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Klangweltenreise mit dem Kantor

Gottfried Mayer interpretiert beim jüngsten Orgelzykluskonzert in der Murrhardter Stadtkirche unter dem Motto „Gregorianische Rhapsodie“ Werke aus vier Jahrhunderten mit vielfältigen Registrier- und Gestaltungsmöglichkeiten der Mühleisen-Orgel.

Gottfried Mayer kennt die Mühleisen-Orgel wie kein anderer. Die Werke für sein Konzert hat er kunstvoll ausgewählt und mit der Präsentation auch die Potenziale des Instruments hörbar gemacht. Foto: Elisabeth Klaper

Gottfried Mayer kennt die Mühleisen-Orgel wie kein anderer. Die Werke für sein Konzert hat er kunstvoll ausgewählt und mit der Präsentation auch die Potenziale des Instruments hörbar gemacht. Foto: Elisabeth Klaper

Von Elisabeth Klaper

Murrhardt. Facettenreiche Werke vom Frühbarock bis zur Gegenwart, meist komponiert über den gregorianischen Gesang zum Magnificat, den Lobgesang der Maria „Meine Seele erhebt den Herren“ im Lukasevangelium, stehen auf dem Programm des jüngsten Orgelzykluskonzerts. Dabei sitzt Gottfried Mayer selbst am Spieltisch der Mühleisen-Orgel. Unter dem Motto „Gregorianische Rhapsodie“ nimmt er die zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörer in der Murrhardter Stadtkirche auf eine überaus abwechslungsreiche Reise durch unterschiedliche Klangwelten mit.

Niemand kennt die Mühleisen-Orgel so gut wie der Kantor und Organist der evangelischen Kirchenmusik der Walterichstadt. Insofern bringt er deren vielfältiges Klangfarbenspektrum, die Möglichkeiten zur Gestaltung der Lautstärke sowie die verschiedenartigen Effekte vollendet und in ihrer ganzen Schönheit zur Entfaltung. Er bereitet dem Publikum herausragende Hörerlebnisse, indem er die Werke stilvoll gestaltet und das großartige Potenzial der „Königin der Instrumente“ ausschöpft.

Vor 400 Jahren schuf der frühbarocke Komponist Samuel Scheidt ein Werk zu vier Versen aus dem Magnificat. Es beinhaltet filigrane, harmonisch nuancenreich registrierte Variationen und prächtige Barockorgelklänge über den Tonus peregrinus. Zu diesem vom üblichen gregorianischen Tonsystem abweichenden, daher fremden, wandernden neunten Psalmton, auf den das Magnificat im Stundengebet gesungen wird, gibt es laut Mayer keine entsprechende neuzeitliche Tonart.

Kammerchorsängerin Rabea Vockeroth trägt mit ihrer bezaubernden, glockenhellen Sopranstimme das Magnificat-Thema „Meine Seele erhebt den Herren“ vor. Johann Sebastian Bach komponierte dazu eine würdevolle Fuge mit der Werkverzeichnisnummer 733 für die Orgel mit voller Registrierung. Souverän präsentiert der Organist die komplexen Figurationen und Harmonien, die der große Tonkunstmeister überaus kunstreich ineinander verflochten hat, zudem lässt er das Thema im Pedal in tiefsten, voluminösen Basstönen erklingen.

In die völlig andere Klangwelt der französischen Orgelmusik und der Gegenwart führen zwei fantasievolle Miniaturen mit zartschwebenden, transzendenten Klangnuancen aus den „Gregorianischen Skizzen“ von Naji Hakim. Der Organist und Komponist stammt aus Beirut und wirkt seit Langem in Paris. Danach erfüllt das breit gefächerte Panorama der Klangfarben und Charaktere der spätromantischen Orgelmusik von Joseph Rheinberger den Kirchenraum. In den Außensätzen seiner vierten Sonate Opus 98 verwendete auch er den neunten Psalmton des Lobgesangs der Maria.

Choralmelodik dominiert das Moderato, dunkle und schwere Harmonien wechseln sich mit hellen und leichten ab. Idyllisch wirkt das Intermezzo mit inniger Holzbläserkantilene und Schwebung. Ein großes Tonkunstwerk ist die abschließende Fuge, die Rheinberger aus einer absteigenden chromatischen Tonleiter entwickelt, wozu er auch die Themen des ersten Satzes verwendet. Mayer gestaltet sie detailliert mit immer reicherer Registrierung bis zum monumentalen Tutti. Das sinfonische und expressionistische späte Orgelwerk „Triptychon Opus 141“ von Sigfrid Karg-Elert bildet den Abschluss des Programms. Ein echter Ohrenschmeichler ist der erste Satz Legende aus typisch amerikanischen, melodischen und harmonischen Elementen des frühen 20. Jahrhunderts. Sie erinnern an bekannte Werke von George Gershwin, Jazztitel und auch Filmmusik jener Epoche. Hinzu kommen einige interessante, neuartig und innovativ wirkende Klangfarben, die der Organist durch ungewöhnliche Registrierungen und Effekte erzeugt.

Vom Titel des zweiten Satzes „Gregorianische Rhapsodie“ ist das Konzertmotto abgeleitet. Die kontrastreiche Komposition zeichnet sich durch schnelle Wechsel zwischen aufwühlend-dramatischen und sanften, verträumten Harmonien aus. Dafür erfand Karg-Elert ein eigenes Thema im gregorianischen Stil. Dessen erste vier Töne verarbeitete er zu einer fantasievollen Fuge, die mit zarten Nuancen beginnt, auch wird darin das Motiv b-a-c-h zitiert.

Gottfried Mayer gestaltet eine mannigfaltig registrierte und effektvoll ausgearbeitete grandiose Klangmalerei, die mit einer überraschenden, von tiefen zu hohen Tönen aufsteigenden Gleitkadenz endet und an moderne Filmmusik erinnert. Mit begeistertem Beifall dankt das Publikum dem Kantor und Organisten für seine brillanten Interpretationen, worauf er noch den sanften, verträumten Nachtgesang von Sigfrid Karg-Elert als Zugabe spielt.

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Erstellt:
2. August 2022, 06:00 Uhr

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