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Hoffnung auf Murrbahnausbau lebt weiter

Ein Gutachten des Verkehrsministeriums sorgt für Enttäuschung in der Region. Mit einer eigenen Studie wollen drei Landkreise nun beweisen, dass ein Ausbau der Bahnstrecke zwischen Backnang und Schwäbisch Hall notwendig und wirtschaftlich ist.

Zwischen Backnang und Schwäbisch Hall steht den Zügen nur ein Gleis zur Verfügung. Das führt häufig zu Wartezeiten und Verspätungen auf der Murrbahnstrecke. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Zwischen Backnang und Schwäbisch Hall steht den Zügen nur ein Gleis zur Verfügung. Das führt häufig zu Wartezeiten und Verspätungen auf der Murrbahnstrecke. Foto: A. Becher

Von Kornelius Fritz

Backnang/Murrhardt. „Murrbahn – kein Ausbau mehr geplant“. Mit diesen Worten hat der Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel kürzlich eine Pressemitteilung überschrieben. Darin wirft der bahnpolitische Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen dem von Andreas Scheuer (CSU) geführten Bundesverkehrsministerium vor, es habe erst Hoffnungen auf einen Ausbau der Bahnstrecke zwischen Stuttgart und Nürnberg geschürt, „um dann mal wieder maßlos zu enttäuschen“. Anlass für Gastels Kritik ist ein neues Gutachten zum geplanten Deutschlandtakt (siehe Infobox). Darin haben Experten vom Büro SMA und Partner aus Zürich aufgelistet, welche baulichen Veränderungen an den Bahnstrecken für die neue Vertaktung nötig sind.

Im Bereich der Murrbahn ist diese Liste ziemlich kurz: Lediglich am Bahnhof in Sulzbach an der Murr ist eine Investition von knapp 13 Millionen Euro geplant. Dort sollen künftig zwei Züge gleichzeitig einfahren können. Hinzu kommt noch ein kleinerer Umbau am Waiblinger Bahnhof, damit Züge aus Richtung Backnang dort schneller einfahren können als bisher.

Das war’s dann aber auch schon. Baumaßnahmen an den Bahnhöfen in Oppenweiler und Fichtenberg, von denen Anfang des Jahres noch die Rede war, tauchen in dem neuen Gutachten nicht mehr auf. Von einem zweigleisigen Ausbau der Strecke zwischen Backnang und Schwäbisch Hall-Hessental ist ohnehin keine Rede mehr, obwohl dieses Projekt bereits seit 1985 im Bundesverkehrswegeplan steht. Und von der Idee, auf der Strecke sogenannte Neigetechnikzüge einzusetzen, hatte sich der Bund schon vor einiger Zeit verabschiedet. Diese Technologie gilt als störanfällig und ist mittlerweile ein Auslaufmodell.

Für den Vorsitzenden des Murrtal-Verkehrsverbands, den Schwäbisch Haller Landrat Gerhard Bauer, ist das Gutachten eine herbe Enttäuschung. Er erinnert an das Ziel des Bundes, die Zahl der Bahnfahrer bis 2030 zu verdoppeln. „Das vorliegende Konzept des Deutschlandtaktes wird diesem Anspruch, jedenfalls im Bereich der Murrbahn, nicht im Ansatz gerecht“, beklagt Bauer. Die Murrbahnstrecke zwischen Stuttgart und Crailsheim hat in seinen Augen großes Potenzial, die Verbindung müsse aber schneller und zuverlässiger werden. „Die Lücke der Zweigleisigkeit zwischen Backnang und Hessental muss geschlossen werden“, fordert Bauer. Die nun vorgelegte Planung bezeichnet er als „völlig mutlos“. Sie gehe an den Erfordernissen einer attraktiven Alternative zum Individualverkehr vorbei.

