Lost Places
Marode und mysteriös: Geisterinsel vor Rügen zu ersteigern
In der Ostsee steht ein Relikt aus dem Kalten Krieg, das versteigert werden soll. Der Zustand ist miserabel, das Interesse dürfte dennoch groß sein.
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Am 4. Juni wird diese ungewöhnliche Immobilie, eine ehemalige NVA-Marinestation, in Hamburg von der Norddeutschen Grundstücksauktionen AG versteigert. Startpreis: 39.000 Euro.
Von Markus Brauer
In Mecklenburg-Vorpommern steht vor der Insel Rügen ein ganz sonderbares Relikt aus dem Kalten Krieg. Seine Position: 13 Grad, 36 Minuten Ost–54 Grad, 19 Minuten West. Sein Name: Ostervilm.
Die Anlage ist ein Überbleibsel aus DDR-Zeiten. Damals waren hier Marineschiffe über eine Kabelschleife im Meer gegen die Kollision mit tückischen Magnetminen gewappnet worden. Ein Verfahren, das im Kalten Krieg eine wichtige Rolle spielte.
Künstliche Mini-Insel auf 600 Holzpfählen
Die ursprüngliche Entmagnetisierungsstation der NVA-Marine wurde im Jahr 1954 künstlich auf rund 600 Holzpfählen in einer Wassertiefe von 10 Metern errichtet. Die Insel ist auf einer Betonrahmenplattform mit Eisenplattenverschalung und Holzbohlenbeplankung errichtet. Auf der Plattform gab es ein Wohnhaus und ein Maschinenhaus – spartanisch, aber funktional.
Heute ist von Ostervilm ist nur ein Lost Place geblieben, der wenig Romantik aufkommen lässt. Der bauliche Zustand ist denkbar miserabel: Setzungsrisse, verrostete Stahlteile, zerstörte Fenster sowie Schäden durch Natur, Vogelkot und Vandalismus. Algen wachsen an den Mauern empor.
Geschichte einer NVA-Marineanlage
Am 4. Juni wird diese ungewöhnliche Immobilie in Hamburg von der Norddeutschen Grundstücksauktionen AG versteigert. Laut Auktionskatalog liegt das künstliche Mini-Eiland zwischen der Halbinsel Reddevitz und rund drei Kilometer östlich der Insel Vilm mitten im Greifswalder Bodden mitten im Biosphärenreservat.
Der Greifswalder Bodden zählt mit mehr als 500 Quadratkilometern zu den größten Lagunen der deutschen Ostseeküste und ist zugleich ein sensibles Naturgebiet.
Nach der Wiedervereinigung verlor die Anlage ihre militärische Funktion und verfiel zusehends. Wind, Wetter, Kormoranen und Plünderern ausgesetzt, verrottete der verlassene Stützpunkt. Die Bundeswehr hatte keine Verwendung mehr für den im Meer stehenden Komplex.
Lange Zeit suchte der Bund als Rechtsnachfolger nach einem Käufer. Interessenten gab es mit wilden Vorstellungen. Von einem Spielcasino auf hoher See und Bordell war die Rede. Andere Investoren planten einen Erlebnis-Stützpunkt für Angler, eine Gaststätte für Wassersportler oder eine Teststation für Windkraftanlagen.
Den Zuschlag bekamen im Jahr 2001 der Architekt und Künstler Gerhard Benz aus Düsseldorf und der Maschinenbauingenieur Peer Wenmakers aus Bergen. Sie wollten hier einen Kunst- und Kulturort schaffen. Die Nutzungspläne scheiterten aber an rechtlichen Hürden, hohen Kosten und schwierigen Transporten. Eine öffentliche oder gewerbliche Nutzung war nicht möglich.
Vogelparadies statt Künstlerkolonie
Auf der maroden Station lässt sich jede Menge Geld „versenken“. Der moderate Kaufpreis und die geringe Pacht des Seegrundstücks konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass auf die Inseleigner auch angesichts aufwändiger Baustofftransporte stolze Instandsetzungskosten zukamen. Mehrere Ideen für eine zivile Nutzung – etwa als Kunstprojekt oder Ferienanlage – scheiterten bislang an Kosten und Lage.
Inzwischen hat sich die Plattform zu einem Rückzugsort für Vögel entwickelt. Vor allem Kormorane nutzen die Konstruktion regelmäßig als. Erreichbar ist das Objekt ausschließlich per Boot. Käufer erwerben laut Auktionskatalog zudem kein klassisches Grundstück, sondern ein Nutzungsrecht für eine 710 Quadratmeter große Wasserfläche und eine Nutzungsfläche von 250 Quadratmetern.
Das Entgelt für den Nutzungsvertrag mit dem Wasser- und Schifffahrtsamt Stralsund beträgt jährlich 75 Euro. Zusätzlich steht auf der Plattform eine 1,3 Tonnen schwere Keramikskulptur, die separat erworben werden kann.
„Schnäppchen“ für 39.000 Euro zu haben
Eine Vorab-Besichtigung ist laut Auktionshaus nicht möglich, da die Schäden an der Konstruktion zu groß sind. Die Auktion beginnt am 5. Juni um 11 Uhr, der Mindestpreis liegt bei 39.000 Euro. Veranstaltungsort ist das Haus der Patriotischen Gesellschaft an der Trostbrücke 4–6 in Hamburg.
Die Auktion ist öffentlich, Einlass in den Reimarus-Saal ist rund 30 Minuten vor Beginn. Wer mitbieten möchte, sollte sich vorab registrieren – idealerweise mehrere Tage vorher per E-Mail an kontakt@ndga.de oder telefonisch unter 0381/444 330 beziehungsweise 040/254 18 663.
Info: Lost Places
Lost PlacesFrühere Gefängnisse, verfallene Schulen, halb verschüttete Krematorien, verwaiste Schwimmbäder, baufällige Hotels: Orte, die einst belebt waren. Orte, die längst verloren, verlassen, verschwunden, verwünscht sind. Orte, die heute ein beliebtes Ausflugsziel für Hobby-Fotografen und soziale Netzwerker sind. Orte voller Geschichte und Geschichten. Orte, perfekt für außergewöhnliche Fotos.
Urban Exploring Urban Exploring oder kurz Urbexing und Urbex nennt sich die alternative Form der Stadterkundung nach verschwundenen, geheimnisvollen Stätten. Die Fans dieses Genres der Ruinen-Fotografie nennen sich selbst Urbexer. Was bringt Urbexer dazu, sich zu verlassenen, geheimnisvoll-verwunschenen Orten zu begeben? Dahinter steckt Neugierde, geschichtliches Interesse und die besondere Atmosphäre und Ästhetik verlassener Orten.
Rechliche Seite Neben der spannenden Suche nach verlorenen Orten darf man die rechtliche Seite nicht vergessen. Viele der brachen Gelände gehören privaten Eigentümern und das Betreten ist ohne deren Zustimmung nicht erlaubt. Rechtlich gesehen balancieren die Besucher am Rande der Legalität und könnten wegen Hausfriedensbruchs belangt werden. Dabei gilt unter Lost-Places-Suchern der Grundsatz: nicht einbrechen, nichts kaputt machen, nichts stehlen. Auch meldet die Polizei immer wieder Unfälle auf verlassenen Geländen und in baufälligen Gebäuden. Die Feuerwehr warnt deshalb vor dem Betreten von Lost Places. Nicht nur marode Industrieanlagen seien gefährlich, sondern auch Atemgifte, die auf den ersten Blick nicht sichtbar seien.
