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Hinter jedem Buchstaben steht ein Kampf

Haupt- und Ehrenamtliche der Initiative „Regenbogen.Bildung.Stuttgart“ sind bei der Schulsozialarbeit und Siebtklässlern der Walterichschule zu Gast. Im Gepäck haben sie das Themenpaket Vielfalt von Lebensweisen, sexueller Orientierung und Geschlecht.

Teil des Workshops ist auch Aufklärungsarbeit – Begriffe wie „queer“ oder „asexuell“ werden zusammen erarbeitet. Foto: Christine Schick

Teil des Workshops ist auch Aufklärungsarbeit – Begriffe wie „queer“ oder „asexuell“ werden zusammen erarbeitet. Foto: Christine Schick

Von Christine Schick

Murrhardt. „Wir sind viel in Schulen, im Schnitt kommen wir auf zwei bis drei Besuche pro Woche. Trotzdem können wir nicht alle Anfragen bedienen. Es ist schade, wenn wir absagen müssen“, sagt Mark Schwarz. Er ist mit Philine Pastenaci und Helene Weber sowie drei ehrenamtlich Engagierten von „Regenbogen.Bildung.Stuttgart“ gekommen, um in einem Workshop mit Siebtklässlern der Walterichschule über Vielfalt zu sprechen. Vielfalt in Bezug auf das, was in jungen Jahren noch im Entstehen ist und unter Umständen auch für Unsicherheit sorgen kann: sexuelle Orientierung, Geschlecht und die Frage „Wie will ich leben?“.

Dass die drei Hauptamtlichen, die im Weissenburg e.V. – Zentrum LSBTTIQ und Frauenberatungs- und Therapiezentrum Stuttgart arbeiten, auch Tabea, Mascha und Finn mitgebracht haben, ist ihnen wichtig. Die drei jungen Leute sind nicht nur mit dem Thema vertraut, sondern auch vom Alter her noch näher an den Jugendlichen dran. Mal gibt eine konkrete Situation an einer Schule den Ausschlag für den Besuch – „ein Transkind wird geoutet“ –, mal geht es darum, dass sich das Lehrerkollegium fortbilden möchte. Es gibt viele Fragen im Umgang mit der Thematik, für Pädagogen, für Eltern und Schüler. Philine Pastenaci ist es wichtig, dass die Jugendlichen alles fragen können, „nur beantworten lässt sich nicht immer alles“. Mit Blick auf Diskriminierung und Ausgrenzung will sie vor allem die Fähigkeit junger Menschen stärken, auch Grenzen zu setzen, Nein zu sagen oder sich unter Umständen Hilfe zu holen.

Manche Fragen sind persönlich, aber

die Siebtklässler können einmal flunkern

An diesem Tag stehen die Siebtklässler im Mittelpunkt und Margit Körner vom Team der Schulsozialarbeit freut sich sehr, dass der Workshop mit gleich sechs Haupt- und Ehrenamtlichen möglich ist. Alle sitzen im Kreis und nachdem sich die Gäste kurz vorgestellt haben, geht es an die Arbeit. In einer ersten Runde sollen die Jugendlichen Fragen beantworten. Aufstehen heißt „Ja“, Sitzenbleiben „Nein“. Einmal darf auch gelogen werden. Nach und nach wird das Thema eingekreist. Unterschiede wie ob man eher Hunde- oder Katzenfan ist oder Pizza mit Ananas mag, scheinen unverfänglicher als Aussagen wie „ich finde es komisch, wenn sich zwei Männer küssen“ oder „ich bin verliebt“. Aber auch ein Schüler, der sich als einziger Linkshänder in der Gruppe wiederfindet, ist durchaus überrascht.

Mark Schwarz erklärt zum Hintergrund: „Es gibt Dinge, die wir nicht übereinander wissen.“ Einerseits heißt das, sich besser kennenzulernen, andererseits kommen manche Fragen einer Outingsituation nahe. Und es wird klar, dass bestimmte Themen gesellschaftlich noch nicht ganz so offen diskutiert werden, wie beispielsweise die geschlechtliche Identität. „Um diesen Teil soll es heute gehen“, sagt Mark Schwarz. Das Team hat eine Box für Fragen der Jugendlichen in der Mitte des Kreises auf dem Boden platziert und um die Schachtel werden Buchstaben(schilder) gelegt. Die Siebtklässler erarbeiten im Gespräch mit dem Workshopteam, was die einzelnen Lettern bedeuten. „L steht für lesbisch, also wenn zwei Frauen sich lieben“, sagt eine Schülerin. „Das ist schön formuliert“, meldet Mark Schwarz zurück. Entsprechend wird das B als „bi“ ausgemacht, also „wenn man sich in mehr als ein Geschlecht verlieben kann“. Das Team ergänzt um zwei Dimensionen – romantisch, was auf die Gestaltung der Beziehung zielt, und in Abgrenzung dazu sexuell.

