Für Biggi-Konzerte gibt es den Omi-Thron

Anna Erlenbusch feiert heute ihren 101. Geburtstag. Nach dem Krieg und der Flucht führte sie ihr Weg von Murrhardt nach Backnang-Steinbach, wo sie über 70 Jahre gelebt hat. Die Liebe zur Musik setzt sich in ihrer Familie fort. Bei Auftritten ihrer Enkelin Biggi Binder war sie lange Ehrengast.

Annemarie Schmidinger (links) und Helga Grün (rechts) mit ihrer Mutter Anna Erlenbusch im Café des Erich-Schumm-Stifts. Da die beiden Töchter in der Nähe leben, können sie regelmäßig vorbeischauen. Besonders freuen sie sich, dass das auch die Enkel tun. Foto: Stefan Bossow

Annemarie Schmidinger (links) und Helga Grün (rechts) mit ihrer Mutter Anna Erlenbusch im Café des Erich-Schumm-Stifts. Da die beiden Töchter in der Nähe leben, können sie regelmäßig vorbeischauen. Besonders freuen sie sich, dass das auch die Enkel tun. Foto: Stefan Bossow

Von Christine Schick

Murrhardt. Ruhrbesetzung, Hyperinflation, Hitler-Putsch – das Jahr 1923, in das Anna Erlenbusch – damals noch Baumgartner – hineingeboren wurde, war von vielen Krisen geprägt. Sie erblickte am 9. Juli das Licht der Welt in Oderberg, das heute in Tschechien liegt und wo sie mit ihrem Bruder Josef und ihrer Schwester Hermine aufwuchs, wie ihre beiden Töchter Helga Grün und Annemarie Schmidinger gemeinsam mit ihr zusammentragen. Der Vater Bahnarbeiter, die Mutter Hausfrau, so lebte die Familie in der Nähe des Bahnhofs. Anna Erlenbusch machte nach der Schule eine kaufmännische Ausbildung und war in der Buchhaltung tätig, doch der Zweite Weltkrieg brach immer mehr ins Leben ein. Die schweren Luftangriffe haben sich in die Erinnerung eingegraben. Als sie in einem Gebäude neben dem Krankenhaus im Dienst war, gab es nur noch die Möglichkeit, unter dem Schreibtisch Schutz zu suchen. Der größte Einschnitt folgte zwei Jahre nach Kriegsende, als die junge Frau mit ihrer Schwester, den Eltern und ihrer Großmutter von heute auf morgen fliehen musste.

Ohne zu wissen, wo sie hinsollten, begann eine lange Reise, meist zu Fuß, ab und zu unterbrochen durch eine Etappe mit dem Zug. Schließlich landeten sie in Murrhardt, wo sie zunächst auch bleiben konnten. Anna Erlenbusch arbeitete während dieser Zeit beim Leuchtenhersteller Witte+Sutor. Die Eltern konnten in Grab neu anfangen, hatten die Möglichkeit, dort in der Forstwirtschaft tätig zu sein, und fanden mit der Großmutter eine Bleibe. Anna Erlenbusch kam später im Marienheim in Backnang, einem Frauenwohnheim, unter. Sie fand eine Anstellung als Buchhalterin in Sulzbach an der Murr und lernte in Backnang einen jungen Mann – Wilhelm Erlenbusch – kennen, der ganz in der Nähe des Marienheims arbeitete. Schließlich wurde die Verbindung auch offiziell besiegelt – die beiden gaben sich 1949 das Jawort. Damit verband sich für Anna Erlenbusch nun das Leben mit und in einer alteingesessenen Steinbacher Familie. Das Paar zog ins Elternhaus, eine Doppelhaushälfte in der Straße Pflaster, ein und bekam drei Töchter – Annemarie 1951, Christa 1955 und Helga 1957. Wilhelm Erlenbusch war Elektriker und arbeitete viele Jahre als Dreher bei Kälble in Backnang. Auch Anna Erlenbusch stieg später wieder bei der Backnanger Firma Layher und Sohn ein. „Als sie aufgehört hat, habe ich dort übernommen“, erzählt Helga Grün mit einem Schmunzeln. Sie und ihre Schwester beschreiben ihre Kindheit in Steinbach als idyllisch. Sie haben mit vielen anderen Kindern und Jugendlichen auf der Straße gespielt, den Großeltern im Haus geholfen und, um Oma und Opa in Grab-Schönbronn zu besuchen, eine echte Reise – mit Zug, Bus und weiterem Fußweg – auf sich genommen, nach der es raus in die Natur zum Pilzesammeln ging.

Wenn dann neben Arbeit und Alltagsverpflichtungen Zeit war, mussten Anna Erlenbusch und ihr Mann nicht lange überlegen, was sie unternehmen wollten. Beide sangen leidenschaftlich gern und waren im Liederkranz Backnang-Steinbach engagiert. „Da haben wir lange gesungen. Das war unsere Unterhaltung“, sagt Anna Erlenbusch. „Sie war auch viele Jahre im Frauenkreis der evangelischen Kirche aktiv“, ergänzt Helga Grün. Die Familie wuchs, die Kinder wurden groß und selber Eltern. Mittlerweile hat Anna Erlenbusch acht Enkel und 15 Urenkel. Ihren Mann Wilhelm musste sie, gemessen an ihrem Alter, früh gehen lassen, er starb tragischerweise an ihrem 70. Geburtstag. Den Lebensmut hat ihr dieser weitere harte Einschnitt nicht genommen. „Ich bin sehr gerne gereist“, sagt sie. Noch mit 99 Jahren hat sie ihren Enkel Ingo in Valencia besucht. Weitere Reisen führten sie nach Israel und Südtirol.

Die Musik hat sich in der Familie ebenso weitergetragen und davon hat Anna Erlenbusch auch später durchaus profitiert. Dazu muss man wissen, dass ihre Enkelin, die Musikerin Biggi Binder, sich nicht nur besonders gefreut hat, wenn sie zu ihren Konzerten und Auftritten kam, sondern ihr dann auch einen gebührenden Platz reserviert hat. „Sie saß ganz vorne in einem großen Queen-Mary-Sessel und auf dem stand auf einem Stoffband oder Zettel ,Omile‘“, erzählt Annemarie Schmidinger. Die damit ausgewiesene Prominenz brachte es mit sich, dass ihr Gäste in der Pause auch schon mal anboten, ihr etwas zu essen oder zu trinken mitzubringen.

Lange Zeit konnte Anna Erlenbusch noch selbstständig zu Hause leben. Eine Zeit, in der sie auch ihrer Tierliebe noch etwas mehr Rechnung tragen konnte. Ihre Töchter erzählen von Kater Gipsy, aber auch von diversen Versorgungsaufträgen bei den Nachbarn, beispielsweise für einen Vierbeiner oder für Leguane.

Seit dem Frühjahr 2023 war Anna Erlenbusch zunächst in der Tagespflege der Erich-Schumm-Stiftung zu Gast, mittlerweile braucht sie aber kontinuierlich Unterstützung und lebt nun in dem Murrhardter Pflegeheim. „Es ist toll, dass sie so viele Enkel besuchen“, sagt Annemarie Schmidinger. Idealerweise kommen die, wie Jana, Tochter von Biggi Binder, auch noch mit einem zugewandten Streichelpaket – ihrer Hündin Greta – vorbei. Heute wird aber erst mal ausgiebig Geburtstag gefeiert gemeinsam mit den drei Töchtern und ihren Männern sowie Enkelin Biggi Binder.

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Erstellt:
9. Juli 2024, 06:00 Uhr

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