbstverständlich ist
Allerdings merke ich, dass Pressefreiheit nicht selbstverständlich ist. Erst vor wenigen Tagen saß ich bei einem Termin einer älteren Frau gegenüber. „Journalisten schreiben ja ohnehin nicht die Wahrheit“, sagte sie. Mit einer solchen Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Ich entgegnete, dass ich nach bestem Wissen und Gewissen berichten würde. Dass es mir wichtig sei, die Wahrheit zu schreiben. Sie schwieg. Sah mich nur an.
Vom Misstrauen gegenüber Journalisten hatte ich natürlich schon gehört. Aber das war das erste Mal, dass ich es selbst erlebte: eine Frau, die mir nicht glaubte, bevor ich auch nur ein Wort geschrieben hatte.
Nicht selten müssen Journalisten mit Gegenwind, sogar mit Einschüchterungen und Gewalt rechnen. Ich habe Kollegen, die aufgrund ihrer Arbeit angefeindet oder bedroht werden. Das sind keine Einzelfälle – und es ist etwas, das mich schon als junge Journalistin nachdenklich macht.
Bisher hatte ich noch nie mit besonders brisanten Fällen zu tun. Aber ich frage mich manchmal: Wie weit bin ich bereit zu gehen, wenn es so weit ist? Die Frage bleibt offen – und sie zeigt, dass Pressefreiheit in der Theorie nicht automatisch bedeutet, dass sie in der Praxis auch immer angstfrei ausgeübt werden kann.
Pressefreiheit muss verteidigt werden
Umso wichtiger ist es, diese Freiheit zu schützen. Denn der Journalismus, den wir in unserem Medienhaus vertreten, bedeutet, dass Menschen den Zugang zu verlässlichen Informationen bekommen. Dass Macht hinterfragt werden kann. Und dass unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden. Ohne freie Presse fehlt die Grundlage für eine funktionierende Demokratie.
Dass ich meinen Beruf in einem Land ausüben kann, in dem diese Freiheit durch einen Artikel im Grundgesetz gesichert wird, ist ein großes Privileg. Doch damit kommt auch Verantwortung. Denn Pressefreiheit ist nichts, was einfach da ist und bleibt. Sie lebt davon, dass wir sie verteidigen.
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Pressefreiheit Der Internationale Tag der Pressefreiheit wird jährlich am 3. Mai gefeiert, um die Bedeutung von freiem Journalismus für die Demokratie zu würdigen. Weltweit stehen seriöse Medien unter Druck – politisch, wirtschaftlich, technologisch. Autokratische Regime unterdrücken die Meinungsfreiheit, in Sozialen Medien werden ungeprüft Falschnachrichten, Hass und Hetze verbreitet. Aber wenn Ideologie wichtiger wird als Fakten, stirbt die Demokratie. Umso wichtiger wird in Zukunft fundierter Journalismus, der von verantwortungsbewussten, gut ausgebildeten, der Wahrheit und der Demokratie verpflichteten Menschen produziert wird – und nicht von Maschinen.
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