Schon komplizierter wird es beim T. Es steht für „trans“. „Wenn jemand als Junge geboren wird, es aber nicht sein möchte“ oder „sich in seinem Körper nicht wohlfühlt beziehungsweise sich ein anderes Geschlecht wünscht“ sind die Vorschläge. Philine Pastenaci nickt und nimmt den Aspekt nochmals auf: Nach der Geburt macht eine Ärztin oder ein Arzt das Geschlecht des Kindes aus, die Person wächst heran, stellt aber irgendwann fest, es passt oder es passt nicht. „Das heißt, das Geschlecht stimmt nicht mit meiner Identität und meinem Gefühl überein.“ Dabei zwischen den Begriffen „transsexuell“, also der körperlichen Ebene, und „transgender“, was aufs soziale Geschlecht (beispielsweise an der Kleidung festgemacht) abzielt, zu unterscheiden, hält sie nicht für sinnvoll. Diese Dinge seien einfach zu sehr im Fluss und einem stetigen Wandel unterworfen. Mark Schwarz ergänzt, dass er in diesem Zusammenhang gern davon spricht, dass eine Person ihr Geschlecht anpasst. Dahinter steht auch die Überlegung, dass sich in den zwei Geschlechterkategorien (binär) denken lässt, aber eben auch außerhalb dieser (nonbinär).

Eine zentrale Botschaft:Vielfalt ist normal, Toleranz wichtig

Beim A für „asexuell“ thematisiert er die Abgrenzung gegen oftmals aufgeladene gesellschaftliche Normen beispielsweise in Filmen oder Werbung. Philine Pastenaci macht klar: Das Spektrum der seelischen und körperlichen Bedürfnisse beziehungsweise Nichtbedürfnisse ist groß und es ist nicht in Ordnung, jemand zu irgendetwas zu drängen. Beim P, unter dem das Erklärungsschild „pansexuell“ und „panromantisch“ zu liegen kommt, spielt das Geschlecht keine Rolle, sprich ausschlaggebend für die eigene Definition oder eine Beziehung sind andere Dinge.

Mark Schwarz reißt beim Q für „queer“ die Entstehungsgeschichte an. „Das ist ein Sammelbegriff“, vereint sämtliche bereits eingesammelten Facetten. Wurde er früher als Beleidigung im Sinne von „sonderbar, eigenartig, suspekt“ verwendet, wird er nach Bewegungen wie dem Christopher Street Day heute positiv für das besagte vielfältige Spektrum genutzt. Insofern sagt Philine Pastenaci auch: Hinter jedem Buchstaben steht ein Kampf, den Menschen ausgefochten haben, um ihre damals noch nicht akzeptierte Identität leben zu können. Und sie macht klar: Eine sexuelle Orientierung als Beschimpfung zu benutzen, ist für sie nicht nur verletzend, sondern auch unpassend. Mark Schwarz, der in einer Beratungsstelle für schwule und bisexuelle Männer arbeitet, lässt seine eigene Biografie durchscheinen: „Meine Schulzeit war nicht so toll“, erzählt er. Erst als er sich nicht mehr versteckt habe und selbstbewusst für seine Homosexualität eingestanden sei, habe das Piesacken aufgehört.

Es ist genau diese, sehr persönliche Ebene, die das Team nun noch einmal nutzen wird: Die Haupt- und Ehrenamtlichen setzen sich mit den Jugendlichen in einer zweiten Workshophälfte zusammen, um von sich zu berichten und auf Fragen einzugehen – ganz für sich und nicht unter Beobachtung.

Queere junge Menschen mit im Boot

Auf Augenhöhe Die Initiative „Regenbogen. Bildung.Stuttgart“ bietet Workshops zum Thema Vielfalt von Lebensweisen, sexueller Orientierung und Geschlecht an, bei denen geschulte queere Jugendliche und junge Erwachsene mit anderen jungen Menschen in Schulen, Jugendhäusern und weiteren Einrichtungen zu diesem Komplex arbeiten. Sie werden entsprechend fachlich begleitet und geschult. Dazu gehören auch der Austausch über Vorteile und Diskriminierung sowie die Stärkung im Sinne einer vielfältigen, demokratischen Gesellschaft. Weitere Infos unter www.regenbogenbildung.de.

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Erstellt:
27. Juli 2022, 06:00 Uhr

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