Hier steht Streitkultur auf dem Stundenplan

Am Heinrich-von-Zügel-Gymnasium Murrhardt können Neunt- und Zehntklässler sich als Streitschlichterinnen und -schlichter engagieren. Das nötige Rüstzeug erhalten sie in drei Seminaren, bei denen es um Konflikte, aber auch um Wahrnehmung, Sprache und Perspektive geht.

In Gruppen und mit Unterstützung von Theresa Bilharz (hinten) erarbeiten sich die Jugendlichen die verschiedenen Themen, die bei der Streitschlichtung wichtig sind. Foto: Stefan Bossow

© Stefan Bossow

In Gruppen und mit Unterstützung von Theresa Bilharz (hinten) erarbeiten sich die Jugendlichen die verschiedenen Themen, die bei der Streitschlichtung wichtig sind. Foto: Stefan Bossow

Von Christine Schick

Murrhardt. Die Neuntklässler finden sich zu viert oder fünft an den zusammengestellten Tischen ein: Heute steht Gruppenarbeit auf dem Programm. Die rund 20 Jugendlichen haben sich dafür entschieden, eine Streitschlichterausbildung am Heinrich-von-Zügel-Gymnasium zu machen, um im Anschluss Jüngere – Fünft- und später auch Sechstklässler – bei Konflikten zu begleiten. Sie haben sich gemeinsam mit ihrer Lehrerin Theresa Bilharz bereits mit verschiedenen Konflikttypen, ihren Ursachen und den damit verbundenen Emotionen befasst. Zudem konnten sie in einem Test ihr eigenes Konfliktlösungsverhalten beleuchten. Beim zweiten Seminar geht es nun um weitere Grundlagen – die verschiedenen Kommunikationsebenen und Sichtweisen.

Um sich aufzuwärmen, bekommt jede und jeder einen Umschlag mit kleineren und größeren Puzzleteilen, die zu einer geometrischen Figur zusammengesetzt werden sollen. Die passenden Teile finden sich allerdings auch bei den Gruppenteilnehmerinnen und -teilnehmern am Tisch. Ohne Worte müssen sie dem anderen signalisieren, was sie brauchen oder als Figur ausgemacht haben. Mal wird gestenreich beschrieben und geometrisch in die Luft gezeichnet, mal ist der Zeigefinger in Aktion. „Was war leicht, was schwierig?“, fragt Theresa Bilharz. In manchen Gruppen hat das Miteinander gut funktioniert und die Teile haben sich schnell gefunden. Aber es ist auch die Frage aufgetaucht, „wie es sich helfen lässt, ohne gleich die Lösung vorzugeben“. Damit der andere zu seiner eigenen Figur kommen kann, braucht es Zurückhaltung und Geduld. Das lässt sich auch auf eine Streitschlichtersituation übertragen.

Henry stellt fest, dass es nicht gut wäre, den Schülern, die einen Konflikt haben, etwas vorzugeben, was sie nicht wollen, und Minerva ergänzt: „Sie sollen ja selbstständig bleiben.“ Lea fasst später zusammen, dass die Streitschlichter deshalb nicht überflüssig sind, sondern die Schüler zur selbstständigen Konfliktlösung befähigen und dabei unterstützen.

In diesem Prozess kommt der Sprache eine zentrale Rolle zu. „Sie kann beleidigend sein, aber auch der Konfliktlösung dienen“, erläutert Theresa Bilharz. Ziemlich gut lässt sich das anhand der sogenannten Ich- und Du-Botschaften zeigen. Die Gruppen bekommen jeweils verschiedene Formulierungen und sollen überlegen, wie sie wirken. Auf dem Arbeitsblatt finden sich beispielsweise „Du irrst dich“, „Du hast immer die unmöglichsten Ideen“, „Du bist ein Spielverderber“ oder „Pass doch auf, wo du hintrittst“ genauso wie „Ich möchte nicht, dass du mich herumkommandierst“, „Es ärgert mich, wenn du mich nicht ausreden lässt“, „Ich bin anderer Meinung“ oder „Ich bin enttäuscht, dass du nicht zu meiner Party kommst“.

Für die Du-Formulierungen ist die Aufgabe, eine bessere Variante zu finden. „Du irrst dich“ wird zu „Ich denke, du irrst dich“, aber bei „Du hast immer die unmöglichsten Ideen“ wird die Sache schon kniffliger. Eine Gruppe diskutiert, wie sich die starke Wertung abschwächen oder ganz vermeiden lässt: „Deine Ideen sind nicht immer geeignet“ oder „Überleg noch mal“. Ein wichtiger Kniff ist, in die Ich-Formulierung zu switchen. Bei der Besprechung wird zusammengetragen: Die Du-Aussagen wirken vorwurfsvoll und provokativ, haben oft keine Begründung, die Ich-Sätze erklären, wie sich die Person fühlt und im Idealfall, wie man es besser machen könnte; der entscheidende Unterschied liegt darin, dass die Du-Formulierungen die Person, die Ich-Botschaften das Verhalten kritisieren.

