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Ich bin dann mal weg – zum Patienten

Gerhard Erchinger aus Murrhardt erinnert sich an die Einsätze als Hausarzt und Internist über die Feiertage. Die Besonderheit und Magie von Weihnachten scheinen dabei genauso auf wie der Druck, dass Krankheit das Fest eigentlich nicht trüben darf.

Auch der Baum, den Gerhard Erchinger jedes Jahr zum Fest in die gute Stube holt, hat eine Beziehung zu seinen früheren Diensten. Die Weihnachtsbaumkultur, die er von ehemaligen Patienten kennt, gibt es heute noch. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Auch der Baum, den Gerhard Erchinger jedes Jahr zum Fest in die gute Stube holt, hat eine Beziehung zu seinen früheren Diensten. Die Weihnachtsbaumkultur, die er von ehemaligen Patienten kennt, gibt es heute noch. Foto: J. Fiedler

Von Christine Schick

MURRHARDT. Plätzchen bevölkern eine Porzellanschale, ein Adventskranz schmückt den Tisch und der Weihnachtsbaum liegt eingepackt vor der Fensterfront des Wohnzimmers auf der Terrasse. Gerhard Erchinger hat nach der Übergabe seiner Praxis vor etwa fünf Jahren an die Kollegin Polyxeni Deligeorgiou zwar immer noch einige Dienste, da er vor allem in der Großaspacher Zweigstelle einer größeren Gemeinschaftspraxis regelmäßig einspringt und aushilft, aber sein diesjähriges Weihnachtsfest kann er, abgesehen von der Viruslage, unabhängig vom früheren beruflichen Eingespanntsein planen.

Aufgewachsen in Stuttgart sammelte er nach seinem Studium in Heidelberg und Montpellier in verschiedenen Kliniken der Region Erfahrung und kam nach seiner Facharztausbildung Anfang der 1980er-Jahre als Internist nach Murrhardt. Der allererste Standort seiner Praxis war damals in der Hauptstraße, die noch nicht zur Fußgängerzone umgestaltet war und auf der der Durchgangsverkehr durch Murrhardt rollte. Innerhalb der Medizin herrschte mit Blick auf die technischen Hilfsmittel bei der Diagnostik eine gewisse Aufbruchsstimmung. „Das war schon eine rasante Entwicklung“, erzählt Gerhard Erchinger. Da er zuvor Erfahrungen mit Untersuchungen mittels erster Ultraschallgeräte machen konnte, wollte er dies auch unbedingt in seiner Praxis fortführen und schaffte sich eines der ersten Exemplare in der weiteren Umgebung an. Das wiederum verschaffte ihm auch so manche Patientin von gynäkologischen Kollegen, beispielsweise auch des damaligen Krankenhauses Gaildorf.

Gleichzeitig war der Alltag Gerhard Erchingers als Hausarzt in einer ländlich geprägten Region äußerst bodenständig und ist für jüngere Menschen, die Kommunikation im Sekundentakt und die Verfügbarkeit der Welt in Form von flachen, rechteckigen Geräten als selbstverständlich empfinden, vermutlich schwer vorstellbar. „Ich weiß noch, als ich an einem ersten Weihnachtsfeiertag Dienst hatte und zu einem Hausbesuch nach Glashofen musste“, erzählt er. „Da hat es wahnsinnig geschneit. Bis Hinterbüchelberg war die Straße noch geräumt, dann aber nicht mehr.“ Das hieß, sich mit dem Auto irgendwie durch den hohen Schnee zu kämpfen. „Ich hab meiner Frau immer gesagt, wo ich hinfahre, und ihr die Telefonnummer der jeweiligen Familie oder des Patienten gegeben, damit sie mich dort anrufen konnte, wenn sie in der Zwischenzeit eine wichtige Nachricht erreicht hatte.“ Erchinger schaffte es zum Hof und dem urigen Bauernhaus. Einer der beiden Brüder war krank.

Dass er als Diensttuender auch eine kleine Hausapotheke im Gepäck dabei hatte – die nächste Apotheke war nicht um die Ecke –, gehörte ebenso dazu wie die Frage, ob er vor dem Aufbrechen noch kurz zu Hause anrufen dürfe. Möglicherweise war in der Zwischenzeit ein weiterer Hausbesuch auf die Liste gerutscht, der sozusagen auf dem Weg lag. „Die Möglichkeit, ein Handy zu benutzen, gab es erst in den 1990er-Jahren. Ich hab dann ein großes Exemplar von einem Kollegen bekommen, ein ziemlicher Knochen.“ Als Erchingers Kinder – er hat drei Töchter und einen Sohn – noch klein waren, hat er sich mit den Kollegen abgesprochen, um den Heiligen Abend zu Hause verbringen und sich so den Gang zur Kirche, gemeinsame Zeit und Bescherungen quasi sichern zu können.

