Fehlendes Puzzlestück gefunden

Frühester bekannter Vorfahre aller Menschenaffen entdeckt

Ein fossiler Unterkiefer aus dem Nordosten Ägyptens wirft ein neues Licht auf die Herkunft der Menschenaffen – und damit auch auf unsere eigenen Wurzeln, die 17 bis 18 Millionen Jahre zurückgehen. Ist er der letzte gemeinsame Vorfahre der heutigen Primaten?

So könnte Masripithecus moghraensis ausgesehen haben.

© Mauricio Antón

So könnte Masripithecus moghraensis ausgesehen haben.

Von Markus Brauer

Im Nordosten von Ägypten haben Paläontologen einen Ahnen der Menschenaffen entdeckt – und damit auch von uns Menschen. Masripithecus moghraensis lebte vor 17 bis 18 Millionen Jahren und ist vermutlich der jüngste bekannte Vorfahre der Menschenaffen, wie das internationale Forscherteam im Wissenschaftsjournal „Science“ („The dawon of modern apes“) schreibt. Überraschend ist auch der Fundort: Die Art lebte nicht in Ostafrika, sondern im östlichen Nordafrika.

A newly discovered fossil ape from northern Egypt is reshaping the understanding of early hominoid evolution, researchers report in Science. The fossil finding suggests that the closest ancestors to modern apes may have emerged in northern Africa, outside the traditionally… pic.twitter.com/dIgP7EgIpn — Science Magazine (@ScienceMagazine) March 27, 2026

Nordafrika enthält das fehlende Glied

Zu den Menschenaffen im weiteren Sinne (Hominoidea) zählen neben Menschen, Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans auch Gibbons.

„Wenn wir den frühen Stammbaum der Menschenaffen genau betrachten, wird klar, dass etwas fehlt“, sagt Studienleiter Hesham Sallam von der nordägyptischen Mansoura University. „Und Nordafrika enthält dieses fehlende Glied.“

Neue Art ähnelt heutigen Menschenaffen besonders stark

Entdeckt wurden am Fundort Wadi Moghra in der Qattara-Senke ein Unterkiefer sowie einige Zähne, die vermutlich von einem einzelnen Individuum stammen.

  • Zur Info: Die Qattara-Senke ist eine Senke bis zu 133 Meter unter Meereshöhe der Libyschen Wüste in Ägypten und in dessen nordwestlichem Gouvernement Matruh gelegen. Ihre Fläche ist mit etwa 18.000 Quadratkilometern so groß wie Sachsen.

Das Gewicht des Individuums, bei dem es sich wohl um ein männliches Tier handelt, schätzt das Team auf etwa 21 bis 28 Kilogramm.

Fünfjährige Suche nach dem Fossil

„Wir haben fünf Jahre lang nach dieser Art von Fossil gesucht, denn wenn wir uns den Stammbaum der frühen Affen genauer ansehen, wird deutlich, dass etwas fehlt – und Nordafrika birgt dieses fehlende Puzzleteil“, berichtet Sallam.

Bisher stammten solche Funde von frühen Menschenaffen vor allem aus Ostafrika – insbesondere aus Kenia und Uganda. Die nun entdeckte Art ähnelt den heutigen Menschenaffen besonders stark.

Der letzte gemeinsame Ahne von Gibbons (Hylobatidae) und den Menschenaffen im engeren Sinne (Hominidae) lebte vor spätestens 16 Millionen Jahren, wie David Alba und Júlia Arias-Martorell von der Universität Barcelona in einem „Science“-Kommentar schreiben. Etwa um diese Zeit könnten sich auch die ersten Vertreter dieser Gruppe nach Eurasien ausgebreitet haben.

18 million-year-old fossils of ape found in Africa, but in an unexpected place https://t.co/vpEDjSDdd1 — Chris Stringer (@ChrisStringer65) March 26, 2026

Bisherige Suche in der falschen Region

Die Studie deute darauf hin, dass man bisher möglicherweise in der falschen Region nach den frühen Vertretern der Menschenaffen gesucht habe, schreiben Alba und Arias-Martorell weiter.

