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Kaufmann, Manager, Wohltäter

Vor 100 Jahren begann die Karriere des Murrhardters Otto Wahl in Industrie und Außenhandel. Er förderte Künstler, Vereine und Wohnungsbau in seiner Heimatstadt und finanzierte den Weg zum Opferstock an der Walterichskirche.

Das Porträt Otto Wahls, gemalt von Gustav Essig, befindet sich als Dauerleihgabe der Familie in der städtischen Kunstsammlung. Fotos: Archiv Carl-Schweizer-Museum

Das Porträt Otto Wahls, gemalt von Gustav Essig, befindet sich als Dauerleihgabe der Familie in der städtischen Kunstsammlung. Fotos: Archiv Carl-Schweizer-Museum

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. Otto Wahl (1887 bis 1971), geboren und aufgewachsen in Murrhardt, war eine außergewöhnliche Persönlichkeit mit vielen Talenten und Fähigkeiten. Er unternahm bereits Geschäfts- und Privatreisen in alle Welt in einer Zeit, als dies erst wenigen möglich war. Durch die Weltkriege verlor er zweimal sein Vermögen, erarbeitete sich aber erneut Wohlstand und setzte sich für die Bürger seiner Heimatstadt ein.

Er kam aus der letzten Burgermüller-Familie, die seit Anfang des 19. Jahrhunderts die 1583/84 erbaute Mühle der Bürger der Stadt in der Karlstraße betrieb. Sein Vater Wilhelm war letzter Müller, seine Mutter Emma geborene Zügel eine Tochter des Waldhornwirtes. Otto besuchte die Murrhardter Lateinschule und erwarb die Mittlere Reife an der Oberrealschule in Schwäbisch Hall. 1907 schloss er eine kaufmännische Lehre bei einer Haller Harzproduktfabrik ab, seitdem besaß er auch den Autoführerschein. Nun arbeitete er als Kaufmann im Ausland, erst in Antwerpen (Belgien), wo er die flämische Sprache erlernte, danach in London. Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, kehrte er Anfang August mit dem letzten noch verkehrenden Schiff nach Deutschland zurück, musste jedoch seine gesamte persönliche Habe zurücklassen. Am 2. November wurde Otto Wahl zum Kriegsdienst eingezogen und beim Landsturm-Infanterie-Bataillon Münsingen ausgebildet. Da er Englisch, Französisch und Niederländisch fließend sprach, setzte man ihn von November 1914 bis Anfang Januar 1916 als Dolmetscher ein.

Am 14. April 1916 kam er an die Westfront zur Korpsfernsprecher-Abteilung in Bapaume (Frankreich). Dank seiner sprachlichen und buchhalterischen Kompetenzen übernahm er verantwortungsvolle Aufgaben im Bereich des militärischen Nachrichtendienstes. Otto Wahl gehörte den nach Ministerialrat Otto Arendt benannten Spezialeinheiten an. Die Arendt-Abteilungen nutzten die neueste und geheimste Technik und waren „das Ohr am Feind“. Wahl avancierte zum Fernmeldespezialisten dank seiner Zuverlässigkeit und Loyalität, seinem Mut und technisch-handwerklichem Geschick. Aufgrund seines soldatischen Könnens in der Frühjahrsschlacht von Arras am 31. Mai 1917 zeichnete man ihn mit dem Eisernen Kreuz Klasse II aus, zudem mit der Württembergischen Militärverdienstmedaille für seinen vorbildlichen Einsatz in der Schlacht bei Cambrai am 4. Dezember 1917. Er wurde verletzt am 21. November 1918 aus dem Heeresdienst entlassen und kehrte in sein Elternhaus nach Murrhardt zurück.

Lebensgefährlicher Einsatz für jüdische Freunde und Mitarbeiter.

