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Gerade das Baugerüst macht die Stadtkirche spannend

Der Künstler Matthias Beckmann hat Murrhardt mit dem Zeichenstift erkundet. Sein Blick auf Szenerien in der Stadt kontrastiert er mit scheinbar Nebensächlichem.

Matthias Beckmann interessiert sich auch für alltägliche Details, die Kontrapunkte zu prägenden Strukturen setzen wie beispielsweise eine Stadtkirche, die eingerüstet ist. Foto: E. Klaper

Matthias Beckmann interessiert sich auch für alltägliche Details, die Kontrapunkte zu prägenden Strukturen setzen wie beispielsweise eine Stadtkirche, die eingerüstet ist. Foto: E. Klaper

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. Die skizzenartigen und gleichsam detailreichen Zeichnungen des Künstlers Matthias Beckmann wirken auf den ersten Blick wie Radierungen, die ein wenig an Arbeiten von Reinhold Nägele erinnern. Anfang Juni war er für zehn Tage in der Walterichstadt mit Zeichenblock und Druckbleistift unterwegs. Dabei schuf er 49 Innen- und Außenansichten verschiedener Sehenswürdigkeiten, aber auch alltäglicher Situationen. Die Originale dieser Zeichnungen präsentierte er bei der Vernissage zu seiner Ausstellung in verschiedenen Formaten im Rahmen der Reihe „Ein Fenster inmitten der Welt“.

Als „dokumentarisches Zeichnen“ bezeichnet Matthias Beckmann seinen speziellen Stil, den er 2001 nach einem Aufenthalt in Paris entwickelt hat. „Ich zeichne mit Druckbleistift“, sagt er. Der Minenschreiber hat den Vorteil, dass das Anspitzen wegfällt. „In meinen Zeichnungen geht es um die Linie. Das charakteristisch schnelle Erfassen eines Motivs geht am besten nur mit Linien. Dadurch gibt es in meinen Zeichnungen weder Licht noch Schatten, auch ist alles flächig, wodurch eine gewisse Abstraktion entsteht.“

Diese Art zu zeichnen „ist sehr praktisch, wenn ich auf Straßen oder Plätzen in einer Stadt, in Gebäuden oder auch Museen unterwegs bin. Mir geht es darum, Alltagssituationen zu beobachten und zu zeichnen, mit und ohne Personen, flüchtige Augenblicke oder irgendetwas Interessantes festzuhalten.“ Beckmann arbeitet vor allem an Serien über ein bestimmtes Thema oder einen Ort, den er über einen längeren Zeitraum besucht. „Dabei gehe ich auf Entdeckungsreise, zeichne direkt vor Ort alles, was mich interessiert und so wie ich sehe.“

In der Walterichstadt hat er einige bekannte Motive aus unterschiedlichen, ungewohnten Perspektiven gezeichnet, wobei er auch Elemente mit aufs Blatt brachte, die nebensächlich oder gar störend erscheinen. So zum Beispiel die Stadtkirche, die gerade saniert wird und deshalb von einem Baugerüst umhüllt ist: „Ein total interessantes Motiv“, findet Matthias Beckmann. Die Tradition Murrhardts als „Stadt der Maler“ ist ihm durchaus bewusst. Insofern enthält seine Serie auch Hommagen an Heinrich von Zügel, wie eine Zeichnung von dessen großformatigem Ölgemälde „Schwere Arbeit“ in der Städtischen Kunstsammlung. Ebenso an Reinhold Nägele, wie der Blick auf dessen Grab mit Kunstschmiedetafel und der eingerüsteten Stadtkirche als Hintergrund. Nägele sei „ein sehr interessanter Künstler, seine Bilder sind eine Mischung aus detailverliebten und naturalistischen, symbolischen und karikaturistischen, witzigen und skurrilen Elementen“.

Bevor er nach Murrhardt kam, habe er sich „im Internet über die Stadt, ihre Geschichte, Natur und Sehenswürdigkeiten informiert“, erzählt der Künstler. „Wichtige Stationen für mich waren die Innenstadt mit ihren vielen historischen Gebäuden, dem Marktplatz und Marktbrunnen, die sich als sehr ergiebig fürs Zeichnen erwiesen. Ebenso das Carl-Schweizer-Museum, die Walterichskirche und -kapelle sowie die Städtische Kunstsammlung.“ Aber auch die Rümelinsmühle, in der Beckmann die Mehlsäcke und Walzenstühle dokumentierte.

Der Künstler zeigt sich fasziniert von der idyllisch in den Schwäbischen Wald eingebetteten Walterichstadt. „Hier herrscht Urlaubsatmosphäre, alles ist so entspannt und ruhig, und es gibt eine Fülle von spannenden historischen Gebäuden und Bezügen.“ So schuf Matthias Beckmann einige Zeichnungen von klassischen Murrhardter Motiven mit starkem Wiedererkennungswert. So zum Beispiel die Walterichskirche, vom Feuersee aus gesehen, oder das Apsisfenster der Walterichskapelle mit dem prächtigen Ornamentband. Besonders gut gefallen habe ihm auch das Carl-Schweizer-Museum. „Dort herrscht eine besondere Atmosphäre, die Ausstellungsräume sind voller Originalobjekte. Man merkt an der Art der Präsentation der Exponate, dass es ein privates Museum ist, da wird man nicht didaktisch bearbeitet.“ Der Künstler zeichnete einen Blick in die naturkundliche Abteilung, aber auch das wiederaufgebaute Portal der Walterichskapelle, vor dem ein Stuhl steht, in der Abteilung für mittelalterliche Stadt- und Klostergeschichte.

Reizvoll fand Beckmann auch Dackel-Präparate auf der Treppe im Foyer des Museums. Durch die Art der linearen Zeichnung entsteht dabei ein spannender Effekt: „Auf meinen Zeichnungen sehen reale Lebewesen durch den Linienzwang genau gleich aus wie Kunstwerke oder Präparate“. Hinzu kommen etliche Zeichnungen von bisher unbekannten und von ihm neu entdeckten Motiven. Und für das Atelier-Kunstfenster im Heinrich-von-Zügel-Haus auf dem Wolkenhof hat Matthias Beckmann ein Bild mit Kreide direkt aufs Glas gezeichnet. Es verbindet einige besonders attraktive Motive seiner Zeichnungen zu einer spielerischen Komposition.

Eine Diashow präsentierte während der Vernissage Beckmanns Murrhardter Zeichnungen auf einem Monitor. Was die Idee zur Ausstellung anbelangt, so haben sich die beiden – Beckmann und die Gastgeber Copa und Sordes, Birgit Krueger und Eric Schmutz, einfach gefunden. Seit etlichen Jahren laden die beiden zeitgenössische Künstler ein, um ihre Werke im Atelier und Kunstfenster des Heinrich-von-Zügel-Hauses auf dem Wolkenhof zu präsentieren. „Wir kennen Matthias Beckmann schon seit 20 Jahren“, sagt Birgit Krueger. Als Chronist von Orten passe seine Art zu zeichnen sehr gut zu Murrhardt. Die Ausstellung im Kunstfenster ist jederzeit zugänglich und bis zum 9. September zu sehen.

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Erstellt:
8. Juli 2020, 06:00 Uhr

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