Im Schnitt mehr als ein Marathon pro Tag

Daniel Lopes Pereira bricht heute in Erbstetten zu seiner großen Tour auf. Der 45-Jährige läuft nach Portugal und hat sich eine Route mit rund 3200 Kilometern zurechtgelegt, die er in 66 Etappen meistern will. Dieses Projekt soll ihm beim harten Kampf gegen seine Depressionen helfen.

Daniel Lopes Pereira hat alles Wichtige beieinander, es kann losgehen. Foto: Alexander Becher

© Alexander Becher

Daniel Lopes Pereira hat alles Wichtige beieinander, es kann losgehen. Foto: Alexander Becher

Von Steffen Grün

Wenn es nur darum gehen würde, dem derzeit tristen Wetter in der Heimat zu entfliehen und bei der Verwandtschaft in Portugal etwas Sonne zu tanken, könnte Daniel Lopes Pereira einfach in Stuttgart in ein Flugzeug nach Lissabon steigen und von dort ins 80 Kilometer nördlich gelegene Vau fahren. Stattdessen schnürt er die Laufschuhe, um sich auf den Weg vom Murrtal bis an die Atlantikküste zu machen. Ein Vorhaben, das seit mindestens sechs Monaten von langer Hand geplant ist und einen ernsten Hintergrund hat (wir berichteten): Daniel Lopes Pereira leidet an Depressionen und einer posttraumatischen Belastungsstörung. Der Trip soll den Heilungsprozess unterstützen.

„Ich habe in der Klinik bereits manche Dinge aufgearbeitet und hoffe, dies fortsetzen zu können“, sagt der Vater dreier Kinder: „Ich denke, dass ich auf Menschen treffen werde, die ebenfalls ihr Päckchen zu tragen haben.“ Zugleich bleibt ihm aber auch viel Zeit für sich, um die Gedanken zu sortieren und den Kopf freizubekommen. „Die Familie trägt das mit, meine Ehefrau steht voll hinter mir und unterstützt mich“, freut sich der 45-Jährige, „anders würde es auch nicht gehen.“ Immerhin sind rund zweieinhalb Monate einkalkuliert, um die von ihm ausbaldowerte, etwa 3200 Kilometer lange Strecke (siehe Infotext) in 66 Tagesetappen zu bewältigen und sich vor dem Rückflug noch eine Woche bei seiner Tante und den Cousinen von den Strapazen zu erholen. „Wenn alles klappt, will ich Anfang Juli wieder zu Hause sein“, rechnet er vor. Daniel Lopes Pereira, der als Erzieher bei der Stadt Backnang arbeitet, hat sich die Zeit mit Urlaubstagen, dem Abbau von Überstunden und unbezahltem Urlaub freigeschaufelt.

Der Rucksack bringt anfangs exakt 4,3 Kilogramm auf die Waage

Heute um 10 Uhr geht es beim Sportplatz in Erbstetten los. „Meine Frau hat eine Kleinigkeit geplant“, weiß er: „Vielleicht laufen einige Freunde ein paar Kilometer mit, falls das Wetter einigermaßen mitspielt.“ Da es auf alle Fälle ziemlich kühl sein wird, startet Daniel Lopes Pereira mit seiner wärmeren Laufjacke, Handschuhen und Mütze. Er ist aber guter Dinge, diese Utensilien schon in wenigen Tagen im Rucksack verstauen zu können, der genau 4,3 Kilogramm auf die Waage bringt. „Das müsste passen, wenn er gut sitzt“, sagt der Sportler, der nur das Nötigste an Läuferklamotten eingepackt hat: Drei Paar Socken und drei Boxershorts, jeweils zwei Shirts, Shorts und dünne Jacken, eine Kappe und eine lange Hose. Dazu kommen Taschenmesser, Powerbank, Erste-Hilfe-Set, Stirnlampe, Handtuch, Sitzunterlage, Hygienemittel und ein Kopfhörer fürs Handy, „um etwas Musik hören zu können“. Was ebenfalls nicht fehlen darf, ist die Verpflegung für die erste Phase: Energieriegel, protein- und kohlenhydratreiche Kekse und ein Powerdrink „für Momente, in denen ich schwächer werde“. Sobald der Vorrat verbraucht ist, wird unterwegs eingekauft. Ansonsten soll Wasser reichen, das Daniel Lopes Pereira tagtäglich nachfüllen will.

Die heutige Etappe führt in weiten Teilen über den Jakobsweg und endet in Neckartailfingen, „laut der App Komoot sind das 54,7 Kilometer“. Die erste Nacht verbringt er bei Freunden, weitere Unterkünfte sind nicht vorab gebucht. Der Läufer will sie immer vor Ort suchen, wenn er die einzelnen Etappen mitsamt kurzen Pausen planmäßig nach sechs bis sieben Stunden gemeistert hat. Im Durchschnitt hat sich Daniel Lopes Pereira knapp 50 Kilometer pro Tag und damit mehr als einen Marathon vorgenommen – mal mehr, mal weniger. Sobald das Quartier für die Nacht bezogen ist, will er noch was essen gehen „und abends ganz entspannt die Ortschaften erkunden“. Bevor wohl recht früh das Bett ruft, um morgens wieder früh loszuziehen, „werde ich gute Gespräche und Gedanken in einer Art Tagebuch im Handy zusammenfassen“.

Ein besonderer Moment wird es werden, falls seine Familie tatsächlich wie vorgesehen mit dem Auto in einen Ort an der französisch-spanischen Grenze fährt, um dort den Mann und den Papa mal wiederzusehen. Zudem gibt es einen angenehmen Nebeneffekt: „Sie bringen mir ein Paar neue Schuhe und eventuell neue Klamotten mit.“ Material, das den Rucksack nicht zusätzlich belastet. Portugal ist später das vierte Land, das Daniel Lopes Pereira auf seiner Tour durchquert – wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischenkommt. „Ich bin zuversichtlich, dass es klappt und dass ich ankomme“, betont er, obwohl die Vorbereitung durch den Klinikaufenthalt etwas kürzer ausgefallen ist. Er schiebt schmunzelnd hinterher: „Die Frage ist nur, in welcher Verfassung.“

Instagram Wer in den nächsten Wochen auf dem Laufenden bleiben will, wie es Daniel Lopes Pereira unterwegs ergeht und was ihn bewegt, der kann ihm auf Instagram unter dem Profil @rundany26 folgen.
Die Strecke

Deutschland Bei Winnenden biegt Daniel Lopes Pereira bereits in Richtung Rottenburg am Neckar auf den Jakobsweg ein, auf dem er fortan immer wieder unterwegs sein wird. Die sechste Etappe führt von Freiburg über die französische Grenze nach Thann.

Frankreich Das Nachbarland wird in 29 Etappen bis Saint-Jean-Pied-de-Port, letzte Station des Jakobswegs Via Podiensis auf französischem Boden, durchquert. Dort erwartet der Sportler aus Erbstetten wahrscheinlich den Besuch seiner Familie.

Spanien Von Arizkun geht es nach Irun am Golf von Biskaya und dann die Küste entlang mit Stopps in Bilbao, Santander oder Gijón, um die 54. Etappe in Santiago de Compostela abzuschließen. Drei Tage später wird auf dem Weg von Redondela nach Rubiães die Grenze nach Portugal passiert.

Portugal Die 59. Etappe endet in Porto, danach wird der Endspurt eingeläutet. Noch eine Woche mit Stationen wie Coimbra und dem Surferparadies Nazaré liegen bis zum Ziel in Vau vor Daniel Lopes Pereira.

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Erstellt:
20. April 2024, 06:00 Uhr

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