Das betont auch Co-Autor Erik Seiffert von der University of Southern California in Los Angeles: „Während meiner gesamten beruflichen Laufbahn hielt ich es für wahrscheinlich, dass der gemeinsame Vorfahre aller heute lebenden Affen in oder um Ostafrika lebte. Doch diese neue Entdeckung und unsere neuen Analysen der Hominiden-Phylogenie und -Biogeographie stellen diese Annahme nun entschieden in Frage.“

Nördliches Afrika rückt in den Fokus

Bislang hatte man in nordafrikanischen Fundstätten aus dem frühen Miozän (ca. 23 bis 16 Millionen Jahre) zwar Affen, aber keine Menschenaffen entdeckt . Diese Lücke prägte die Ansicht, dass frühe Menschenaffen und ihre nahen Verwandten in dieser Zeit auf südlichere Teile Afrikas beschränkt waren.

Jüngere Fossilien von Menschenaffen wurden zwar in ganz Afrika, Asien und Europa gefunden, doch ihre Verwandtschaftsverhältnisse und das erste Auftreten der Gruppe sind weiterhin Gegenstand von Diskussionen.

Masripithecus zeigt, dass Affen im frühen Miozän in Nordafrika lebten und dass sich die Art von gleichaltrigen ostafrikanischen Affen unterschied, was darauf hindeutet, dass im Fossilien-Bestand ein Teil der Aufzeichnungen darüber fehlte, wo sich die frühesten Zweige der Affenfamilie diversifizierten.

Masripithecus setzt sich aus Masr, dem arabischen Wort für Ägypten, und dem griechischen Wort für Affe zusammen. Der Artname moghraensis bezieht sich auf Wadi Moghra, wo die Überreste 2023 und 2024 geborgen wurden.

Lücke im Stammbaum der Affen wird geschlossen

Das Fossil besteht aus einem Unterkiefer, der eine Kombination von Merkmalen aufweist, die bei keinem anderen bekannten Affen aus dieser Zeit zu finden ist. Der Kiefer ist robust, mit großen Eck- und Prämolaren sowie abgerundeten, strukturierten Molaren.

Dies deutet darauf hin, dass Masripithecus eine flexible, hauptsächlich auf Früchten basierende Ernährung hatte und bei Bedarf auch härtere Nahrungsmittel wie Nüsse und Samen verarbeiten konnte.

Diese Flexibilität wäre in einer Region, die zunehmend von Jahreszeiten geprägt war und in der Klimaveränderungen in Nordafrika und Arabien die Nahrungsmittelversorgung unberechenbarer machten, von Vorteil gewesen.

Wie sich Affen über Afrika hinaus ausbreiteten

Um Masripithecus in den Stammbaum der Menschenaffen einzuordnen, kombinierten Forscher anatomische Befunde lebender und ausgestorbener Affen, DNA lebender Affen und das geologische Alter fossiler Arten. Ihre Analyse ergab, dass Masripithecus enger mit lebenden Affen verwandt ist als jede bisher bekannte Art aus dem frühen Miozän Ostafrikas.

Biogeografische Analysen deuten darauf hin, dass Nordafrika und der Nahe Osten im frühen Miozän die wahrscheinlichste Heimat des gemeinsamen Vorfahren aller heute lebenden Menschenaffen waren.

  • Zur Info: Die Biogeographie (Biogeografie) ist eine Forschungsrichtung der Biologie und zugleich der Geographie. Sie kombiniert Aspekte beider Wissenschaften und nimmt eine Mittlerstellung zwischen Bioökologie und Geoökologie ein. Sie befasst sich mit der heutigen Verbreitung, der erdgeschichtlichen Entwicklung und den Umweltbeziehungen von Tieren und Pflanzen.

Region fungierte als Korridor für Ausbreitung von Tieren

Damals bewegten sich die afrikanische und die arabische Platte in ihrer letzten Kollisionsphase mit Asien nach Norden, während schwankende Meeresspiegel die Meeresbarrieren verringerten und periodisch Wege nach Eurasien öffneten.

In diesem Kontext fungierte die Region als Korridor für die Ausbreitung von Tieren. Masripithecus stellt ein Bindeglied zwischen den zuvor getrennten afrikanischen und eurasischen Fossilienfunden dar. Dies sehen die Forscher als ein Beleg dafür an, dass sich die Menschenaffen in dieser Region bereits diversifizierten, bevor sie sich mit der Entstehung von Landverbindungen nach Europa und Asien ausbreiteten. (mit dpa-Agenturmaterial)

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Erstellt:
28. März 2026, 17:44 Uhr

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