Im Herbst 1920 begann Otto Wahls Karriere beim Stickstoff-Syndikat in Berlin als Auslandskorrespondent. Das Unternehmen war seit 1925 Teil der IG Farbenindustrie AG, damals größter deutscher und internationaler Chemiekonzern. Es lieferte Düngemittel an die deutsche Landwirtschaft und technischen Stickstoff an die Industrie wie etwa Sprengstoff, aber auch pharmazeutische Artikel, Textilien, Farbstoffe, Filme und Papiererzeugnisse. Ein Großteil wurde exportiert nach Europa, die USA, Japan, China und andere Staaten.

1928 beauftragte Otto Wahl den mit ihm verwandten Reinhold Nägele, sein Elternhaus zu malen. Der Künstler gestaltete ein stimmungsvolles, fotorealistisches Tempera-Gemälde mit der Murr, dem Steg, der Burgermühle und dem gegenüberliegenden Haus. 1930 war Otto Wahl in die oberste Führungsetage des Stickstoff-Syndikats aufgestiegen und als Geschäftsführer und Direktor tätig, bis zur Auflösung 1945. Er baute den gesamten deutschen Stickstoffexport auf und führte auch internationale Kartellverhandlungen. Dazu unternahm er Geschäftsreisen in alle Welt, auch nach Beginn der NS-Diktatur bis vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Während des Krieges reiste er in europäische Länder, die entweder vom Deutschen Reich besetzt oder mit ihm verbündet waren.

Otto Wahls Vater Wilhelm war letzter Müller der Burgermühle.

Otto Wahls Vater Wilhelm war letzter Müller der Burgermühle.

An seiner Arbeitsstelle lernte er Johanna Eichner aus Arensdorf kennen, die dort als Sekretärin tätig war, 1934 heirateten sie und bekamen 1935 ihre Tochter Karin Bärbel. Otto Wahl war entschiedener Gegner des Nationalsozialismus und nie Mitglied der NSDAP oder einer NS-Organisation. Seit 1934 war er trotz der Repressalien des Regimes gegen Juden mit dem jüdischen Ehepaar Reinhard und Else Schroeder befreundet. Mit ungewöhnlicher Zivilcourage und unter Gefahr für Leib und Leben setzte sich Wahl für jüdische Freunde und Mitarbeiter ein. 1943 zeichnete der bulgarische Zar Boris III. Otto Wahl für seine Verdienste um die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem bulgarischen Zivilverdienstorden aus.

Anfang 1945 beauftragte ihn das Stickstoff-Syndikat, eine Zweigstelle in Hamburg zu eröffnen. Am 12. Februar fuhr die Familie bei Nacht und Schnee per Bahn von Berlin in die Hansestadt. Kurz vor Kriegsende sollte Wahl im Auftrag der Regierung Kalksalpeter aus Norwegen für die Rüstungsindustrie importieren. Entschieden widersprach er lebensgefährlichen Vorwürfen, nicht weisungsgemäß zu handeln und Telefongespräche über unsichere schwedische Leitungen geführt zu haben. Ende April folgte die Anweisung, den Kalksalpeter der Landwirtschaft als Dünger zur Verfügung zu stellen.

Das Kriegsende bedeutete für Otto Wahl den zweiten wirtschaftlichen Neubeginn: Nachdem er bereits 1914 alles verloren hatte, begann er 1945 im Alter von 57 Jahren zum zweiten Mal mittellos. So lebte die Familie eine Zeit lang notdürftig in einer Wohnung ohne Strom, Wasser, Heizung und sanitäre Einrichtungen. Die Verwaltung des Stickstoff-Syndikats war nun im Schloss Ramholz im hessischen Schlüchtern untergebracht. Von dort erhielt Wahl am 11. Juli 1945 eine Generalvollmacht mit Verfügung über Konten des Syndikats bei der Deutschen Bank. Die Verkaufsgesellschaft für Stickstoff-Düngemittel beauftragte Wahl, eine Vertriebsorganisation aufzubauen im Bereich Hamburg und den umliegenden Bezirken.