Fahrzeit von Stuttgart nach Nürnberg um eine halbe Stunde verkürzen

„Das ist tatsächlich ziemlich wenig“, sagt auch der Geschäftsführer der Interessengemeinschaft Schienenkorridor Stuttgart– Nürnberg, Andrzej Sielicki. Allerdings ist das Gutachten in seinen Augen noch kein Grund, die Hoffnungen auf eine größere Lösung endgültig zu begraben. Schließlich hätten die Schweizer Experten lediglich untersucht, welche Maßnahmen nötig sind, um den Deutschlandtakt umzusetzen. Das schließt eine weitergehende Lösung in seinen Augen aber nicht aus. Um nachzuweisen, dass eine solche nicht nur notwendig, sondern auch wirtschaftlich ist, hat der Rems-Murr-Kreis zusammen mit dem Landkreis Schwäbisch Hall, dem Ostalbkreis und dem Verkehrsministerium des Landes bereits vor zwei Jahren ein eigenes Gutachten in Auftrag gegeben. Noch ist es nicht öffentlich, aber Andrzej Sielicki kennt bereits die Ergebnisse und bezeichnet die dort vorgeschlagenen Lösungen als sehr gut. Durch den zweigleisigen Ausbau von zwei Teilabschnitten sei es möglich, die Fahrzeit von Stuttgart und Nürnberg um eine halbe Stunde auf unter zwei Stunden zu verkürzen. Zwischen den beiden Städten könnte dann ein Intercity pendeln, der im stündlichen Wechsel auf der Murrbahn und durchs Remstal fährt.

Das Konzept des Gutachters, das derzeit noch in einer Computersimulation getestet wird, bringt laut Sielicki nicht nur spürbare Verbesserungen für die Bahnfahrer, eine Nutzen-Kosten-Untersuchung habe auch gezeigt, dass es wirtschaftlich sei – trotz Investitionskosten in dreistelliger Millionenhöhe. Wenn das Gutachten in seiner endgültigen Version vorliegt, wollen die Auftraggeber damit auf das Verkehrsministerium zugehen. Andrzej Sielicki glaubt, dass die Diskussion über einen möglichen Streckenausbau dann noch einmal neu geführt wird: „Wir haben gute Argumente und können nachweisen, dass unsere Lösung funktioniert.“

Auch die CDU-Bundestagskandidatin Inge Gräßle glaubt, dass das letzte Wort in Sachen Murrbahn noch nicht gesprochen ist. Die Studie der Landkreise und des Landes dürfe „auf keinen Fall ausgeblendet werden“, schreibt Gräßle in einer Pressemitteilung. „Das Bundesverkehrsministerium wartet darauf und die Vorschläge können nachträglich Aufnahme in den Deutschlandtakt finden“, erklärt Gräßle. Im Falle ihrer Wahl in den Bundestag wolle sie sich dafür einsetzen, dass diese dann auch umgesetzt werden.

Deutschlandtakt

Ziele Taktfahrpläne kennt man bislang vor allem aus dem Nahverkehr, etwa von der S-Bahn. Mit dem Deutschlandtakt wird diese Idee auf den Fernverkehr übertragen. Zwischen großen Städten sollen die Züge künftig im Halbstundentakt fahren, immer zu festen Zeiten. So entstehen Umsteigemöglichkeiten ohne lange Wartezeit und ein leicht zu merkender Fahrplan.

Planung Bislang leitete sich der Fahrplan von der vorhandenen Infrastruktur ab, beim Deutschlandtakt ist es umgekehrt. Hier wurde zunächst ein Zielfahrplan erstellt, dann wurde geschaut, welche Investitionen nötig sind, um diesen zu realisieren. Laut dem neuen Gutachten sind dafür 181 Einzelmaßnahmen mit Gesamtkosten von rund 40 Milliarden Euro erforderlich.

Umsetzung Verkehrsminister Andreas Scheuer hat angekündigt, dass der Deutschlandtakt bis 2030 umgesetzt werden soll. Auf manchen Strecken gilt der Taktfahrplan aber schon früher: Zwischen Berlin und Hamburg fahren die ICE-Züge bereits seit vergangenem Dezember im Halbstundentakt. Auch der Güterverkehr auf der Schiene soll vom Deutschlandtakt profitieren.

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Erstellt:
4. September 2021, 06:00 Uhr

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