Wenn es irgendwie ging, so war es Erchingers Patienten aber ebenso daran gelegen, ihn aus eigenem Interesse an den Weihnachtsfeiertagen nicht zu sehen. Wer will zum Fest schon krank sein? Insofern kündigte sich Weihnachten schon in der Praxis zuvor an, weil auch so mancher doch noch zur Sicherheit auch nicht so Gravierendes abklären wollte. Die Gesundheit sollte über die Feiertage geregelt, ja eigentlich garantiert sein, erzählt er. Und wen es dann doch erwischte, der versuchte irgendwie durchzuhalten, was sich am ersten Tag nach Weihnachten in der Praxis in einem mehr als vollen Wartezimmer niederschlug. „Der 27. Dezember war eigentlich am schlimmsten.“

Der erste Tag nach den Feiertagen bedeutet ein volles Wartezimmer.

Zu dem Wunsch, an Weihnachten fit zu sein, kam noch, dass vor den Feiertagen auch die Kliniken ihre Belegungspraxis hinsichtlich des Fests änderten. Einerseits wollte man die Patienten entlassen, andererseits den Aufwand fürs Personal reduzieren, damit auch möglichst wenige Mitarbeiter Dienst schieben mussten. „Das hat für uns einen Rattenschwanz nach sich gezogen, weil wir dann die Berichte lesen und Gespräche führen mussten.“ So hieß es für Gerhard Erchinger auch diejenigen zu betreuen, bei denen es mit dem Sich-Zusammenreißen über die Feiertage nicht mehr funktionierte. „Ich war aber nicht so schnell dabei, jemand ins Krankenhaus zu schicken“, erzählt er. Der Druck in dieser Hinsicht sei, so empfinde er es, aus rechtlichen Hintergründen mittlerweile größer geworden. Vor allem aus Selbstschutz müsse man auf eine genaue, durchgängige Dokumentation der Behandlung achten, insbesondere bei Einsätzen in Heimen. „Und ich habe immer gehofft, dass ich jemandem nicht gerade vor den Feiertagen eine schwere Diagnose mitteilen muss.“ Trotzdem habe auch das genauso wie Zuspruch für die Angehörigen zum Beruf gehört. „Ich hab mich da schon auch ein Stück weit als Seelsorger verstanden.“

Dass die Menschen aber nicht nur im Leid, sondern auch in der Freude die Verbundenheit suchen, wurde Gerhard Erchinger besonders in der Weihnachtszeit klar. Sie beinhaltete die Möglichkeit für seine Patienten und deren Angehörige, sich bei ihm als Helfendem zu bedanken. In einem Heim, in dem er psychisch Kranke betreute, wurde als Dankeschön immer etwas ganz Besonderes für ihn gebacken. Bei einer Familie – damals noch im Altkreis Backnang und heutigen Kreis Schwäbisch Hall – hat er nicht nur regelmäßig einen selbst gebundenen Adventskranz bekommen, sondern in den Gesprächen wurde ihm auch viel Persönliches bis hin zur eigenen Vergangenheit anvertraut. Zum Anwesen gehört auch eine Weihnachtsbaumkultur, bei der er sich auch heute noch mit einem Exemplar für die gute Stube versorgt. Es hat sich einfach zu einer Art Tradition entwickelt. Die verschiedenen Gaben waren ihm eine Freude auch im Sinne der Wertschätzung.

Und gegen welche typischen Gegner hatte er es in den Weihnachtsfeiertagen aufzunehmen? Entweder die Beschwerden gehörten schon zur Vorgeschichte der Patienten oder sie waren der kälteren Jahreszeit geschuldet wie Infekte oder Atemwegserkrankungen. In diesem Jahr haben die Dimensionen von Ansteckung und Krankheit schon fast unwirkliche, Science-Fiction-artige Züge angenommen. Gerhard Erchinger hilft trotzdem noch ziemlich selbstverständlich aus und springt bei Diensten ein, ist insofern auch mit Abstrichen und dem Coronatestgeschehen bis hin zur Schnellvariante vertraut. Wieso tut er sich das eigentlich noch an? Zwar hat sich der Beruf auch in Bezug auf das Anspruchsdenken und die Wichtigkeit einer genauen Aufklärung jenseits von Google-Diagnosen stark verändert, aber für Erchinger gehört er einfach auch ein Stück zu seinem Leben dazu, er ist mit ihm verwoben.

Dieses Jahr freut er sich trotzdem auf ein dienstfreies Weihnachten – aller Voraussicht nach mit einer morgendlichen Joggingrunde, gutem Essen, einem Gang zur Kirche und dem Besuch der Kinder.

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Erstellt:
24. Dezember 2020, 06:00 Uhr

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