Camp Century
Lost Place im Grönland-Eis: „Wir wissen nicht, was dort unten ist“
Trump erneuert seine Grönland-Ambitionen, doch unter dem Eis lauert bereits ein dunkles Erbe aus dem Kalten Krieg – was damals unter höchster Geheimhaltung geplant war.
© US Army/Jon Fresch
Mobiles Reaktormodul von Camp Century.
Von Michael Maier
Im Januar 2026 sorgt Donald Trump erneut für internationale Schlagzeilen, indem er seine Ansprüche bezüglich Grönland und Arktis bekräftigt.
Was 2019 von vielen noch als skurrile Idee oder PR-Gag abgetan wurde, hat sich im neuen Jahr als hartnäckige geopolitische Strategie erwiesen – oder ging es nur um schlitzohrige Ablenkung vom schwierigen Thema Ukraine?
Die erneuten Diskussionen um strategische Partnerschaften oder gar Kaufoptionen machen jedenfalls deutlich: Die USA sehen die Arktis als entscheidende Zone für die nationale Sicherheit und den Zugriff auf Ressourcen.
Doch die Aufregung um die aktuellen Begehrlichkeiten verdeckt oft eine historische Tatsache: Die USA waren längst dort. Und sie haben in der Vergangenheit nicht nur Wetterstationen errichtet, sondern im Geheimen eine ganze Stadt unter das Eis gefräst.
Wer die heutigen Ambitionen verstehen will, muss zurückblicken auf „Camp Century“ – den Beweis, dass das US-Interesse an Grönland wörtlich viel tiefer geht, als die aktuellen Schlagzeilen vermuten lassen.
Grönland als „Flugzeugträger aus Eis“
Der Blick zurück führt ins Jahr 1959. Der Kalte Krieg befand sich auf dem Höhepunkt, und die Angst vor einem sowjetischen Erstschlag dominierte das militärische Denken. Während heute über Rohstoffe und Schifffahrtswege diskutiert wird, sahen die Strategen der 50er Jahre Grönland als den perfekten, unsinkbaren Flugzeugträger aus Eis.
Unter dem Deckmantel der Grönland-Forschung
Unter dem harmlosen Deckmantel der Polarforschung begann das US Army Corps of Engineers mit einem wahnwitzigen Bauvorhaben. Riesige Gräben wurden in das Inlandeis gefräst, mit massiven Stahlbögen abgedeckt und anschließend wieder mit Schnee verschüttet.
Das Ergebnis war Camp Century – „City under the Ice“.
Für die bis zu 200 dort stationierten Soldaten bot sich ein surrealer Komfort. Während draußen arktische Stürme tobten, gab es im Inneren des Gletschers beheizte Wohnquartiere, ein Kino, eine Bibliothek und sogar eine Kapelle. Die Energie für diese Infrastruktur lieferte der PM-2A, der erste mobile Atomreaktor der Welt.
Das wahre Motiv: Projekt „Iceworm“ auf Grönland
Offiziell wurde Camp Century als Triumph der Wissenschaft gefeiert – und tatsächlich wurden hier die ersten Eisbohrkerne entnommen, die der Klimaforschung bis heute dienen. Doch das war nur die halbe Wahrheit.
Der eigentliche Grund für den enormen logistischen Aufwand trug den Codenamen Project Iceworm.
Der Plan war gigantisch: Ein Netzwerk aus 4.000 Kilometern Tunneln sollte unter dem Eis gegraben werden. Darin sollten 600 atomare „Iceman“-Mittelstreckenraketen auf Schienen ständig in Bewegung bleiben – unsichtbar für den Feind und nah genug an Moskau, um bei verkürzten Vorwarnzeiten jederzeit zuzuschlagen und das strategische Gleichgewicht im Kalten Krieg zugunsten der USA zu verschieben. Camp Century fungierte lediglich als Prototyp für dieses apokalyptische Unterfangen.
Camp Century im Inlandeis Grönlands
Die Ingenieure hatten jedoch einen entscheidenden Faktor unterschätzt: Die Dynamik des Eises.
Ein Gletscher ist kein statischer Felsblock, sondern eine zähflüssige, sich bewegende Masse. Schon wenige Jahre nach der Fertigstellung begannen sich die Tunnel von Camp Century zu verformen. Decken senkten sich, Wände kamen näher. Die Natur holte sich ihr Territorium zurück.
1963 musste der Atomreaktor entfernt werden. Das Projekt Iceworm wurde als undurchführbar eingestuft. 1967 verließen die letzten Soldaten die Basis. Sie ließen fast alles zurück, in der festen Annahme, dass der ewige Schnee das Camp für immer begraben und versiegeln würde.
Wissenschaftler William Colgan hat dort im Auftrag eines dänischen Instituts in den Nullerjahren Sondierungen vorgenommen. „Aber man versucht tatsächlich bewusst zu vermeiden, in das Trümmerfeld zu bohren“, so Colgan zu „Politico“. „Wir wissen nicht genau, was dort unten ist.“
Toxisches US-Erbe auf Grönland
Über 50 Jahre lang lag Camp Century still unter Dutzenden Metern von Schnee. Doch die Annahme der US-Armee, das Grab sei „für die Ewigkeit“, wankt. Hier schließt sich der Kreis zur aktuellen Debatte im Jahr 2026, denn der Klimawandel schafft Fakten, die politische Kaufangebote komplizieren.
Die Arktis erwärmt sich rasant. Wissenschaftler warnen, dass die Eisschmelze die Überreste des Camps in den nächsten Jahrzehnten freilegen könnte. Damit droht ans Licht zu kommen, was dort vergraben wurde:
- 200.000 Liter Dieselkraftstoff
- Große Mengen an PCBs (hochgiftige Chemikalien)
- Ungeklärtes Abwasser
- Radioaktives Kühlwasser aus dem Reaktorbetrieb
Sollte dieses toxische Gemisch ins Meer gelangen, droht eine Katastrophe für das empfindliche Ökosystem.
Apokalyptischer Lost Place
Camp Century bleibt ein Albtraum, der die aktuellen Vorstöße Trumps in einem anderen Licht erscheinen lässt. Während in Washington über strategische Akquisitionen nachgedacht wird, stellt sich in Nuuk und Kopenhagen eher die Frage der Verantwortung für Altlasten. Dänemark hatte damals – unwissend über die geplanten Atomraketen – die Erlaubnis gegeben. Die USA haben den Müll hinterlassen.
Grönländisches Tschernobyl?
Camp Century dient als Mahnung: Was in der Natur vergraben wird, bleibt nicht unbedingt für immer verborgen. Das erneute Interesse der USA an Grönland im Jahr 2026 mag strategisch motiviert sein, doch das strahlende Erbe der ersten amerikanischen Präsenz wirkt in die Zukunft.
Weder Grönland noch Dänemark hätten wohl ein Problem damit, den USA auf ewig die Souveränität über einen Landstreifen rund um das potenzielle arktische Tschernobyl „Camp Century“ zu überlassen.