Nächster Baustein ist eine Aufgabe, bei der zwei Jugendliche jeweils eine Zeichnung anfertigen und zwar nach der Beschreibung des anderen, der die Bildvorlage dazu erhalten hat. Später wird klar: Beide Motive sind ähnlich, es handelt sich um ein sogenanntes Kippbild. Ist auf dem einen ein großer Vogel zu sehen, der einen kleinen Menschen im Schnabel hat, zeigt das andere – dreht man es um 180 Grad – eine Insel mit zwei Bäumen, einen Wal und einen Mann im Boot.

Und was hat das mit Streitschlichtung zu tun? Das Problem beziehungsweise der Inhalt des Konflikts könnte ähnlich sein, die Perspektiven der beiden Parteien aber unterschiedlich, keiner hat einfach Recht oder eine falsche Sichtweise, so das Ergebnis der Beiträge.

Das bei einem Schlichtungsgespräch auch umsetzen zu können bedeutet, erst mal gut und aktiv zuzuhören. Die Neuntklässler erarbeiten im nächsten Schritt, dass dazu gehört, aufmerksam zu sein, Augenkontakt zu halten, genauer nachzufragen, sich die Inhalte zu merken und auch mal zusammenzufassen sowie umgekehrt, was nicht so ratsam ist. Dann wird anhand von Konfliktbeispielen geübt: Der eine erzählt von einem Streit, der andere hört zu und hakt nach. Das funktioniert teils so gut, dass die vorgegebenen Situationen lebendig und weiter ausgebaut werden.

All das machen die Jugendlichen freiwillig, teils müssen sie Unterricht, der während der Seminare stattfindet, beziehungsweise den Stoff nachholen. Dabei werden sie in der Streitschlichtung, aber auch als Patenschülerinnen und -schüler für die Fünfer und Sechser aktiv, was vielen wichtig ist. „Ich möchte für sie da sein“, sagt Ronja, als die Frage auf die Motivation kommt. „Ich hab mich an meine Zeit in der fünften Klasse erinnert.“ Die damaligen Patenschüler haben Zeit mit der Klasse verbracht und als es Streit gab, gut vermitteln können. Minerva haben die Aktivitäten und Angebote für die Youngsters wie Einschulungstreffen, Ausflug, Adventsbasteln und Filmnachmittag viel Freude gemacht. „Ich war anfangs skeptisch, dachte aber, die Ausbildung könnte auch für mich eine gute Erfahrung sein“, erzählt Anastasia und dass sie daran gedacht habe, dass es für die Fünftklässler, die ganz neu an die Schule kommen, schwer sein könne: „Sie haben vielleicht noch keine Freunde.“ Marie sagt zur Streitschlichtung und zu dem Gewinn: „Wenn man bei der Schlichtung in den Konflikt geht, kann man das Wissen und die Methoden später auch selbst für sich anwenden.“

Es wird deutlich, dass die Jugendlichen ihre Schule im sozialen Sinne mitgestalten wollen – ob in der generellen Begleitung ihrer jüngeren Mitschülerinnen und Mitschüler oder bei Streitigkeiten. Klar ist aber auch, dass die Neunt- und Zehntklässler nicht generell zuständig sind. Geht es um Mobbing, verfestigte Konflikte oder ein Problem zwischen Schüler und Lehrer, gibt es spezifische Konzepte und Ansprechpartner wie Schulsozialarbeiter Tobias Brändle und Vertrauenslehrerin Martina Samociuk.

Beim Streitschlichten heißt es, die Konfliktparteien zu unterstützen, die Lösung selbst finden. Patenschaft und Streitschlichtung gehören konzeptionell zusammen.
Das Heinrich-von-Zügel-Gymnasium lädt am Freitag in einer Woche zum Tag der offenen Tür ein

Präventionskonzept Die Streitschlichter sind Teil eines umfassenden Präventionskonzepts der Schule. Verbindung und Vernetzung gibt es auch zu weiteren Akteuren und Konzepten wie Power ohne Fäuste, die alle zwei Jahre einen Streitschlichterkongress in Backnang veranstalten, Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage (hat das Gymnasium als Auszeichnung erhalten und ist Leitbild) und Stark-Stärker-Wir (Präventionskonzept an baden-württembergischen Schulen). Bei einem Konflikt können die Fünft- und Sechstklässler die Streitschlichter in der Pause aufsuchen oder Kontakt über Klassen- und Fachlehrer sowie Theresa Bilharz herstellen. „Es wird ein Termin außerhalb der Unterrichtszeit vereinbart“, erklärt sie. Bei speziellen Themen wie Mobbing gibt es den sogenannten No-blame-approach, einen Ansatz ohne Schuldzuweisung, oder bei Schüler-Lehrer-Konflikten einen Konfliktmanagementplan.

Tag der offenen Tür Dies und die vielen anderen Angebote stellt das Heinrich-von-Zügel-Gymnasium, Rudi-Gehring-Straße 1, bei seinem Tag der offenen Tür am Freitag, 23. Februar, von 15 bis 18 Uhr vor. Unter anderem werden die Fächer, Arbeitsgemeinschaften, Projekte und Ausfahrten präsentiert. Die Gäste erwarten zudem eine Chemieshow und der Auftritt des Unterstufenchors sowie Mitmachangebote. Mit den Streitschlichterinnen und Streitschlichtern können sie sogenannte Wutbälle basteln. Weitere Informationen zum Tag gibt es auf der Homepage der Schule im Internet unter der Adresse www.hvzg-murrhardt.de.

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Erstellt:
16. Februar 2024, 06:00 Uhr

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