Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Häsabstauben mal ganz anders

Für die Narren hat dieser Tage die fünfte Jahreszeit begonnen. Um trotz der schwierigen Umstände die Tradition ein wenig am Zipfel zu packen, sind die Murreder Henderwäldler coronakonform mit einer neuen alten Form des Kostüm-Tüvs am Start.

Kim Steiert bei der Arbeit. Die Häsmeisterin begutachtet, wie es um das Kostüm des Wasserfratzes bestellt ist. Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Kim Steiert bei der Arbeit. Die Häsmeisterin begutachtet, wie es um das Kostüm des Wasserfratzes bestellt ist. Fotos: A. Becher

Von Christine Schick

Murrhardt. Kim Steiert, ihres Zeichens Häsmeisterin, ist mit einem Abstaubwedel oder Federwisch, gut erkennbar an den langen Straußenfedern, ausgestattet, als sie mit Zunftmeister Matthias Schlichenmaier und Jugend-Zunfträtin Julia Kugler zu ihrem zweiten Termin in Murrhardt-Alm kommt. Im Hof ist schon zu sehen, dass hier jemand die Fasnet pflegt und eingeläutet hat – an einer Wäscheleine hängen Socken, Hemden und weitere bunte Textilien. Verabredet sind die drei mit einem 34-jährigen Vorstandsmitglied, das sein Häs abnehmen lassen will. Er begrüßt die Runde als Wasserfratz und hat seine Maske aufgezogen (der Name ist nicht genannt, um das Narrengeheimnis zu wahren). Kim Steierts Augen wandern über die fischschuppenförmigen Filzblätzle. „Die sollten gebügelt sein und dürfen keine Flecken haben“, sagt sie. Außerdem achtet sie darauf, dass kein Blätzle fehlt, anderenfalls müsste für Ersatz gesorgt werden. Die Maske sieht gut aus, über die sie mit dem Federwisch fährt. Zu einem kompletten Kostüm gehören aber auch noch schwarze Handschuhe, ein geschlossener Häskragen, schwarze Schuhe und ein gut sichtbares Stoffwappen, das seitlich am Arm angenäht ist. Der Wasserfratz muss sich drehen, damit die Häsmeisterin eine Rundumansicht bekommt. Sie ist zufrieden und der Murrhardter erhält seinen Laufbändel für die aktuelle Saison.

In den nächsten Tagen stehen noch einige Termine auf der Liste – bis zum Sonntag hat Kim Steiert rund 50 Häs zu inspizieren und abzunehmen. Somit haben sich um die 50 Prozent der aktiven Mitglieder gemeldet, um bei der neuen Form des Kostüm-Tüvs dabei zu sein. Dass die kleine Abordnung der Murreder Henderwäldler nun von Haus zu Haus geht, hat einen traditionellen Aspekt und ist gleichsam den Rahmenbedingungen der aktuellen Coronasituation geschuldet. „Die Idee, beim Häsabstauben an den Brauch der Rottweiler anzuknüpfen, hatten wir schon im vergangenen Jahr“, erzählt Matthias Schlichenmaier. Die Rottweiler Zünfte, die die Schwäbisch-Alemannische Fasnet pflegen, begutachten die Kostüme nicht erst seit Pandemiezeiten bei ihren Mitgliedern vor Ort. Im vergangenen Jahr war aber selbst das nicht möglich. Die Murreder Henderwäldler haben sich in der Zeit des Lockdowns und der sich erst allmählich abzeichnenden Perspektive auf eine Impfung auf virtuelle Veranstaltungen konzentriert.

Fürs Team gilt die 2-G-plus-Regel, der Verein hat ausgebildete Tester

Jetzt möchten sie sich ihre Fasnet nicht ganz nehmen lassen, sind sich aber der sensiblen Lage bewusst und haben entsprechende Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Für das Abnahmeteam gilt die 2-G-plus-Regel. „Das heißt, wir haben zusätzlich alle noch einen tagesaktuellen Test gemacht“, sagt Matthias Schlichenmaier. Da die Murrhardter Narrenzunft auch über Mitstreiter verfügt, die eine Testausbildung haben, funktioniert das unkompliziert. Abgeklärt ist auch der Impfstatus der Mitglieder, die sich angemeldet haben und besucht werden. Das coronakonforme Häsabstauben findet wenn möglich draußen, in Hof oder Garten, statt, manchmal auch in den Räumen, und das Team hat Maske und Desinfektionsmittel zur Hand.