Auf Veranlassung der Besatzungsmächte wurde allen Angestellten und Geschäftsführern des ehemaligen Stickstoff-Syndikats zum 30. Juni 1946 gekündigt. Da Otto Wahl für seine Familie sorgen musste, begann er nun selbstständig als Geschäftsmann zu arbeiten. Dank seiner langjährigen und weitreichenden Geschäftsbeziehungen gelang es ihm, Kunden in verschiedenen Ländern zu beliefern, indem er die Waren zuerst an Firmen in Frankreich, England oder den USA exportierte. Diese fungierten dann als Makler und lieferten die Waren in die ursprünglichen Bestellländer.

Wahl war Bauherr von zwei großen Mehrfamilienhäusern in Murrhardt.

1947/48 gründete Otto Wahl eine eigene Firma mit einem ehemaligen Kollegen als Kompagnon. Sie fungierte als Leitstelle im nordwestdeutschen Raum für die Firma Stickstofferzeugnisse für industrielle Zwecke GmbH in Berlin. Nach Gründung der Bundesrepublik 1949 kam der Außenhandel in Schwung. Nun nahm Wahl seine Beziehungen zu langjährigen Geschäftspartnern wieder auf und unternahm in den 1950er-Jahren zahlreiche Auslandsreisen, oft in die USA und nach Venezuela, wo er Verwandte und Geschäftspartner besuchte. Meist begleitete ihn seine Frau, teils auch Tochter Karin, die ab 1955 als ausgebildete Fremdsprachenkorrespondentin mitarbeitete.

Die Familie kam so oft wie möglich in die Walterichstadt, fühlte sich dort sehr wohl und pflegte viele Freundschaften. Vater und Tochter waren begeisterte Angler und fingen oft viele Fische in Bächen, die Gastwirt Albert Bofinger gepachtet hatte. Später pachtete Otto Wahl selbst einige Bäche. In den 1950er-Jahren ließ er sich vom bekannten Maler Gustav Essig porträtieren. Dieses Bild befindet sich nun in der städtischen Kunstsammlung, der es Tochter Karin als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt hat. Auch förderte er Vereine seiner Heimatstadt wie den Liederkranz. 1954/55 baute er ein Haus in der Robert-Franck-Straße.

Wegen des Zuzugs vieler Flüchtlinge und Vertriebener herrschte in Murrhardt noch große Wohnungsnot, darum engagierte sich Otto Wahl auch im sozialen Wohnungsbau. Er fungierte als Bauherr von zwei großen Mehrfamilienhäusern mit Rundbogentüren in der Schellingstraße, vermietete sie zuerst als Sozialwohnungen und verkaufte sie später an eine gemeinnützige Immobiliengesellschaft. Bei einem seiner Aufenthalte besuchte Wahl die Walterichskirche. Dazu erzählt Heimatgeschichte-Experte Rolf Schweizer: „Otto Wahl warf auch eine Spende in den Opferstock und bekam dabei völlig schmutzige Schuhe. Er bot der Gemeinde daraufhin an, einen ordentlichen Weg zum Opferstock zu bezahlen, wenn er später einen Begräbnisplatz gegenüber dem Opferstock bekommen würde. Der damalige Bürgermeister Fritz Ehrmann versprach ihm das, und nach Otto Wahls Tod wurde ihm dieser Wunsch erfüllt.“

1959 heiratete Tochter Karin und bekam Anfang der 1960er-Jahre zwei Söhne, Christoph und Rudolf. In dieser Zeit unternahm das Ehepaar Wahl noch einige Reisen. Ab 1965 war Otto Wahl im Ruhestand und hatte viel Freude an seinen Enkeln. Seinen 75. und 80. Geburtstag feierte er mit der Familie und Freunden in seiner Heimatstadt. Im Februar 1971 erkrankte er schwer, seine Frau Johanna, Tochter Karin und eine Hilfskraft pflegten ihn zu Hause. Am 14. Juli 1971 starb Otto Wahl im Alter von 83 Jahren in Hamburg, dort fand auch die Trauerfeier statt. Doch hatte er sich gewünscht, dass seine Urne in Murrhardt bestattet würde, darum gab es auch dort eine Trauerfeier, musikalisch vom Liederkranz mitgestaltet, den er unterstützt hatte.

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Erstellt:
8. Januar 2021, 06:00 Uhr

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