Warum haben sich trotzdem nur rund die Hälfte zum Häs-Tüv angemeldet? Der gerade selbst Begutachtete geht davon aus, dass das vor allem an den nicht ganz rosigen Aussichten auf mögliche Fasnetsveranstaltungen und der Frage liegt, ob das Häs überhaupt zum Einsatz kommt. Die Murreder Henderwäldler haben ihren Nachtumzug bereits im Dezember abgesagt, und nun, da Omikron auf dem Vormarsch ist, wissen auch sie nicht, was überhaupt möglich sein wird. „Die Fasnet ist dieses Jahr relativ spät, und wir hoffen, dass wir vielleicht Ende Februar bis Anfang März noch kleine, überschaubare Aktionen machen können“, meint der Zunftmeister. Und dazu braucht es besagten Tüv. Nur wer das Häsabstauben durchlaufen hat, kann auch in Aktion treten. „Aber man sieht sich eben auch“, sagt Matthias Schlichenmaier. Insofern ist der Kostümcheck neben der Qualitätskontrolle – die Häs von Gruppen- und Einzelfiguren sollen einfach fesch und gut gepflegt daherkommen – auch ein Stück weit Mitgliederpflege. Nach dem Landesnarrentreffen, das zu Beginn des Jahres 2020 in Murrhardt noch vor Corona stattfinden konnte, hingen die Häs so gut wie alle unangetastet im Schrank. „Auch ich hatte es jetzt das erste Mal seit der Pandemie wieder an“, sagt der abgenommene Wasserfratz. Apropos Landesnarrentreffen: Zum damaligen Auftakt haben die Murreder Henderwäldler eine Narrensuppe serviert. Eine schöne Geste, die sie künftig beibehalten wollten, berichtet der Zunftmeister. Auch jetzt schon. Das Team kann mit Gulaschsuppe – in mittelgroßen Weckgläsern – punkten, die im Anschluss zum abgestaubten Mitglied wandern kann. Danach macht sich das Team zu den nächsten Terminen auf. Viele sind in Murrhardt und den verschiedenen Teilorten, aber es geht auch nach Spiegelberg oder Welzheim.

„Natürlich wären wir lieber in der Festhalle mit allen Mitgliedern, da findet ja normalerweise auch ein Rahmenprogramm statt“, sagt Matthias Schlichenmaier. Das reale Miteinander ist nicht zu ersetzen. Trotzdem hat die Murrhardter Narrenzunft schon 2021 einiges auf die Beine gestellt wie einen virtuellen Rathaussturm und Narrenball bis hin zu Verpflegungspaketen für die Mitglieder, die bereits mit zwei Suppenvariationen ausgestattet waren. Verloren haben die Murreder Henderwäldler vor dem Hintergrund der nicht ganz einfachen Bedingungen der Pandemie zumindest keine Mitglieder. Es gab sogar kürzlich eine Anfrage von jemand, der sich erkundigt hat, wie man denn Wasserfratz werden kann. „Erstaunlich, weil wir ja wegen Corona überhaupt nicht präsent sein konnten“, stellt der Wasserfratz in der Runde fest. Matthias Schlichenmaier erklärt sich das vor allem mit der familiären Struktur des Vereins.

Geschafft: Das Häs wurde für fesch und tauglich befunden, also gibt’s auch den Laufbändel für die aktuelle Saison. Ob der zum Einsatz kommt, wird sich zeigen.

© Alexander Becher

Geschafft: Das Häs wurde für fesch und tauglich befunden, also gibt’s auch den Laufbändel für die aktuelle Saison. Ob der zum Einsatz kommt, wird sich zeigen.

Kleinerer Rahmen

Beginn Die Narren der Schwäbisch-Alemannischen Fastnacht starten traditionell am Dreikönigstag in die fünfte Jahreszeit. Vor dem Hintergrund der Pandemie finden allerdings viele Veranstaltungen gar nicht oder nur in kleinerem Rahmen statt. Die Murreder Henderwäldler haben ihren Nachtumzug bereits abgesagt. Auch andere Zünfte verfahren wie die Henderwäldler und sind beim Häsabstauben nach Anmeldung von Haus zu Haus und unter Einhaltung der Coronaregeln unterwegs.

Infos Wer mehr über die Murreder Henderwäldler erfahren möchte, findet auf der Homepage www.narrenzunft-murrhardt.de einen guten Überblick über Geschichte und Figuren inklusive zahlreicher Bilder.

Zum Artikel

Erstellt:
8. Januar 2022, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!

Murrhardt und Umgebung

CO2-Neutralität: Etappen und Zielmarken

Beim Unternehmerforum Oberes Murrtal berichten zwei Vertreter, die schon lange mit dem Thema befasst sind: Rainer Braulik von den Murrhardter Stadtwerken aus Sicht eines Energielieferanten und Andreas Winkle, der in seiner Firma früh auf Einsparung und Eigenproduktion gesetzt hat.

Murrhardt und Umgebung

Vom Projektendspurt zur Neubewerbung

Die Leader-Region Schwäbischer Wald hat während einer Übergangszeit weiter Projekte gefördert. Nun sind Johannes Ernst und Andrea Bofinger von der Geschäftsstelle dabei, einen letzten Sprint hinzulegen und die Bewerbung für die nächste Förderperiode vorzubereiten.

Murrhardt und Umgebung

Eine Chance, über die keiner redet

Dieter Schäfer, der sich lange Zeit für eine grüne Energieproduktion aus Bürgerhand in Murrhardt engagiert hat, sieht in der neuen EU-Richtlinie „Renewable Energy Directive“ (RED II) eine entscheidende Weichenstellung. Nach seiner Einschätzung ist sie aber in Deutschland gar kein Thema.